Alles, nur kein Kinderspiel
Alles, nur kein Kinderspiel
10.10.2013
Aus dem Bauch heraus wird kaum noch Spielzeug gekauft. Pädagogisch wertvoll soll es sein und das Kind umfassend fördern – hoffen die Eltern. Aber wollen das auch die Kinder?

Was wollen Kinder? Diese Frage zu beantworten heißt, das Augenmerk darauf zu richten, was Eltern wollen, denn Eltern und Kinder leben in einem aufeinander bezogenen System. Das Miteinander in der Familie ist keine Einbahnstraße, nicht nur die Kinder machen das, was die Eltern wollen oder - in Opposition - nicht wollen, sondern auch Eltern orientieren sich zugleich an ihren Kindern. Denn Kinder sind längst Ausdrucksform der Eltern geworden. Aber Eltern geben nur scheinbar selbstbestimmt den Rahmen vor, in dem die Kinder leben. Denn die Kultur bestimmt die Ausgestaltung des Rahmens. Aktuell gibt unsere Kultur einen Rahmen vor, der sich paradoxerweise durch Grenzenlosigkeit auszeichnet. Alles scheint möglich, alles scheint machbar, wenn es nur ausreichend intensiv und konsequent verfolgt wird. In einer besinnungslosen Betriebsamkeit leben Eltern unter einem Erschöpfungsdiktat, in dem sie versuchen, die Allmachtsphantasien der Kultur unterzubringen.

Kinder werden als das Werk ihrer Mütter/Eltern gesehen. Der Schöpfungswahn unserer Kultur, alles selbst gestalten zu können, projiziert sich auf unsere Kinder und lässt sich schier grenzenlos an ihnen abhandeln. Dies eröffnet nicht nur unglaubliche Möglichkeiten, sondern bedeutet einen immensen Aufwand wie auch ein auswegloses Schuldbewusstsein: Tut man nicht genug, fördert man nicht ausreichend und macht sich schuldig an seinem Kind. Fördert man zu viel, raubt man seinem Kind die Kindheit und macht sich ebenso schuldig. Wenn alles möglich, alles machbar ist, ist die Kehrseite die Angst an dieser Multioptionalität zu scheitern.Eltern sind enorm verunsichert, denn sie wollen möglichst das Perfekte für ihr Kind und wissen nicht, was das ist oder sein wird. Gerade junge Eltern sind voller Hoffnung, Neugier und demonstrativer Selbstbestimmtheit und zugleich voller Sorge und Unsicherheit, was aus dem eigenen Kind wohl werden wird. Bereits im Kleinkindalter beginnt die Förderungsmaschinerie.

Lassen wir in den tiefenpsychologischen Interviews Familien von ihrem Alltag berichten, erscheint die Alltagsrealität der Familien geprägt durch einen hohen Kontrollaufwand, angetrieben durch die Machbarkeitsphantasien der Kultur.Hier geht es weniger um das Ideal einer liebevollen Familie, wie es noch vor Jahren war, sondern um eine scheinbar banale solide Absicherung, um materielle Versorgung, darum vernünftig, seine Leistung zu erbringen. Denn alle spüren, die Verheißung wie auch den Anspruch der ungeheuren Möglichkeiten. Erst in einer weiteren Vertiefung in den Gesprächen werden die Sehnsüchte nach Gemeinschaft, Zusammenhalt und der heilen Welt spürbar. Dies ist der Gegenentwurf zu den eher kindlichen Allmachtsphantasien unserer erwachsenen Kultur. Der Rückzug ins Familiäre spendet Eltern wie Kindern Halt und behandelt die Angst zu scheitern.

Eltern stehen unter einem enormen Druck, nicht nur das Perfekte ihren Kindern zu bieten, sondern auch aus ihnen herauszuholen. Kinder spüren diesen Leistungsanspruch der Eltern und deren Sorge, dass dieser Anspruch nicht eingelöst werden könnte.

Scheinbar in stillschweigendem Einvernehmen erleben die Kinder die Ängste der Eltern (meist der Mütter) zu scheitern und übernehmen diese. So bestimmen Ängste, es alleine nicht zu schaffen (in der Schule, im Sport, mit einem schlanken Körper) bereits den kindlichen Alltag.

