Amerikanisierung der Politik ist eher eine Psychologisierung des Wahlkampfes.
Amerikanisierung der Politik ist eher eine Psychologisierung des Wahlkampfes.
12.07.2005

These 1: Amerikanisierung der Politik ist eher eine Psychologisierung des Wahlkampfes

Wähler sind nicht an Parteiprogrammen oder an sachlichen Aussagen interessiert. Sie wollen wissen, wie sich ihr eigener Lebens-Alltag verändert oder fortsetzt. Sie wollen wissen, ob sie weiter ihre bisherige Lebens-Strategie vertreten können oder ob sie besser beraten sind, auf eine andere Lebens-Strategie umzuschwenken. Sie wählen letztendlich eine Vorstellung von ihrem zukünftigen Leben.

Beim Wahlkampf stehen unsere eigenen Bewältigungs-Strategien (Selbstbehandlungen) zur Debatte: Setze ich auf Reglementierung oder auf freie Entwicklung? Setze ich auf Abschottung oder auf Okkupation? Setze ich auf trotzige Durchsetzung oder auf Verstehens-Prozesse? Der politische Haushalt ist ein Vergrößerungs-Spiegel unseres Seelenhaushaltes - die Politik versinnbildlicht daher immer auch die Lebens-Rezepte, mit denen jeder einzelne weiterkommen will. Wahlkampf macht letztendlich Werbung für die Angemessenheit und Effizienz von Lebens-Strategien oder -Rezepten. Wahlkampf lebt davon, daß die Chancen und Begrenzungen/Verkehrungen von Strategien dramatisiert werden.

All das, was sich im Wahlkampf ereignet, die Kür eines Kandidaten, seine Auftritte und Reden, die verkündeten Ziele und die Plakate werden daraufhin betrachtet, welche Lebens-Strategie hier zum Ausdruck kommt. In all dem, was eine Partei macht, suchen die Wähler Antworten auf für sie zentrale Lebensfragen: Welches Lebensrezept vermittelt die Partei? Kann mich dieses Lebensrezept weiterbringen? Psychologisch betrachtet wählen wir nicht Politiker, sondern Lebens-Strategien oder Lebensrezepte. Der Wahlkampf ist letztendlich ein erbitterter Kampf unterschiedlicher Lebensbilder - oder besser gesagt Bewältigungs-Strategien (Expansion oder Abschottung, Individualität oder Gemeinschaft, Weiterführung oder Revolte). Der Wahlkampf packt den einzelnen, weil immer auch über seinen eigenen Umgang mit der Welt entschieden wird.

Die Amerikanisierung der Politik wiederholt das, was sich in der Privatisierung des Fernsehens bereits vollzogen hat. Man beschränkt sich nicht mehr darauf, von oben herab ein formalisiertes Programm zu verkünden, sondern man bezieht sich auf die Lebenswünsche, die Sehnsüchte und Ängste der Bevölkerung. Der Wahlkampf wird zunehmend psychologisch! Man sucht wieder eine sinnbildliche Ebene auf, in der jeder einzelne seine Lebensfragen mitbewegen kann: Persönlichkeiten versinnbildlichen Lebens-Strategien besser als Parteiapparate. Auftritte werden so inszeniert, daß die Botschaft bereits im Drumherum spürbar wird. Debatten werden so zugespitzt, daß die zur Disposition stehenden Grundverhältnisse herausrücken usw.

In der Vergangenheit wurde oft - sehr unpsychologisch - an den zentralen Lebensfragen der Wähler vorbei argumentiert. Es wurden Debatten initiiert, die den Lebensnerv der Bürger nicht trafen. Oder es wurde der Lebensnerv entscheidend verletzt: Die 5-Mark-Benzinpreis-Debatte der Grünen z. B. wird so zum Sinnbild für ein Leben in Einschränkung und für den Verlust der persönlichen Auto-Nomie.

