Boxen-Stop(!) - Zur möglichen Psychologie eines Phänomens
Boxen-Stop(!) - Zur möglichen Psychologie eines Phänomens
12.07.2005

Maske, Rocchigiani, Michalszewski, Schulz, Foreman, Tyson. Namen, die man(n) heute kennt und unter denen man sich was vorstellen kann: Boxer und Boxidole. Es sind die neuen Heroen einer Zeit, in denen die Fußballnationalmannschaft höchstens noch den Schweizer Vier-Nationen-Cup gewinnt und Michael Stich die offenen Meisterschaften von Finnland.

Was macht Boxen - oder besser gesagt das Betrachten von Boxkämpfen - so beliebt? Oder aber auch: so gehaßt und ablehnungswürdig? Was läßt die einen wie die anderen (Befürworter und Gegner) so ausflippen? Was macht es so beliebt, heutzutage noch als ''älteres Semester'' in den Ring zu steigen und Kurse wie das ''Manager-Boxen'' zu besuchen? Was um alles in der Welt ist passiert?

Zunächst mal vorab, worum es ''geht'': Zwei Männer, spärlich bekleidet, steigen in ein Seilgeviert von etwa 6m Seitenlänge und hauen sich im Dreiminutentakt mit einminütigen Verschnaufpausen gegenseitig an die Köpfe und Oberkörper.

Je nach Status (Amateur oder Profi) und Anlaß (Qualifikation oder Meisterschaft) zwischen 3 und maximal 12 Runden lang. Ein sparsames, aber strenges Regelwerk hilft, die gröbsten Über- und Untergriffe der Unfair-neß zu vermeiden (Vorsicht: Tiefschlag verboten - wenn der Ringrichter es sieht!). Mehr oder weniger fachkundiges Publikum schaut sich das live oder in Konserve an und ''geht mit''. Medien berichten ausführlich über das Vorher, Während und Nachher des Kampfes. Über das Ergebnis (KO, TKO, Richter-Urteil) wird noch tagelang im Freundes- Bekannten- und Kollegenkreis diskutiert. Dabei mischen sich auch die Gegner des Sports in die Debatten ein: Sie weisen auf die möglichen oder tatsächlich zutage getretenen ''Schädigungen'' und ''Spätfolgen'' des ''brutalen Prügelns'' und for-dern warnend und empört ein Ende des sinnlosen Kloppens. Derweil sich die Mehrheit schon auf das nächste Großereignis freut, die Medien dieses in ersten Vorberichten ankündigen, der Vorverkauf bereits begonnen hat und ein rascher Ausverkauf der Karten abzusehen ist.

Worum nun dieses Bohei (weitere Fragen s.o.)? Es lohnt und ist span-nend, einmal von einer Typologie der Zuschauer her zu versuchen, dem Phänomen Boxen in einigen Facetten seiner Faszination und Besonderheit auf die psychologische Spur zu kommen.

Es folgt: die Typisierung der in ca. 6 Monaten vom Autor geführten Kommunikation und Konversation zu diesem Thema mit einem ''sample'' von ca. 30-40 Personen, welche ihr Erleben von Box-Beiträgen in den Medien sowie ihre Einstellungen und Haltungen zu diesem Sport geäußert haben. Indem wir einmal den Sichtweisen dieser Gruppen in bezug auf das Boxen Beachtung schenken, läßt sich vielleicht das eine oder andere über die Beschaffenheit des Box-Erlebens und der Box-Psychologie bes-ser verstehen.

Die Box-Experten waren bereits zu ''Schmelings Zeiten'' eng mit dem Sport verbunden. Für sie ist das Boxen ''der Sport an sich''. Im Boxen zeigt sich für die Experten am klarsten und ''treffendsten'', was ''Sport'' ist: Kraft, Technik, Taktik, Geber- und Nehmerqualitäten, Einsatz von ''Persönlich-keit'', Ausbilden von ''Stilen''. Andere Sportarten haben diese Grundqualitä-ten - aus der Perspektive der Experten betrachtet - z.T. aufgegriffen, sie aber auch verwässert. Also Boxen als Sport pur. Sie kennen sich in der Materie aus, wissen, wer wann gegen wen gekämpft hat und wie das Er-gebnis ausgegangen ist. Für sie ist der Boxsport eine komplette Welt, in der sich Personen, Karrieren, Legenden, Boxtraditionen, Ereignisse und anderes mehr zu einem Kosmos mit eigenen Gesetzen, Regeln und Ver-haltens-Codices zusammenfügen. Oftmals hat ein Experte auch eigene (Amateur-)Kampferfahrung.

Das materiale Symbol dieser Welt ist die platte Nase, die Schutzheiligen heißen Max Schmeling, Bubi Scholz oder Cassius Clay (nicht Muhammad Ali!).

