Arbeitsmarkt 2010
12.07.2005

Meine Damen und Herren,

Ich soll hier heute über die Zukunft reden. Der Arbeitstitel des Referates legt nahe, zu extrapolieren, was in etwa zwölf Jahren in dieser Gesellschaft, auf diesem Kontinent, auf diesem Planeten, in diesem Universum ''los'' ist und was vonseiten der Psychologie zu tun sei.

Ich will es kurz machen: Ich habe nicht den blassesten Schimmer, was in zwölf Jahren sein wird! Hätte man mich vor zwölf Jahren, also im Jahre 1985 gebeten weiszusagen, was bis heute, also 1997, in dieser Welt passiert ist und gerade geschieht, hätte ich gnadenlos danebengelegen. Dies gilt für meine persönlichen Belange (ich war damals gerade in den Anfängen meines Studiums) genau so wie für die Welt um mich herum. Man denke nur an: Tchernobyl, den Mauerfall, den 1. FC Köln im Abstiegskampf, um nur drei der bewegendsten und dramatischsten Ereignisse in dieser Zeitspanne zu benennen. Keines war ernsthaft vorauszusehen.
Es fiele mir also schwer, zwischen den Extremprognosen

  1. Psychologie ist führende Wissenschaft geworden und alle Psychologen wohnen in Villen im Taunus'' sowie
  2. Ein Virus hat alle Psychologen sowie Psychologie-Studenten nach dem Vordiplom hinweggerafft''

eine Position zu markieren, die dem nahe kommen könnte, was tatsächlich im Jahre 2010 sein wird.
Bevor ich aber nun das Feld ohne weiteres räume und Sie völlig ratlos und ungetröstet zurücklasse, möchte ich einen Aspekt des Umgangs mit Zukunft beleuchten, der veranlaßt zu hoffen, daß doch nicht alle zukünftigen Geschehnisse ''Kismet'' und damit unbeeinflußbar sind. Ich meine den Aspekt, daß man Zukunft aktiv und willentlich (mit-)gestalten kann - im Rahmen von Ideen, Forderungen, Konzepten - und vor allem durch Taten.

Bevor ich nun fortfahre, muß ich also den (vorläufigen) Arbeitstitel abändern. Er lautet nun:

Arbeitsmarkt 2010

Wie wollen wir uns den Arbeitsmarkt für Psychologie als Dienstleister in der Informationsgesellschaft machen?

Mit dieser modifizierten Fragestellung geht die Feststellung einher, daß die Zukunft nunmehr bereits begonnen hat und wir nicht mehr 12 Jahre warten müssen, um zu sehen, was passiert. Wir können praktisch sofort beginnen. Ich liebe solche Situationen. Ich habe in der Regel wenig Geduld und gehöre eher zu der ''Sofort-Aber Jetzt wirklich-Laß uns schon mal anfangen''-Fraktion.

Meine persönlichen Erfahrungen mit der aktiven Gestaltung von Zukunft sind eng verknüpft mit dem Institut, in dem ich seit fast 10 Jahren in geschäftsführender Position tätig bin. Das rheingold (bzw. frühere ''IFM-Köln'' bzw. noch frühere ''Grünewald+Lönneker'') - Institut für qualitative Markt- und Medienanalysen - begegnete in seinen Anfängen einem Markt, der alles andere als geebnet war für eine Art von psychologischer Forschung, wie sie uns an der Universität von Prof. Salber und seinen Dozenten vermittelt worden war.

Bis auf die verdienstvollen Pioniertaten von Dr. Melchers, dem Leiter des IFM-Freiburg, war das Etikett ''psychologische Forschung'' damals eher ein Defizit-Tattoo für solche Unternehmungen, die das Auszählen von Verbraucherauskünften in so kleinen Stichproben betrieben, daß der damalige Adelstitel ''statistisch repräsentativ'' nicht verliehen werden konnte. Diese Mini-Plebiszite wurden als Vorstudien zu ''richtigen Erhebungen'' von Unternehmen in Auftrag gegeben und haben einigen Instituten ein gewisses Auskommen verschafft. Man verzeihe mir an dieser Stelle die ungerechte Übertreibung. Es dies nicht der Ort, die sicherlich damals schon existierenden Ausnahmen zu würdigen.

Sicher aber ist: Was in der Folgezeit geschah - und dies auch und gerade mit kräftigem Druck aus Köln - war, daß Psychologie als gängiges Instrument und methodischer Zugang zum Verständnis von Märkten, Medien, Produkten, Images, Werbewirkung u.a.m. populär wurde.

