Big Brother - Die Puppenstube
Big Brother - Die Puppenstube
12.07.2005

Big Brother ist für die Zuschauer mehr als nur eine Fernsehreihe - es ist ein Spektakel, das in seiner Bedeutung weit über ein in Einschaltquoten messbares TV-Ereignis hinausgeht. Das Interesse an Big Brother lässt sich nicht auf den gemeinen Voyeurismus oder die Sensationsgier der Zuschauer zurückführen, denn dafür sind die gezeigten Ereignisse viel zu unspektakulär und alltäglich.

Die anfängliche Erwartung der Zuschauer, bei Big Brother quasi mit göttlichem Blick sonst verborgene Skandale und Perversionen beobachten zu können, ist schnell enttäuscht worden. Big Brother bedient jedoch eine Sehnsucht, das alltägliche Leben wiederzuentdecken und drückt somit aus, wie sehr die Medien-Gesellschaft ein unmittelbares und ganz normales Alltagsleben verloren hat: Vor allem anhand des beobachtbaren Gruppenschicksals können die Zuschauer eigene Grundfragen des sozialen Zusammenlebens in allen Harmonie- und Krisenwendungen durchspielen.

Big Brother hat für die Zuschauer den Charakter eines kollektiven Gesellschafts-Spiels. Sie nutzen das Fernsehereignis wie Kinder ihre Puppenstube: Sie genießen die Eingriffsmöglichkeiten in das Schicksal der Figuren und deklinieren mit ihnen den banalen Koch-, Putz-, Dusch- und Gammelalltag durch. Sie spielen Vater, Mutter, Kind und überprüfen anhand der beobachtbaren Gruppendynamik eigene Beziehungsmuster, eigenes Rollenverhalten und persönliche Konfliktstrategien.

Es ist daher für die Zuschauer nicht notwendig, konstant und ausgiebig Big Brother am Bildschirm zu verfolgen, um an den Geschehnissen beteiligt zu sein. Die vielfältige Beschäftigung rund um das Thema hat den Charakter eines kollektiven Psycho-Spiels. Durch die Diskussion und Verlautbarung der eigenen Einschätzungen, Diagnosen und Prognosen gewinnen die Zuschauer - ebenso wie die Kritiker und Experten - ein souveränes Gefühl der Welt-Erkenntnis, das wohltuend mit dem kränkenden Nichtverstehen in der komplexen Alltagswelt kontrastiert.

Die rheingold-Studie differenziert vier verschiedene Blickrichtungen, die die Zuschauern nutzen, um die Welt einmal mit anderen Augen zu sehen:

  1. Der göttliche Blick: Der flüchtige Kitzel der Allmacht

    Das Interesse der Zuschauer an Big Brother war im Vorfeld der Ausstrahlung durch ungeheure Vorerwartungen geprägt. Sie waren fasziniert von der Hoffnung, selbst zum Big Brother zu werden und quasi ein göttliches Auge zu besitzen, dem nichts verborgen bleibt. Die Puppenstuben-Phantasien der Kinder, dass man die Dächer von den Häusern heben und in die Wohnungen gucken kann, sollten wahr werden: "Die können mir nicht mehr entweichen, ich sehe die immer." Die - durch die erregte öffentliche Debatte noch zusätzlich angeheizten - Vorphantasien der Zuschauer gingen in Richtung Extrem-TV: "Habe schon gedacht, dass es da dann wie in Sodom und Gomorrha zugeht." "Habe ich mir wie eine Art Jurassic Park mit Menschen vorgestellt."

    Doch die anfänglichen Allmachtswünsche der Zuschauer gingen über das bloße Gucken-können hinaus. Man hoffte, wie beim Puppenspiel, selbst das Schicksal der Figuren in der Hand zu haben, indem man mitentscheidet, wer gehen muss und wer bleiben darf. Das mitunter artikulierte "schlechte Gewissen" während der Rezeption ist ein Hinweis darauf, dass die Phantasien der befragten Zuschauer über die tatsächlichen Einwirkungsmöglichkeiten hinausgehen: Am liebsten würde man selbst das Drehbuch schreiben, bestimmen, wer mit wem anbändeln, und wer sich mit wem zoffen soll: "Thomas, Jana und Manu sollen raus, Kerstin wird ein Paar mit Alexander, und Zlatko zofft sich tierisch mit Andrea! Das wäre cool."