Woher kommt die starke Leistungsorientierung im Umgang mit Kindern?

Es sind eben nicht nur die Kinder, um die es geht, sondern an unseren Kindern behandeln wir uns selbst. Schafft es mein Kind, habe ich es als Mutter geschafft, scheitert mein Kind, dann habe ich (als Mutter) versagt. Vor allem die Mütter stehen mit ihren Kindern praktisch selbst auf dem Prüfstand! Kinder sind das Projekt der modernen Mutter, unserer Gesellschaft geworden. Kinder sollen all das umsetzen und realisieren, was uns die multioptionale Gesellschaft als Chancen verspricht. Wenn ich es als Mutter nicht schaffe, alles zu werden, alles zu erreichen, dann soll es stellvertretend mein Kind einlösen.

Dieses Versprechen und dieser Anspruch sind grenzenlos. Kinder erhalten zwar immer wieder Grenzen im Sinne, was sie alles tun müssen (lernen statt spielen), aber psychologisch werden die Kinder konfrontiert mit den kindlichen Allmachtswünschen unserer Kultur. Es scheint grenzenlos, was sie alles realisieren und werden können, aber auch müssen. Indem Kinder die Multioptionalität unserer Gesellschaft leben sollen, versuchen die Eltern unbewusst durch Ihre Kinder Grenzen zu überschreiten.

Spielwaren sind ein Angebot, mit diesem Dilemma umzugehen und längst kein Kinderspiel mehr. Sie bringen einen doppelten Anspruch mit sich: in einem Zusammenspiel von pädagogischer Übersteuerung und magischer Überhöhung versuchen die Eltern durch das Spiel dem Anspruch der Kultur an sich und an die eigenen Kinder gerecht zu werden.

Pädagogische Übersteuerung

Eltern erleben sich mit ihren Kindern in einer Welt, in der sie sich in der Notwendigkeit sehen, ihre Kinder fit für‘s Leben zu machen. Spielwaren eignen sich wunderbar dazu, Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern und zu fordern. Unmengen an ‚pädagogisch wertvollem Spielzeug‘ gehen über den Ladentisch mit dem Versprechen, dass die Kinder dadurch ‚fürs Leben lernen‘.

Kaum ein Spielwareneinkauf erfolgt heute unvorbereitet, einfach so ‚aus dem Bauch heraus‘. Fast jeder Spielwarenkauf wird heute sehr umfassend vorbereitet, es wird via Internet in den verschiedenen Online-Shops geschaut, was es für welche Altersgruppe gibt, was dazu gebloggt wird, was pädagogisch wertvoll ist, wie die Preise sind. Welches Spielzeug ist gut, welches schlecht? Was für eine Art Mutter bin ich, will ich sein? Was für eine Art Mensch wird mein Kind? Wie kann das Kind sich die Welt durch Spielzeug am besten aneignen?

Wenn Kinder heute möglichst alles können und werden sollen, ist man so vielen Unsicherheiten ausgesetzt, dass Spielwaren zu einer Option werden, den Lebensweg des Kindes zu beeinflussen. Spielzeug ist dann nicht nur ‚Zeug zum Spielen‘, sondern eine ‚Ausrüstung fürs Leben‘. Spielzeug wird heute eine große und direkte Wirkung zugeschrieben, die man im positiven Sinne – auf einfache und direkte Weise - beeinflussen will: Gutes Spielzeug macht aus den Kindern gute und kluge Menschen mit sozialen Kompetenzen. Schlechtes Spielzeug treibt die Kinder auf die schiefe Bahn und macht sie aggressiv. Also, alles ganz einfach, muss man doch nur das richtige Spielzeug auswählen?

Leider nein, denn die Ansprüche und Anforderungen sind so komplex, dass sie sich auch widersprechen und gegenseitig aufzuheben scheinen. Zugleich möchte man in einer magischen Überhöhung mit Spielwaren nicht nur die Kinder fördern und fordern, sondern man wünscht sich den Glanz in den Kinderaugen, einen magischen Moment, der Eltern und Kindern in einem glücklichen Augenblick eint.