Die Box-Romantiker erleben den Boxsport aus einer eher abstrakteren, ''intellektuelleren'' Perspektive. Ihnen erscheint das Boxen als ''Metapher des Lebens selbst''. Es sei ihnen an der Symbolik des Geschehens gelegen: ''Sich-Bekämpfen'', ''Durchstehen'', ''Durchbeißen'', ''In-die-Seile-Gehen'', ''An-genockt-Werden'', ''Aufrappeln'', ''Über-die Runden-Kommen'', ''Vom-Gong-Gerettet-Werden'' etc. Den Romantikern zeigt sich im Boxen das Leben unverfälscht und unbeschönigt, ehrlich, hart und gerecht. Man schreibt Gedichte und füllt Kolumnen mit romantischen Beschreibungen, die sich der Ästhetik und den Wohltaten dieses Sports für die Psychohygiene un-serer Kultur widmen: Henry Maske als Reinkarnation der verlorengegan-genen deutschen Empfindlichkeit. Oder: die Zärtlichkeit des linken Aufwärtshakens.

Dem Sensationsdürstigen sind solche Subtilitäten wurscht. Ihn begeistert die Chance, live und am Bildschirm Teilhabe zu nehmen an neuen histo-rischen Ringschlachten, denen der Ruf des ''Jahrhundertkampfes'' oder die Wahrscheinlichkeit gnadenloser Niederschlagung eines Ringteilnehmers anhaftet. Er besinnt sich auf die glorreichen Zeiten der 70er Jahre, als es noch Usus war, in den frühesten Morgenstunden aufzustehen, Kaffeema-schine und Fernseher anzuwerfen und die Kämpfe von Muhammad Ali, Frazier, Foreman oder Spinks live zu verfolgen.

Der Neu-Entflammte erscheint ein durchaus verbreiteter und für unsere Betrachtung wichtiger Typus. Hier ist - ähnlich wie beim ''Romantiker'' zu beobachten - das metaphorische Moment des Boxes ausgeprägt. Aller-dings erscheint es hier weniger ein verklärendes und ''erhebendes'' Moment zu sein, welches den Umgang und Zugang zum Boxsport prägt. Vielmehr wird das Boxen gesehen als ein Verkürzungs- und Vereinfachungsmodell in unserer mit Komplexitäten, Umwegen und Abwegen gespickten Wirk-lichkeit: Boxen ist "einfach", Boxen ist "direkt", Boxen ''wirkt sofort''. Es wird eine Entscheidung herbeigekloppt, die unweigerlich einen zum Sie-ger, einen zum Verlierer und den Zuschauer in jedem Fall zum partizipie-renden Nutznießer macht. Vor diesem Hintergrund ist ein ''Unentschieden'' ein höchst ärgerlicher Sonderfall - fast ein ''Unfall'', der zum Glück recht selten passiert.

Die Indifferenten können das alles nicht verstehen. Nicht, daß man et-was gegen das Boxen speziell hätte. Meist ist der gesamte Sportbereich sowie die Begeisterung für einzelne Disziplinen kein Tummelfeld für Af-fekte und Leidenschaften. Man entbrennt eher für Musikgruppen oder an-dere Kultur-Errungenschaften, wandert gerne in der Eifel und fährt im Sommer auf entlegene griechische Eilande.

Bei der täglichen Lektüre der Zeitung werden die Sportseiten meist unge-lesen weggelegt oder unverzüglich dem Ehemann über den Früh-stückstisch gereicht. Sport und das Boxen gehören ''einfach'' nicht zum re-levant set solcher Biographien.

Die Angewiderten sind mit einer Art Ekel-Faszination an den Boxsport gebunden. Sie schauen sich Kämpfe an (wenn sie denn in der prime-Time stattfinden oder am nächsten Morgen im TV wiederholt werden etc.) und empören sich über die primitive Schlägerei, die freiwillige Risikobereit-schaft der Kontrahenten, das pompöse Brimborium vor den Kämpfen wie z.B. Michael Buffers posauntes ''Hennrüüüü Maaaaaskeeeee'' und anderes mehr. Im Falle ernsthafter Verletzungen oder gar krankenhausreifer KOs weisen sie daraufhin, daß solcherart Verletzungen wie Hirnschäden, Blu-tungen, Brüche u.ä. willkürlich und fahrlässig vom Boxsport und seinen Anhängern hingenommen würden und daß letztlich das Profitinteresse der Manager und Promoter über Schwerverletzte oder gar Leichen hin-wegsteigen würde. Munition erhalten sie aus den Medien, die oft genug in ihren Kommentar-Spalten anprangern, was sie im redaktionellen Teil ge-rade noch ausführlich und genußvoll geschildert haben.

