Agil im Wunderland
Agil im Wunderland
30.08.2016
Das PokémonGO-Spiel hat weltweit einen ungeheuren Hype erlebt. Im Rahmen von Gruppendiskussionen und psychologischen Tiefeninterviews wurden insgesamt 40 PokémonGO-Spieler im Alter zwischen 16 und 25 Jahren sinnbildlich auf die Couch gelegt. Ermittelt wurden sechs zentrale Faszinations-Faktoren des Spiels sowie die Prognose, wieso der Pokémon-Hype nicht nachhaltig sein wird.

Tiefenpsychologische Analyse des PokémonGO Hypes

PokémonGO-Spieler laufen, suchen, fangen - und freuen sich über ein Comeback einer unbeschwerten Kindheit in einem Videogame to go. Die bereits aus Kindertagen vertrauten Weggefährten und Phantasiegestalten verwandeln die ganze Welt in ein globales Kinderzimmer. In seiner Einfachheit und intuitiven Logik macht PokémonGO die Welt, mit ihren Krisen und Terrorgefahren, wieder verlockend und überschaubar. Es motiviert zu spielerischen Entdeckungsreisen, bei der die Spieler eine Unermüdlichkeit entwickeln, die selbst Eltern teilweise unheimlich wird.

Die Verzauberung ihrer gewohnten Alltagswelt lässt die Spieler ihre Umgebung buchstäblich mit anderen Augen sehen. Sie werden zu Touristen im eigenen Sektor, die mit neugierigem Blick ihre Umgebung erkunden. Wie in Kindertagen erhält die Welt wieder eine wundervoll-geheimnisvolle Note. Es öffnet sich ein magischer Raum, eine Zwischenwelt, die nur durch das Kamera-Auge zu erkennen ist - und Nicht-Spielern verborgen bleibt. „Ich sehe was, was du nicht siehst“, lautet die gemeinschaftliche Devise aller PokémonGO-Spieler, die jedoch gleichzeitig den Ausschluss der Nicht-Spieler bedeutet. Und beide Parteien in einen Wettstreit der Sichtweisen bringt, in der jede behauptet, etwas zu sehen, was die andere eben nicht sieht.

PokémonGO hält die Spieler über Wochen in Atem, weil sie übergreifende Entwicklungs-Aufgaben erfüllen wollen. Ehrgeizig wollen sie ihre Pokémon-Sammlung komplettieren, ein höheres Level erreichen und irgendwann vielleicht auch der weltbeste Trainer sein. Dabei haben sie stets reale Erfolgserlebnisse, weil sie unterwegs, anders als bei Facebook, wirklich neue Freunde gewinnen, weil sie die Umgebung besser kennenlernen, weil das platzierte Lockmodul tatsächlich Menschen anlockt und sie sich durch die täglichen Märsche auch spürbar fitter fühlen.
Allerdings wird der Hype nicht lange halten. PokémonGO verzaubert zwar die Welt, aber vereinheitlicht sie auch. Egal, ob man sich in Köln, Paris oder Shanghai aufhält, die Welt erhält die gleiche wundersame Aura. Diese Standardisierung des Zaubers erzeugt bei den Spielern eine langsam zunehmende Beliebigkeit und Gleichgültigkeit.

Die sechs zentralen Faszinations-Faktoren im Überblick

1. Das Comeback der unbeschwerten Kindheit

Beinahe alle Spieler beschreiben, dass sie PokémonGO an ihre eigene Kindheit erinnert. Die 151 Pokémon-Charaktere, die es jetzt draußen zu fangen gilt, sind vertraute Weggefährten und Phantasiegestalten die jeder Spieler bereits mit neun, zehn oder elf Jahren gesammelt, getauscht, entwickelt und in den Kampf geschickt hat. Diese wiederbelebte innige Beziehung zu den Pokémons gründet sich vor allem darin, dass sie die komplexe Welt vereinfachen und sie überschaubar machen. Die 151 Charaktere lassen sich in 15 Grundtypen wie Feuer, Wasser, Eis, Gift, Psycho oder Drache klassifizieren. Da sie sowohl gut als auch böse sind, entsprechen sie viel stärker der Magie der Kindheit als der rationalen Logik der Erwachsenenwelt. Während für die Jungen die Pokémons früher eher Kampffiguren waren, mit denen man die eigene Macht und Stärke erproben konnte, standen für die Mädchen damals eher das kuscheligen Aussehen und die unterschiedlichen Charaktere im Vordergrund.