    Die Allmachts- und Einwirkungsphantasien der Zuschauer kontrastieren stark mit ihrer sonstigen gesellschaftlichen Lebenswirklichkeit, in der sie nicht mehr das Gefühl haben, großartig einwirken zu können oder unmittelbar an einer wichtigen Sache beteiligt zu sein. Alles ist betoniert, formalisiert und selbstregulierend. Man ist zwar tätig, fühlt sich aber weitgehend ohnmächtig. Big Brother bietet jedoch die Hoffnung der direkten Beteiligung an einem existenziellen Schicksal. Die eigene Stimme soll hier mehr Gewicht haben als in der Politik: "Die Politiker, die uns enttäuschen, können wir nicht abstrafen, doch hier ist ein Volksentscheid möglich, und die Leute fliegen dann wirklich raus."

    Big Brother hat aber diese überschießenden Vorerwartungen der Zuschauer gleich in der ersten Woche frustriert. Im Unterschied zur Puppenstube erleben die Zuschauer bei Big Brother enttäuscht die Grenzen ihrer Allmacht. Die Figuren entwickeln hier ein eigenes und unspektakuläres Leben. Es wendet sich doch immer anders als man denkt oder vorausplant.

    Richtet man sich bei einem Krimi auf einen spannenden Abend ein oder lehnt sich bei einer Comedy-Show locker zurück, läßt die Ankündigung "Heute Big Brother" die Stimmung noch völlig offen. Man weiß nicht, wird es langweilig, spitzt es sich zu, wird es traurig oder gemein. Es existiert kein Drehbuch, allein die Bedingungen und die menschliche Natur bestimmen die Geschichte. Enttäuscht erleben die Zuschauer, dass Big Brother so banal, unspektakulär, zufällig und unberechenbar ist wie das eigene Leben: "Es passiert da ja gar nichts." "Das ist genauso wie bei mir, wenn ich stundenlang auf dem Sofa abhänge: super langweilig!"
  2. Der Alltags-Blick: Die wiedergefundene Faszination des Alltäglichen

    Die anfängliche Enttäuschung über die Belanglosigkeit und Langeweile der Serie führt bei den Zuschauern entweder zu einem nachlassenden Interesse oder zu einer Umzentrierung ihres Blickwinkels: Die banalen, aber authentischen Alltagsprozesse werden jetzt lustvoll verfolgt. Die Zuschauer verabschieden sich vom "gewohnten TV-Anspruch", spannende Unterhaltung geboten zu bekommen und genießen es, den eigenen grauen Alltag einmal pur bei anderen zu erleben: "Komisch finde ich, dass mich da so ganz Banales interessiert, dass ich mir da so ganz belanglose Sachen ansehe, wie die reden, kochen, duschen."

    Längst schon selbstverständlich gewordene Handlungen geraten wieder in den Blickpunkt und werden wieder in Frage gestellt: Wie kochen die? Wie kommen die aus dem Bett? Wie gestalten die einen Abend ohne TV? Was machen die, wenn sie das Schnarchen des Mitbewohners stört?

    Ebenso, wie die Kinder im Spiel mit der Puppenstube den banalen Lebensalltag nachbilden und begreifen, wollen sich die Zuschauer vor Augen führen, was im Alltag alles drin ist und welche Kleindramatik selbst in banalen Verrichtungen steckt: "Mir sind die Nuancen wichtig. Nicht das Kochen an sich, sondern wie die kochen, wie die sich da verhalten, was die dabei denken." Sie achten daher auf die Entwicklungen, Übergänge, Stockungen, Pannen und Zähigkeiten, die mit alltäglichen Prozessen verbunden sind: "Wenn ich die beim Poppen sehen würde, dann wäre nicht so sehr das Poppen interessant, das auch, aber auch, welche Pannen es da gibt, wie ist es, wenn einer nicht kann. Und wie gehen die damit um, verschweigen die das oder überspielen die das?"

    Bei diesem ungeschminkten Blick auf den Alltag erfolgt ständig ein Abgleich mit der eigenen Lebens-Situation: "Ich gleiche das auch mit mir selber ab, gucke, wie stehen die morgens auf. Kratzen die sich auch am Hintern oder bleiben die liegen?" "Mich interessieren eher die Kleinigkeiten, so was wie, wenn die vorm Kleiderschrank stehen und sich fragen: Was ziehe ich an? Das kenne ich auch."