Mit der Spielware möchte man neben der maximalen Förderung Wertschätzung und Liebe schenken, die gute Mutter oder der gute Vater sein, die Erfüllung eigener verwehrter Wünsche ermöglichen und nicht zuletzt in den glänzenden Augen der Kinder einen zauberhaften Moment (mit)erleben. Spielwaren stellen dann den Versuch dar, für einen glücklichen Augenblick sich in wohliger Gemeinschaft mit dem Kind zu fühlen.

Die pädagogische Übersteuerung sowie die magische Überhöhung führen zu Überforderungen und Unsicherheiten bei den Verbrauchern. So sind die Eltern auf der Suche nach einfachen Orientierungshilfen und Hinweisen, die vermitteln, einen Teil der Verantwortung mittragen und bei Entscheidungsproblemen unterstützen. Was ist das richtige Spielzeug, das mein Kind maximal fördert und zugleich Kind sein lässt? Eltern sind auf der Suche nach Absicherung (das Richtige zu tun) und Entlastung (genug zu tun).

Und die Kinder?

Kinder spüren den Druck der Multioptioonalität und fordern Grenzen ein, denn Grenzen reduzieren die Multioptionalität und bedeuten eine Entlastung. Die kindlichen Wünsche sind zwar in einem Zusammenhang mit diesen erwachsenen expansiven Wünschen zu sehen, werden zudem ergänzt durch kindliche Wünsche nach Begrenzung. Dies wird deutlich im kindlichen Verhalten und in der kindlichen Spielauswahl.

Computerspiele sind somit keine grenzenlosen Erweiterungen unserer Realität, sondern das Angebot, sich in einem festen Rahmen zu bewegen. Indem ich ein Computerspiel wie eine Parallelwelt neben meiner realen installiere, schaffe ich mir hier eine Welt mit Überschreitungsmöglichkeiten, aber auch mit klaren Frames und Regeln. Werden diese Regeln nicht eingehalten, folgen die Konsequenzen. Das schafft Entlastung und gibt Sicherheit und Berechenbarkeit. In der Eindeutigkeit von Freund und Feind verschwimmen die Grenzen nicht wie im realen Alltag, in dem man alle mögen sollte. Hier kann ich mich mit meinen Freunden im Team – auch mal politisch inkorrekt - gegen die Gegner richten.

Kinder stehen heute vor der großen Herausforderung, die unerledigten Wünsche ihrer Eltern und der Gesellschaft zu realisieren und zugleich spielerisch Kind zu sein.

Was sollen Marken und Produkte für Kinder nun leisten? Es sind längst keine Kinderprodukte mehr, sondern Produkte und Marken für die Eltern-Kind-Einheit. So müssen Marken und Produkte somit Kindern und Eltern dienen. Sie sollten einen Spielraum entfalten und zugleich auch einen festen Rahmen anbieten! Kinderprodukte müssen immer Eltern und Kinder ansprechen! Bestenfalls bieten sie den Eltern eine Entlastung und zugleich das Versprechen, das Kind maximal zu fördern, es die Multioptionalität leben zu lassen mit einem Raum zum Experimentieren mit klaren Haltvorgaben.

Kinder lieben z.B. Kleidungsstücke, in denen sie aussehen wie Mama oder Papa und zugleich sich als etwas Eigenes entwickeln können. Diese Kleidung gibt Schutz für den Alltag, eine richtige Ausrüstung für’s Leben.So probieren Kinder wie auch Eltern beispielsweise im Anstoßen mit Kindersekt probeweise aus, wie es sich anfühlt, erwachsen zu werden. In dem Moment des Anstoßens mit den Eltern/anderen Kindern blitzt für einen Augenblick das auf, was es heißt erwachsen zu werden. Dieser Moment wird von den Müttern als sehr wichtiger und emotional wirkstarker Augenblick erlebt, wie ein kurzer Ausblick ‚in die Glaskugel der kindlichen Entwicklung‘.

Spielen ist also kein Kinderspiel, sondern eine sehr ernste Sache für Kinder und auch Eltern. Um als Produkt oder Marke möglichst erfolgreich zu sein, müssen sie neben den ernstzunehmenden Ängsten der Eltern/Kinder zu scheitern aufgreifen und zugleich Entlastung anbieten, die eine spielerische Leichtigkeit ermöglicht.
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