2. Spielerische Entdeckungsreisen im globalen Kinderzimmer

Das PokémonGO-Spiel schafft in seiner Einfachheit und intuitiven Logik einen kinderleichten Neuzugang in die altvertraute Pokémon-Welt. Die Pokémons sind jetzt nicht mehr nur im virtuellen Raum des Gameboys oder der Spielkonsole zuhause, sondern die ganze Welt mit ihren Krisen und Terrorgefahren verwandelt sich in ein globales Kinderzimmer, in dem man alleine oder gemeinsam mit Freunden auf Entdeckungsreise gehen oder spontane Erkundungs-Trips starten kann. Die Spieler werden zu Touristen im eigenen Land und erleben wieder eine spielerische Entdeckungslust, wie wir sie früher von der Ostereier-Suche im Garten kannten. Und die Freude der Spieler ist jedes Mal riesengroß, wenn sie endlich ein neues oder seltenes Pokémon aufspürt und fängt. Dabei entwickeln die Spieler eine Unermüdlichkeit, die sie selbst oder die Eltern überrascht. Stubenhocker mutieren zu Nestflüchtern und wandern stundenlang durch die Gegend, bis im doppelten Sinne irgendwann der Akku leer ist.

3. Die Verzauberung der Welt: Ich sehe was, was Du nicht siehst!

Bei ihren Entdeckungsreisen erleben die Spieler eine Verzauberung ihrer gewohnten Alltagswelt. Sie sehen buchstäblich ihre Umgebung mit anderen Augen. Sie tauchen in eine Art Zwischenwelt ein, in der sie immer wieder zwischen der Navigations-Ansicht auf ihrem Handy und dem neugierigen Blick auf die Plätze und Landschaften ringsherum wechseln. Und wie in Kindertagen bekommt die Welt auf einmal eine wundervoll-geheimnisvolle Note. Überall können seltene Pokémons lauern, die auf alle, die sie sehen können, eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausüben. Ähnlich wie in den Harry Potter-Romanen eröffnet sich ein magischer Raum, der nur durch das eigene Kamera-Auge erkennbar ist, aber den Muggels bzw. den Nicht-Spielern verborgen bleibt. „Ich sehe was, was du nicht siehst“, lautet die gemeinschaftsstiftende Devise der PokémonGO-Spieler, die aber gleichzeitig die Ausgrenzung der Nicht-Spieler bedeutet.
Immer wieder berichten daher die Spieler davon, dass ihnen die Nicht-Spieler mit einer Mischung aus latentem Neid und manifestem Argwohn begegnen. Häufig erfahren sie Unverständnis oder sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, blind für die Realität zu sein und dadurch Gefahr zu laufen, überfahren zu werden oder zu verunglücken. Damit reklamieren die Nicht-Spieler beharrlich die Seh-Hoheit für das wirkliche Leben. Im Wettstreit der Sichtweisen behaupten beide Parteien letztlich etwas zu sehen, was der jeweils andere eben nicht sieht.

4. Euphorisierende Entwicklungs-Aufgaben

PokémonGO versetzt die Spieler in eine über Wochen immer wieder aufflammende Euphorie, weil sie im Spiel übergreifende Entwicklungs-Aufgaben erfüllen wollen. Sie haben den Ehrgeiz ihre Pokémon-Sammlung zu komplettieren und wirklich jedes Pokémon dingfest zu machen. Vor allem, wenn es gelingt, ein eher seltenes Pokémon zu fangen, wird die Beute anderen Mitspielern stolz wie eine Trophäe präsentiert. Gleichzeitig will man aber die eigenen Pokémons weiterentwickeln, damit sie groß und stark werden und sich erfolgreich in der Arena im Kampf gegen andere Pokémons behaupten können. Die Erfahrungspunkte, die man beim Fangen oder Kämpfen erwirbt, dokumentieren dabei die erfolgreiche persönliche Weiterentwicklung. Anhand des erreichten Levels kann man im Vergleich mit anderen seinen persönlichen Entwicklungsstand ermessen. Und jedes neu gewonnene Level wirkt dann wie ein Etappenziel auf dem Weg vielleicht doch irgendwann der weltbeste Trainer sein zu können.