These 2: Die Psychologisierung des Wahlkampfs ist eine Reaktion auf die Agonie des Politischen.

Die Werbung hat lange Zeit von der Propaganda gelernt. Heute ist es umgekehrt. Der politische Wahlkampf kann wieder von der Werbung lernen, sie muß wieder von der Werbung lernen, um ihrem zunehmenden Bedeutungs-Verlust entgegenzuwirken. Die lebensorientierende Funktion, die früher die Politik hatte, ist heute übernommen worden von den Stars der Musik- oder Fußball-Branche sowie von der Werbung und von der Mode. Einige Werbekampagnen haben einen größeren Einfluß auf die Lebensweisen der Bürger als viele Polit-Kampagnen. Die heutige Jugend interessiert sich nicht mehr für Politik, weil sie ihren ästhetisch-dramaturgischen Ansprüchen nicht mehr genügt.

Die Psychologisierung des Wahlkampfs ist ein verzweifelter Versuch, wieder die Aufmerksamkeit der Wähler zurückzugewinnen, wieder ins Zentrum des Interesses zu rücken. Die Politik nimmt damit den gesellschaftlich-medialen Verdrängungs-Wettbewerb auf, dem sie bislang selbst zum Opfer gefallen ist.

Wahlkampf wirkt - wie die Werbung - nur, wenn man Leute wieder in einen bewegenden Prozeß (Bilder in Entwicklung und Zerlegung bringen!) einbezieht. Man muß also andocken an der Lebenswirklichkeit der Wähler: Autofahren, Preisentwicklungen, Arbeitsplatz, Kinderversorgung, Saubermachen etc. sind Themen, in denen sich der alltägliche (Wahl-)Kampf der Strategien abspielt. Dieses Thema, dieser Komplex wird dann in Beziehung zu einer Bewältigungs-Strategie gebracht: Soll man das Autofahren weiter reglementieren oder setzt man auf freie Fahrt? Soll man geflissentlich sparen und wirtschaften oder Anschub-Investitionen riskieren?

Die Wähler geraten in einen dialektischen (Dreh-)Prozeß, indem sie das Für und Wider ihrer Strategien lustvoll hin- und herwenden oder belasten. Gleichzeitig suchen sie auch wieder eine Stabilisierung im Rahmen einer angestammten und entschiedenen Bewältigungs-Richtung. Die Wahl-Werbung kann daher nicht den Saulus zum Paulus machen, sie kann aber kleine Modellierungen von Lebensbildern und Lebens-Strategien erwirken.

These 3: Heute sind mehr denn je Personen und Persönlichkeiten in der Politik gefragt.

rheingold-Studien zum Millennium decken eine tiefe Sehnsucht nach Botschaftern und Botschaften auf. Wir begeben uns kurz vor der Jahrtausendwende auf eine vehemente Sinn-Suche. Wir entwickeln daher eine Sehnsucht nach Botschaften und Botschaftern, die uns für einen neuen Lebens-Sinn begeistern und uns Einsatz und Opfer abverlangen. Der eigentliche Wahlkampf in diesem Jahr wird daher nicht zwischen Schröder und Helmut Kohl, sondern zwischen Schröder und Guildo Horn stattfinden.

Die zentrale Wahlfrage ist, wer vermittelt uns die Lebens-Botschaften und Strategien, die uns begeistern. In der Vergangenheit haben das die Politiker nicht mehr geschafft. Sie haben unser Gemeinwesen verwaltet, aber keinen Gemein-Sinn gestiftet. Gemein-Sinn haben die wirklich bewegenden Gestalten wie z. B. Lady Di geschaffen. Sie haben uns in unserem Alltag, in unseren aktuellen Lebensfragen von der Mode, über die Kindererziehung bis hin zum Führen einer Ehe beschäftigt und bereichert.