Es liegt diesen Zeilen keine streng methodische empirische Erhebung zum Thema Boxerleben zugrunde - eine solche sollte vielmehr durch sie ange-regt sein. Es seien - vielleicht zur Einstimmmung auf eine gründliche Un-tersuchung des Phänomens - einige Hypothesen aufgestellt, die man durch eine solche Arbeit stützen, erweitern oder widerlegen könnte.

  1. Alle beobachteten ''Typen'' sind aus einer ''Wurzel'' heraus zu verstehen. Sind in einem jeweiligen ''Affekt-Verhältnis'' an die Charakte-ristika und Besonderheiten des Boxens geknüpft. Das ist - paradoxer-weise - auch von der Haltung der Indifferenten aus argumentierbar. Für den Affekt braucht es eine Disposition (ein Problem, eine gewordene see-lische Strukturiertheit) - wenn die fehlt, geht einem das Für und Wider des Boxens schlichtweg am ''seelischen Arsch'' vorbei.
  2. Boxen wirkt wie ein Symbol oder eine Metapher für eine kom-promißlose Entschiedenheit. Der Affekt - sowohl der Befürworter wie der Gegner - wäre damit an das Problem der Entschiedenheit ''getackert''. Was ein Entschiedenheits-Problem heute sein kann, sei an dieser Stelle einmal in Verbindung mit dem jahrelangen Bosnien-Elend gebracht: Hier wird ebenfalls hingeschaut und Partei ergriffen, aber es geschieht - über Monate und Jahre - praktisch nichts, was einem ''Ergebnis'' oder einer ''Lösung'' gleich käme.
    Boxen boxt uns in solchen Zeiten durch seine Protagonisten buchstäblich eine Schneise der Entschiedenheit und des Durchsetzungs-Willens in eine anscheinend zauderliche und zögerliche Wirklichkeit. Zugleich macht dies auch Angst. Was man entschieden - sozusagen finster entschlossen - be-treibt, birgt Gefahren, Kehrseiten, die Möglichkeiten des Scheiterns oder der Selbstbeschädigung ''in sich''. Darauf kann man dann reagieren, indem man in stufenweiser Empfindlichkeit entweder bereits bei einem (eher harmlosen) Augenbrauencut, einem Niederschlag oder aber (erst) bei ei-nem KO mit Bewußtlosigkeit aus der Solidargemeinschaft der Box-Be-fürworter aussteigt und die Barbarei gegenseitiger Beschädigung be- und anklagt. Zugleich mischt sich in den Klageton aber immer wieder unver-hohlener Genuß. Im Ausmalen und Ausbeschreiben der tatsächlichen oder vermeintlichen Gefahren kann man auch teilnehmen am ''bösen'' Treiben der Entschiedenheit - als Mahner, Reformer oder Märtyrer, der es einer geselligen Runde nicht ''verderben'' möchte und deshalb - angewidert zwar - den samstagabendlichen WM-Fight mitanschauen ''muß''.
  3. Boxen-Anschauen kann sich auswirken auf unser alltägliches Entschiedenheits-Konzept. Diese Hypothese erscheint mir die interes-santeste und zugleich ''wackligste''.
    Während in den Medien ständig eine m.E. sinnarme Diskussion darüber geführt wird, ob das Betrachten eines Boxkampfes ''Aggressionen'' schürt oder abbaut, könnte der Nachweis eines Wirk-Einflusses des Box-Be-trachtens auf die Entschiedenheits-Situation im Alltag eine interessante Bereicherung unseres Wissens um die Verrechnungs-Prinzipien unseres Alltags-Verhaltens bringen.

Ich neige zu der Einschätzung, daß - je nach Typus - das Boxen einen Beitrag sowohl zu einer Hinwendung zu mehr Entschiedenheit als auch zu einem ''Weg-Delegieren'' von Entschiedenheit an die beiden einsamen Ring-Kämpfer leisten kann. Hier kann eine genauere Betrachtung der Si-tuation Klärung bringen. Kommen die Menschen heutzutage mit dem An-schauen von Boxkämpfen ''besser über die Runden'' ihres Alltags? Oder aber: Liegt im Boxen ein Stück ''Lebenskunst'' verborgen - wie uns manche Romantiker dies weismachen wollen?

Mir will beim Schreiben dieser Zeilen scheinen, daß bereits in diesen Überlegungen etwas vom ''Wesen'' des Boxens ''getroffen'' worden sein könnte. Zugleich ruft da etwas nach mehr Entschiedenheit: Es sollte je-mand noch entschiedener als hier geschehen dieses neue Massenphäno-men untersuchen! Für Rücksprache und Anregungen stehe ich dabei gerne zur Verfügung. Man findet mich Dienstags abends ab 7 beim Training im Boxkeller des Neptunbades in Köln-Ehrenfeld.

© 2015 rheingold