    Die Beobachtung des gemeinen Alltags ermöglicht es den Zuschauern, den selbstverständlich gewordenen Alltag wieder neu zu verstehen. Der Abgleich mit den anderen erfüllt eine Orientierungs-Funktion für die eigene Alltags-Gestaltung und hilft bei der Überprüfung und Etablierung normaler Alltagsmaße: "Wenn ich so sehe, wie die putzen, sich waschen oder rumlungern, habe ich das Gefühl, dass ich doch eigentlich ganz normal bin."

    Angesichts der bunten, gestellten und eher glänzenden bzw. außergewöhnlichen Bilderflut der Soaps, Serien, Illustrierten, Schaufenster und Werbung haben es viele Menschen in unserer Kultur verlernt, sich ihren eigenen, scheinbar grauen Alltag anzusehen. Der naive Blick in die Küche oder auf die alltäglichen Verrichtungen der Mitmenschen ist abgelöst worden durch den rezeptiven Blick in die TV-Programme und Illustrierten: Mit Big Brother kompensiert das Medium Fernsehen somit Defizite, die es selbst mitbegründet hat. Es bedient eine Sehnsucht, sich wieder jenseits der dramatisierten Bilderwelten mit der banalen, aber authentischen Kleindramatik des Lebens zu beschäftigen.
  3. Der Beziehungs-Blick: Auf der Suche nach der Streit-Kultur

    Neben der Kleindramatik des banalen Alltags schauen die Zuschauer aber auch mit großem Interesse auf die schwelende und brodelnde Groß-Dramatik der zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie werden quasi Zeugen, wie im Container eine Kultur, eine Einheit im Kleinen entsteht. Sie verfolgen gespannt, wie sich dort eine Einheit herausbildet, wie sie zusammenhält, welche Gruppierungen und Regulationen sie entwickelt. Man will wissen, was diese Einheit zulassen kann, was sie abwehren muss und wodurch sie bedroht wird: "Die geben sich noch alle Mühe, nett zueinander zu sein. Aber das können die nicht ewig halten. Dann kommt die wahre Persönlichkeit zum Vorschein! Und dann wird es spannend!"

    Die Zuschauer sind dabei nicht einseitig sensationslüstern, sie warten auch nicht auf den großen Knall oder die Orgie, sondern sie wollen mehr über das ganze emotionale Spektrum erfahren, das mit Gruppenverhalten, der Entstehung einer Liebschaft und mit Konfliktsituationen verbunden ist. Jeder kennt die Probleme des sozialen Lebens aus der eigenen Erfahrung: Konkurrenz, Eifersucht, ständiges Aufeinanderhocken, Streben nach Anerkennung und Beliebtheit, Profilierungswünsche und Neid. Gleichzeitig besteht aber auch eine große Unsicherheit, wie man mit diesen Situationen umgehen kann.

    In dem Big Brother-Experiment wird einem nun vorgelebt, wie man solche Situationen bewältigen kann, wobei nicht klar ist, ob die gewählten Strategien erfolgreich sein werden. Der Ausgang ist ungewiss, man kann jedoch die direkten Wirkungen der Aktionen nachvollziehen und mit seinen eigenen Beziehungs-Strategien abgleichen.

    Big Brother verspricht daher die Kompensation sozialer Defizite: Viele der Zuschauer haben es in unserer Gesellschaft fast schon verlernt, eine ausgeprägte und stabile eigene Beziehungs- und Streitkultur zu entwickeln. Die unzähligen Freizeit- und Unterhaltungsangebote, die uns nicht nur die Medien bereitstellen, helfen bei der Herstellung programmgemäßer Gemeinsamkeiten. Gleichzeitig verfügen wir über ein ungeheures Inventar an Rückzugs- oder medialen Ablenkungsmöglichkeiten, die es weitgehend verhindern, dass wir in offene Auseinandersetzungen und in eine eigene Streitkultur eintreten.

    Big Brother erscheint vor diesem Hintergrund als eine Welt, der diese ganzen hilfreichen Unterhaltungs- und Ablenkungsangebote entzogen sind. Die Zuschauer wollen erfahren, wie überhaupt ein (Zusammen-)Leben unter diesen reduzierten Verhältnissen möglich ist. Sie hoffen, durch Big Brother extreme Konfliktsituationen mitverfolgen zu können, deren Entwicklung in der Gruppe zu verstehen und die Reaktionen verschiedenster Charaktere gegeneinander vergleichen zu können.