5. Beglückender Real-Umsatz

Anders als die Gamer, die oft über Stunden zuhause am Computer in eine andere Welt abtauchen, wahren die Pokémon-Spieler den Bezug zu ihrem Alltag. Sie treffen sich mit Freunden, unterhalten sich über Schule und Beruf oder machen Besorgungen und ausgedehnte Wanderungen. PokémonGo führt bei diesen alltäglichen Unternehmungen eine Art Huckepack-Existenz – im Nebenbei läuft das Spiel immer mit. Dabei machen die Spieler die Erfahrung, dass PokémonGo anders als die sonstigen Computerspiele unmittelbare Auswirkungen im realen Leben hat. Unterwegs kommt man mit wildfremden Menschen über Pokémon ins Gespräch und schließt neue Freundschaften. Man fühlt sich auf einmal tatsächlich fitter und gesünder, weil sich der Frischluft-Bewegungsradius vervielfacht hat. Wenn man unterwegs an einem Ort ein Lockmodul platziert, dann beobachtet man, wie tatsächlich auf einmal unzählige Menschen diesen Ort aufsuchen. Während man also bei Facebook und Co. oft erleben muss, dass die virtuellen Kontaktanbahnungen versanden oder die eigenen Postings verpuffen, haben die Spieler hier handfeste Erfolgserlebnisse.
Stolz berichten viele Spieler auch davon, dass sich auch ihre faktischen Kenntnisse über ihre Stadt oder Umgebung verbessert haben. Man realisiert auf einmal das kleine Denkmal oder das alte Bauwerk, an dem man immer achtlos vorbeigelaufen ist.

6. Globale Vereinheitlichung erzeugt Gefühl von Beliebigkeit

PokémonGO schafft für die Spieler nicht nur eine Vereinfachung, sondern auch eine Vereinheitlichung der Welt. Ganz gleich, ob man sich in Köln, Paris oder Shanghai aufhält, die Welt erhält die gleiche wundersame Aura. Diese Standardisierung der Wirklichkeit, die man auch von Ketten wie McDonald’s oder Starbucks kennt, erleichtert es, sich überall zu Hause zu fühlen. Das Gefühl von Vertrautheit schlägt aber nach einiger Zeit in ein Gefühl der Beliebigkeit um. Der Zauber der Welt ist globalisiert und nicht mehr spezifisch und einzigartig. Er erschöpft sich letztlich darin, dass in fremden Ländern oder auf anderen Kontinenten einige Pokémons zu finden sind, die es hier nicht gibt. Der standardisierte Zauber verliert daher mit der Zeit seine Magie und erzeugt bei den Spielern eine langsam zunehmende Gleichgültigkeit. Beobachtbar ist diese aufkommende Beliebigkeit bereits dann, wenn die Spieler zum x-ten Mal das gleiche Pokémon fangen. Das dann nicht mehr attraktive Pokémon wird in Tinder-Manier einfach weggewischt und einem virtuellen Professor Eich geschickt, der es in Obhut nehmen soll. Die zunehmende Gleichgültigkeit wird dazu führen, dass der PokémonGO-Hype mit der Zeit abebben wird. Schon jetzt fordern die Spieler neue Features wie Kampfverbesserungen, Wettkampf-Möglichkeiten, neue Schwierigkeitsgrade oder Tauschbörsen, damit die anfängliche Euphorie und Spielfreude wieder erwacht.

Letztlich wissen oder ahnen jedoch selbst die größten Fans, dass PokémonGO nur ein kindliches Spiel ist, dessen unbeschwerter Kindheits-Zauber sich mit der Zeit verflüchtigen wird. Von daher wünschen sich die Spieler keine oder allenfalls sehr dezente Pokémon-Merchandising-Produkte. Denn die würden den Käufer oder Nutzer als kindlich und naiv entlarven. PokémonGo soll sich also nicht materialisieren, sondern eine immer wieder belebbare Erinnerung an die Entdeckungsreisen der eigenen Kindheit bleiben.

© 2015 rheingold