Vokabeln wie ''psychologische Motiv-Spannungen'', ''Wirkungseinheiten'', ''Morphologie'', ''Verfassungs-Marketing'' wurden nach und nach gesellschaftsfähig. In vielen Unternehmen stützten und stützen sich Entscheider mehr und mehr auf qualitativ-psychologische Forschungsergebnisse. ''Statistische Repräsentativität'' ist längst nicht mehr die alleinseligmachende, wenn überhaupt eine seligmachende Währung in der Markterhebung.

Bevor ich nun vor lauter Schulterklopfen und der daraus resultierenden Schieflage vom Podium falle, möchte ich den Rest meiner Redezeit den strukturellen Aspekten unseres Feldzuges ''Psychologie erobert die Märkte'' zuwenden. Es stellt sich die Frage:

Gibt es eine Formel, die beschreibt, was eine Initiative der Psychologen als Dienstleister der Informationsgesellschaft heute und wegen mir bis ins Jahr 2010 erfolgreich machen kann? Ich denke ja - und nein.

Ja, weil sich Erfolg bereits eingestellt hat - da ist also was. Und nein, weil erstens zu einer kompletten Formel eben auch die Faktoren gehören, die sich sogar in der genauesten Analyse nicht zu Gänze aufdecken lassen - ''unbewußt bleibt unbewußt'' (Salber). Und zweitens: es gibt ihn, den ''König Zufall'', jenen unberechenbaren Gesellen, der uns einmal gewogen und dann aus unerfindlichen Gründen wieder ungewogen ist.

Aber es erscheint mir schon viel gewonnen zu sein, wenn man die erkennbaren Faktoren hier einmal auflistet und beschreibt. Das wäre dann so eine Art Zukunfts-Checkliste: Was muß ich beachten, wenn ich mir Chancen in den Märkten der Zukunft ausrechnen will?

Die Faktoren sind:

Den Kampf annehmen - ''konstruktive Aggressivität entwickeln''
Wir sind in ständigen Konkurrenzen um Aufträge oder Anstellungen: untereinander, aber vor allem mit den Kollegen von BWL, VWL, Soziologie, der diversen Lehrämter, den Historikern und Juristen. Sie alle behaupten (implizit, manchmal sogar explizit): ''Meine Ausbildung macht mich für diese Arbeit als Fachkraft, Planer, Entscheider, Organisator, Konzipierer, Verwalter etc. besonders qualifiziert''. Wenn sich Psychologen heute nicht in dieser Konkurrenz mit anderen Disziplinen erleben, dann deshalb, weil sie sich in den Jahren zuvor so an den Rand haben drängen lassen, daß sie gar nicht mehr mitkriegen, welcher Kampf im Zentrum tobt. Mein Rat: Werfen Sie sich selbstbewußt ins Getümmel und gebrauchen Sie wenn nötig ihre Ellbogen - die anderen machen dies auch und schon seit langem! Und besser qualifiziert sind sie deswegen noch lange nicht!!

Figur-Grund-Flexibilität üben - ''Psychologie undercover''
Es muß nicht immer Psychologie draufstehen, wo Psychologie drin ist. In den diversen Abteilungen der großen Unternehmen sitzen beispielsweise Produktmanager, Marketingleiter, Vertriebler, Personalmanager oder Marktforscher aller möglichen universitären Herkünfte.

In den Werbe-Agenturen gibt es ganze Operettenarmeen von Titelträgern, welche die unterschiedlichen Funktionen vom Kundenbetreuer bis zum strategischen Planer repräsentieren. Hier kann Ihnen ein konsequentes Insistieren auf Einstellung ''als Psychologe'' jede Türe versperren. Hilfreich ist es dagegen, wenn man in solchen Positionen eine konsequent psychologische Haltung als Bestandteil der persönlichen Stilbildung bei der Bewältigung seiner Aufgaben an den Tag legt. Ihr Erfolg hilft dann wiederrum anderen Bewerbern mit psychologischem Hintergrund usw. Auch Juristen haben mal so angefangen....

Themen besetzen - Die Mütze über der Mauer
Sagen Sie nie - ich wiederhole: nie! - Sie könnten zu einem Thema psychologisch nichts sagen und keine Stellung beziehen. Sagen Sie in jedem Falle: Ja, dazu kann die Psychologie etwas sagen. Und dann machen Sie sich schlau, was man denn sagen könnte. Jedes Thema, jeder Lebensbereich hat psychologische Aspekte, deren Aufdeckung einem Auftraggeber oder der Öffentlichkeit neue Einsichten und Erkenntnisse liefern können. So haben ohne großen Aufwand alle Beteiligten ''Gewinn'' davon, wenn Sie nur ''Ja'' sagen!

