Angst um die Mama - Wer darf in die Krippe? Ursula von der Leyens Lehrstück um das Geliebt- und Verlassen-Werden
30.10.2007

Die Diskussion um die Krippenplätze lockt sie aus der Reserve – nicht nur, die meist männlichen Politiker, sondern auch Amts- und Würdenträger kirchlicher Institutionen. Die Argumente sind z. T. aberwitzig: Frau von der Leyen degradiere die Frauen zu Gebärmaschinen und das sei eine Entwertung der Frau – so die Argumente der katholischen Kirche. Ihrerseits hat die katholische Kirche die Frau nie als gleichberechtigt akzeptiert und ihre Hauptfunktion tatsächlich eher im Kinderbekommen gesehen.  Darüber hinaus könnte ja – rein theoretisch zumindest – jedermann froh sein, falls es so wäre, dass Frauen durch Krippenplätze dazu bewegt würden mehr Kinder zu Welt bringen – da ansonsten die Deutschen wohlmöglich doch noch aussterben. Dass viele Frauen gerne die Wahlfreiheit hätten, wird am Rande mitdiskutiert – von Frauen. Das Ganze ist aber  weder ein reines Frauen, noch  ein reines Männerthema, sondern zeigt vielmehr, wie Frauen und Männer sich in weiten Teilen Deutschlands arrangiert haben und wie schwierig es ist, diese Arrangements aufzubrechen.

Psychologisch steckt natürlich noch mehr dahinter. All die öffentlich diskutierten Argumente sind‚Cover-Story’ – Deckgeschichten – für etwas anders. Zentrum der Diskussion ist die Krippe – schon allein wegen ihres symbolischen Wertes. Schon bei dem Wort ‚Krippe’ ist es nicht mehr weit bis zum christlichen Marienbild. Ein Bild das mehr oder weniger bewusst immer noch das Mutterbild in Deutschland prägt. Die ‚heilige’ Mutter allein kann sich ideal um das Kind kümmern. Schon der Vater ist nur zweite Wahl. Eine zu frühe Abgabe des Kindes – in’ fremde’ Hände könnte es in seiner Entwicklung schädigen. Diesen Mythos können weder Studien aus Nachbarländern entkräften, die das Gegenteil beweisen, noch die Tatsache, dass es sich bei den  betreuenden Personen meist ebenfalls um Mütter handelt, deren schädigenden Einfluss auf nicht eigene Kinder irgendwie obskur wirkt.

Die christliche Mythologie gibt dabei die komplette Vorlage des heutigen Zusammenlebens: Die Mutter Maria – aus menschlichem Fleisch und Blut - an der Krippe kümmernd, umsorgend und später trauernd. Der Vater dagegen auf gespalten auf zwei Figuren: einen präsenten, aber nicht zeugenden und einen zeugenden, transzendenten aber nicht präsenten. Die Mutter Maria ist eine Bank im Sinne von Präsenz, Konstanz und Zuverlässigkeit. Die Innigkeit der viel beschworenen Mutter-Kind-Beziehung findet hier ihren Ursprung, der von vielen idealisiert wird. Wir allen hegen eine Sehnsucht nach einer intimen, engen, symbiotischen Bindung zur Mutter – wie sie im Mutterleib und den ersten Lebenswochen existiert. Dieser Zustand ist von kurzer Dauer  und entspricht kaum der Realität im Alltag von Müttern mit Kleinkindern – aber die Sehnsucht nach diesem Zustand hört nie auf und ist im Streben jedweder Form nach Liebe enthalten.

Was aber, wenn die Mutter den Dienst an der Krippe teilweise delegiert?  Weniger die Kinder, sondern vielmehr die Männer selbst fühlen sich dann  aus der Krippe geworfen, von der Mutter verlassen.  Warnungen stehen im Raum vor zu viel Verstaatlichung der Erziehung – sie greifen nicht auf ‚Fakts’ zurück, sondern verweisen auf die eigene – verständliche - Sehnsucht nach der Liebe und Nähe der Mutter. Verständlich besonders aus Sicht der vielen Kirchenmänner, die zumeist nie eine andere weibliche Liebe als die der Mutter erfahren haben.

Dass die Männer auch ‚Parts’ über nehmen müssten, in punkto Kinderbetreuung mehr belastet werden, um die Mütter zu entlasten, scheint diesem drohenden Liebesverlust gegenüber ein eher schwächeres Argument. Auch die Frauen müssen natürlich  umgekehrt verstärkt  in die Welt hinaus und haben nicht selten Angst davor. Viele gehen den ‚sicheren’ Weg und bleiben zu Hause. Die Krippenplatzdiskussion beinhaltet also einen Bildbruch, der an den bestehenden, tief- sitzenden Arrangements rüttelt. Das ist unbequem und unangenehm, wie die allermeisten echten Veränderungen im Leben.  

Das Argument der möglichen Schädigung ist aus psychologischer Sicht also eher eine Projektion. Nicht die Kinder werden geschädigt, sondern eigene Ängste um die innigste aller Lieben stehen im Vordergrund.

Und tatsächlich: der innige Liebes-Zustand ist im Alltag von Mutter-Kind-Bindung keine Realität. Gerade dort wo Mütter zu Hause bleiben sind sie oft genervt von 24h Betreuungen. Kinder entwickeln sich nicht besser, sondern zum Teil sogar schlechter, wenn jedweder fremde Einfluss auch erfahrener anderer Mütter fehlt – z.B. der Tagesmutter oder der Erzieherinnen in Krippen. Die Mütter, die ihre Kinder tagsüber abgeben,  sind darüber nicht selten vorfreudiger,  entspannter und – man glaubt es kaum -inniger im Umgang mit den Kindern. Darüber hinaus profitieren Kinder von Vätern und Müttern gleichermaßen – wenn Eltern sich anders als bisher arrangieren.

Dass dies schwierig ist und keine Vorbilder hat – schon gar keine die so tief greifen wie die Mythologie des Christentums können wir aus eigener Erfahrung sagen – als berufstätiges Paar mit zwei Kindern stehen wir oft vor zweifelnden und staunenden Menschen, die sich detailliert erzählen lassen, wie das geht. Es geht: als Paar, wenn beide mütterliche und väterliche Parts übernehmen und sich nicht nur beruflich von klassischen Rollenaufteilungen verabschieden. Neue, tragende und andere Vorbilder zu entwickeln und zu leben ist daher die Aufgabe der Zukunft. Vorbilder die gleichberechtigte Alternativen zu den bestehenden Rollenbildern liefern. Dann und nur dann haben Väter und Mütter wirklich Wahlfreiheit - Krippenplätze sind vor diesem Hintergrund dann weder eine Frage des ‚OB’ oder des ‚WIEVIEL’, sondern einfach eine Selbst-Verständlichkeit.

© 2015 rheingold