    Big Brother wird hier zur "stellvertretenden Selbsterfahrung" und besonders für Jugendliche gar zum Lehrfilm: "Die haben ja alle bestimmte Rollen in der Gruppe, da wurde mir meine Rolle in meiner Clique erst mal deutlich!" "Der Jürgen spricht alles direkt an und ist trotzdem locker dabei, das finde ich klasse, das will ich in Zukunft auch probieren!"
  4. Der Psycho-Blick: Wir werden alle zu Experten

    Die Möglichkeit, menschliche Verhaltensweisen einmal unter extremen Bedingungen beobachten zu können, führt dazu, dass die Fernsehzuschauer eine fast wissenschaftliche Haltung zum Geschehen einnehmen und einen quasi psychologischen Blick entwickeln: Sie setzen sich intensiv mit den Biographien der Teilnehmer auseinander, achten vor dem Fernseher genau darauf, wie sie sich verhalten und entwickeln einen Ehrgeiz, hinter die Fassade jedes Einzelnen zu sehen: "Da muss ich selber rausfinden, was da los ist."

    Die Kommentare der einzelnen Teilnehmer im Big Brother-Raum über die andern Bewohner helfen, die eigenen Einschätzungen und Analysen abzugleichen. Dieses Mutmaßen, Verstehen und Spekulieren wird zusammen mit anderen Zuschauern vor dem Fernsehgerät durchgeführt. Ein intensives Psycho-Spiel setzt ein, in dem es darum geht, den anderen zu verstehen oder zu entlarven, seine eigentlichen Motive oder Ängste zu ergründen. Jeder, der die Regeln und Figuren kennt, darf bei diesem Spiel mitmachen: "Da zittere ich mit, rate mit und überlege ständig, wer mit wem."

    Der eigene Psycho-Blick und Expertenstatus wird dann weit über die eigentliche TV-Rezeption hinaus unter Beweis gestellt. Im Gespräch mit Freunden oder Bekannten, im stillen Diskurs mit den Zeitungs- und Illustrierten-Kommentaren hofft man, mit seinen Beobachtungen, Analysen und Prognosen zu brillieren. Vor allem, wenn sich die eignen Einschätzungen bestätigen, stellt sich bei den Zuschauern ein souveränes Gefühl des Welt-Verstehens ein.

    Dieses kontrastiert dann wohltuend mit dem verwirrenden und kränkenden Nichtverstehen, das die Zuschauer heute im Hinblick auf die immer komplexeren Entwicklungen in Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft verspüren. Die nationale Diskursfreudigkeit, die Big Brother nicht nur für die Zuschauer zum Thema Nummer eins macht, gründet sich in dem persönlichen Triumph-Erlebnis, am Beispiel von Big Brother die Natur und Kultur des Menschen erklären zu können.

    Eine Metamorphose dieser Diskursfreudigkeit zeigt sich in dem Eifer, mit dem sich Kritiker, Wissenschaftler und Institutionen auf das Thema stürzen: Durch die Auseinandersetzung mit Big Brother wird man zum Medien- oder Kultur-Psychologen, der ein Grundsatz-Bulletin über die Befindlichkeit unserer Medien-Gesellschaft abgeben kann.

Prognose

Big Brother schadet den Zuschauern nicht. Als eine Art Puppenstube für Erwachsene bietet Big Brother eine unterhaltsame Form der Alltags-Erkenntnis. Durch diese Fernsehreihe hoffen die Zuschauer, das verlorene soziale Alltagsleben wiederzuentdecken und ein souveränes Alltags-Verständnis wiederzugewinnen. Langfristig wird Big Brother die Zuschauer allerdings enttäuschen, denn die Fernsehreihe kann die Verheißungen von Allmacht und göttlichem Blick, vertieften Alltagsverständnis, Wiedererlangung der persönlichen Beziehungs- bzw. Streitkultur und des persönlichem Expertentums nicht einlösen. Der Zuschauer wird nicht zum Big Brother, sondern bleibt letztendlich ohnmächtig der Unberechenbarkeit und Undurchschaubarkeit des Lebens unterworfen. Von daher werden die Erwartungen des Publikums und der Medien auf neuere und extremere Formate verschoben werden.

© 2015 rheingold