Trivialitäten ernst nehmen - den Alltag der Menschen mitleben
Es macht mich traurig und wütend, wenn ich mitbekomme, daß manche (und oftmals junge) Kollegen es als unter ihrem Niveau betrachten, sich in den Niederungen von Alltag und Alltagsmenschen aufzuhalten. Psychologie machen bedeutet auch, sich in den Räumen, die vom banalen Alltag bewohnt werden, auszukennen und zurechtzufinden. Dazu zählen: die Märchenwelten der Yellow Press, die Welt des Boulevards, das TV-Universum mit seinem Helden, Opfern, Komödianten, Dramen und Histörchen, heißen Preisen und kalten Kriegern. Wer hier nur Desinteresse und/oder Unkenntnisse vorweisen kann, hat schlechte Karten - als Alltagsforscher ist er praktisch unbrauchbar und als Gesprächspartner für (potentielle) Auftraggeber todlangweilig. Fast überflüssig zu erwähnen, daß im Bereich der Marktforschung Kenntnisse über Mode- und Musik-Trends, neue Werbekampagnen oder aktuelle Produktinnovationen zum täglichen Bildungsbrot gehören.

Sich ständig updaten und relaunchen - Ausruhen ist nicht
Wenn Sie sich vor etwas 6 Jahren einen Computer zugelegt haben, so war dies wahrscheinlich ein 386 AT mit 80MB Festplatte und 2 MB RAM. Es gibt keine einzige heute käufliche Software, die auf so einem Methusalem noch liefe. Sie müßen - ob Sie wollen oder nicht, spielt keine Rolle - updaten. Ähnlich ist mit unserer Situation in den Märkten.

Wir müßen ständig darauf aus sein, daß unser Rüstzeug, unser knowhow, unsere Methoden und Verfahren, unsere Präsentationen und Publikationen auf der Höhe der Zeit und frisch verpackt bleiben. Damit will ich nicht einem blinden Fortschrittsaktionismus das Wort reden. Vielmehr erachte ich es für sehr wichtig, daß wir eine Haltung zur unserer Arbeit entwickeln, in der jede Sitation und jeder status quo als Durchgangs-Stadium zu etwas Neuem, Anderen und - vielleicht, aber nicht sicher - Besseren verstanden wird. Wer heute - oder im Jahr 2009 - denkt, daß das erreichte Wissen und Können ausreicht, um die Existenz und den Erfolg für alle Zukunft zu sichern, der irrt und wird im Jahr 2010 das Nachsehen haben. Er würde wie jemand wirken, der behauptet, daß Windows ''97 auch auf einem 386er laufen kann.

Schluß

Die Zeiten sind schneller und unsicherer geworden. Ob man dies gut findet oder beklagt, ist letztlich egal. Nicht egal ist, daß die Flexiblen in Zukunft wesentlich bessere Chancen haben werden als diejenigen, die zur Schnellebigkeit der Zeit einzig die schnelle Festlegung beisteuern können (oder wollen). Auch wir in rheingold bekommen zu spüren, wie ''schnell'' auf allen Ebenen Trägheit und Zufriedenheit (zumal mit zunehmenden Alter) der Flexibilität den Rang abzulaufen drohen.

Wir steuern dagegen, indem wir Freiräume bereitstellen, in denen neue Dinge (in den Bereichen Kommunikation, Verfahren, Ablaufprozeduren usw.) erprobt und wenn möglich dem gesamten Institut zugute gebracht werden. Auch wird durch Neueinstellungen von frischen, hungrigen Kollegen der Prozess der Sedimentierung und Verkrustung (hoffentlich nachhaltig) aufgehalten.

Zum Abschluß noch etwas Persönliches. Mir ist meine eigene Zunft oftmals zu brav und schicksalsergeben. Ganz schlecht finde ich zudem, wenn sich das ''konstruktive Aggressionspotential'' vor allem in den inneren ''Schulen-Kämpfen'' verbraucht. Damit werden wir für unsere Konkurrenten zu leichter, weil wehrloser Beute.

Was uns gut täte, wäre m.E. eine Portion ''political uncorrectness'', mit der wir unser Handwerk offensiv nach aussen darstellen und vertreten sollten. Solange die Öffentlichkeit vom Psychologen vor allem das Bild des alles-verstehenden Laienpfarrers hat, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn man uns vor allem gerne in belanglosen Talkshows vorführt. Ärgern sollte uns, daß sich bei der Besetzung von Schlüsselfunktionen in der Wirtschaft, den Medien und der Gesellschaft bislang kaum jemals eine Psychologin/einPsychologe durchgesetzt hat. Ich finde, daß wir das ändern sollten!

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit

© 2015 rheingold