Der Politiker heute darf sich nicht nur auf die Felder der Politik beschränken, sondern er muß im positiven Sinne ein Lebensführer oder Reiseführer sein. Er muß ähnlich wie Guildo Horn oder Lady Di die zentralen und banalen Lebensfragen der Menschen nach Liebe, Lebens-Sinn, Lebensausrichtung und Gemeinschaft aufgreifen. Er muß einen Weg aufzeigen, wie man in Zukunft glücklich und erfüllt leben kann.

These 4: Charakter ist Programm. Denn: Die verschiedenen Politiker und Parteien verkörpern unterschiedliche Lebensbilder bzw. Lebens-Strategien.

Helmut Kohl z. B. repräsentiert eine stoische Lebenshaltung, die sich trotz ständigem Wandel und vieler Versuchungen nicht beirren läßt. Er ist der Fels in der Brandung in einer Zeit, in der die Menschen ständig durch die Programm-Vielfalt der Wirklichkeit zappen und sich auf nichts mehr verbindlich festlegen können.

Schröder bedient einerseits Wünsche nach beherzten Taten und nach entschiedener Umgestaltung unserer Welt. Er greift damit eine Sehnsucht nach einem vollkommen anderen Leben auf, die kurz vor der Jahrtausend-Wende aufkommt. Gleichzeitig haben die Wähler aber auch große Angst vor Veränderungen. Sie fürchten, ihre Besitz-Stände zu verlieren oder umdenken und umlernen zu müssen. Schröder wird die Wahl gewinnen, weil er zwar Veränderung demonstriert, gleichzeitig aber auch garantiert, daß sich nichts großartig verändern wird.

These 5: Die Guildo-Mania ist die erfolgreichste Wahlkampf-Strategie der letzten 10 Jahre

Von Guildo lernen heißt siegen lernen. Psychologisch betrachtet hat Guildo Horn in seiner deutschen Wahl-Kampagne alles richtig gemacht. Er motivierte vor allem junge Leute massenhaft, sich für ein komplett anderes Lebensideal zu engagieren. Im Guildo-Wahlkampf lassen sich sechs strategische Erfolgsfaktoren ausmachen (1):

  1. Guildo schafft es, die Leute mitzureißen und zu begeistern. Er wirbt nicht mit Worten, sondern mit einem leidenschaftlichen Lebensgefühl. Ergriffenheit, Rührung und kindliche Geborgenheits-Stimmungen werden bei Guildo wach. Guildo ermöglicht eine (emotionale) Befreiung von der üblichen Coolheit und Abgeklärtheit.
  2. Guildo lebt bereits durch seine äußere heruntergekommene Erscheinung einen Gegenentwurf zur modischen Perfektion und zur Diktatur der Ästhetik. Seine Botschaft lautet: Lebe authentisch und ungekünstelt. Bekenne Dich zu Deinen Macken und Problemen! Befreie Dich von den Ansprüchen der Mode und Konvention.
  3. Guildo selbst ist in höchstem Maße glaubwürdig und authentisch. Der Schweiß avanciert zum materialen Symbol der Echtheit.
  4. Guildo schafft es, eine weitgehend apolitische Generation zu mobilisieren, da er jedem einzelnen das Gefühl gibt, mitbeteiligt zu sein und gebraucht zu werden. Guildos Triumph ist auch ein Triumph des eigenen Engagements des Wählers.
  5. Guildo entfacht einen starken Gemein-Sinn und ein tiefes Gemeinschaftsgefühl. Man ist mit Gleichgesinnten verbunden, verfolgt eine gemeinsame Sache und verfügt über kollektive Symbole: vom Schweißband bis zur Nußecke.
  6. Guildo vereinnahmt den einzelnen nicht total. Er läßt immer die Hintertüre offen, daß doch alles gar nicht wirklich ernst gemeint sind. So gewinnt er auch diejenigen, die Berührungsängste mit der Guildo-Welt haben.

Köln, im Mai 1998

(1) Ergebnisse einer tiefenpsychologischen rheingold-Studie zur Guildo-Mania

© 2015 rheingold