Besser glauben als dran glauben müssen
Besser glauben als dran glauben müssen
12.07.2005

Wenn heute über die "neue Religiosität" der Jugend gesprochen wird, so hat dies mitunter selbst den Charakter religiöser Betrachtungen. Man tut dabei häufig so, als könnte man das Phänomen aus sich heraus - also vom "Inneren" der Protagonisten - oder aber als "vom Himmel gefallen" verstehen, erklären und bewerten. Aber es ist den jungen Menschen nicht "einfach eingefallen", sich verstärkt für Kirche, den Katholizismus oder den Papst zu interessieren. Sie sind vielmehr einer Dynamik starker psychischer Kräfte ausgesetzt, die ich unter drei Begriffen charakterisieren möchte: Ritual, Passion, Sinn. 


Ritual

Junge Menschen brauchen, lieben und suchen Rituale. Jeder Erwachsene, der Kinder großzieht, kennt sie, die Rituale des Aufstehens, Waschens, Spielzeug-Sortierens, Schularbeiten-Erledigens. Die Lust und der Bedarf an einem zumindest teilweise ritualisierten Leben verschwinden nie ganz. Die TV-Übertragungen aus Rom über das Sterben und die Beisetzung Johannes Pauls II. sowie die Wahl und Amtseinführung des neuen Papstes Benedikt XVI. waren kostenlose Dauerwerbung für ein perfekt gestaltetes, Jahrhunderte gereiftes Ritual. Im Gegensatz zu früheren Zeiten, als man um der Modernität willen die alten Zöpfe lieber entfernte oder zumindest verdammte (vor allem in den 70er und 80er Jahren), bewegt und rührt uns heute die mittelalterlich anmutende Ernsthaftigkeit und Gottesgewissheit der Akteure. Diese wirken wie eine Botschaft aus einer besseren, weil in ihrem Glauben gesicherten und deshalb zukunftsfesten Welt.

Passion

Unsere psychologischen Forschungen mit jungen Menschen haben einen zentralen Befund erbracht: die zunehmende Erosion der sinnlichen, erfahrbaren und real "durch-lebbaren" Lebens-Qualitäten. Die jungen Menschen sehnen sich (wieder) nach einem "passionierten Leben". Sie leben aber in einer Welt, in welcher Leidenschaft und Leiden praktisch nur in vermittelter oder konsumierbarer Form erlebbar sind: als Kinospektakel, Fun-Sport oder Selbsterfahrungs-Event. Statt "Schicksal" ist heute meist lediglich "Schick-Sein" Trumpf. Leiden und Schmerz des verstorbenen Papstes riefen diese Leerstellen im eigenen Leben auf. Das bewegte und führte zum Wunsch nach Teilnahme und Teilhabe. Die Reise nach Rom - ob tatsächlich oder nur am TV-Schirm - nahm einen mit in eine unbekannte Welt wahrer (oder korrekt: "wahrerer") Empfindungen.

Sinn

Wir alle - und insbesondere die Jüngeren - dürsten nach einem Sinn im Leben. Das heißt, nach einer Welterklärung und Zukunftsbeschreibung, welche das heutige Leben als erfüllt oder wenigstens erfüllbar deuten. Die Fassade des päpstlichen Palastes ist daher für viele zur Projektionsfläche für zentrale Lebens-Themen geworden - mit einer paradoxen Wirkung: Das Leben erscheint lohnender, wenn man sich mit letzten Fragen und "end-gültigen" Werten beschäftigt. Mit der Wahl des deutschen Papstes hat nun ein weiteres Kapitel der Sinnsuche, Sinnstiftung und Sinnverheißung begonnen. Ausgerechnet unsere gebeutelte und "hoffnungs-arme" Gemeinschaft darf den neuen Papst stellen. Es kann in den Augen vieler kein Zufall sein, dass mit Joseph Ratzinger ein ausgesprochen wertkonservativer Mann das Kommando über die katholische Kirche übernahm. Es scheint, als würde ein besonders strenger, aber auch gerechter und gütiger "Papa" unsere vaterlos gewordene Gesellschaft zu neuem Sinn führen können. Sein Besuch in Köln beim Weltjugendtag wird zeigen, wie stark die Sehnsüchte und Hoffnungen sind, die auf ihn gerichtet und projiziert werden.

Die Frage nach einer neuen Religiosität in der jungen Generation kann also aus einem sehr weltlichen Zusammenhang beantwortet werden, dem wenig Spirituelles oder Transzendentes anhaftet: Eine altgediente Instanz bietet Sinn, indem sie keinen Zweifel an der Richtigkeit ihrer Botschaft zeigt und zulässt. Immer mehr Menschen - besonders viele jüngere - wollen lieber daran glauben, als dass sie Gefahr laufen, in einer sinnlosen Säkularwelt buchstäblich dran glauben zu müssen. Das kann, muss man aber nicht "neue Religiosität" nennen. Es könnte vielmehr auch als Alarmsignal und Appell an die weltlichen Instanzen gedeutet werden, die nichts dergleichen aufzuweisen und anzubieten haben.

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