Coole Jugend ohne Lehrjahre
Coole Jugend ohne Lehrjahre
12.07.2005

Ursache für die anhaltend hohen Unfallzahlen junger Fahranfänger sind nicht einfach Imponiergehabe oder Leichtsinn, sondern gefährliche Kehrseiten des übergreifenden Jugendkults: Weil alle ''forever young'' sein wollen und den Leitbildern "Mobilität" und "Perfektion" frönen, bleibt Jugendlichen kaum Raum, ihre Mobilität Schritt für Schritt zu entwickeln und durch try-and-error zu erlernen. ''Die Jugend'' gibt sich zwar abgeklärt, cool und erwachsen, stößt aber aufgrund der fehlenden Lehrjahre im Straßenverkehr an Grenzen. Jugendliche vermissen dabei die für ihre Entwicklung notwendigen Maßvorgaben in der Kultur des ''Nichts-ist-unmöglich''.

Jugendkult ohne Lehrjahre

Wie eine rheingold-Studie im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrates DVR zeigt, liegt der psychologische Hintergrund für das unfallträchtige Verkehrsverhalten junger Fahranfänger zwischen 18 und 25 Jahren in unerfüllbaren Anforderungen der Alltagskultur.

Seit Jahren frönt die ganze Gesellschaft einem Jugendkult, der durch die Leitbilder "Mobilität" und "Perfektion" bestimmt wird: uneingeschränkte Mobilität in der alltäglichen Lebensgestaltung, konsequenzloses Zappen zwischen Rollen und Lebensprogrammen. Lehrer wollen auch Fans, Rentner auch Backpacker, Kleinbürger auch Börsianer sein. Perfektion in der Inszenierung der wechselnden Rollen wird dabei zum Maß aller Dinge: entscheidend sind perfektes Auftreten und Outfit als Biker, Runner, Skater etc.

Dieser übergreifende Jugend-Kult besetzt nicht nur alle Lebensbereiche und Trends, sondern blendet auch völlig aus, dass zum Jung-Sein die Pubertät gehört. Unperfektes, peinliche Missgriffe, mühsames Einüben und Lernen, kurz: Pickel und weiche Knie sind verpönt. Jugendliche sollen sich gleich wie erwachsen verhalten, sobald sie die Kindheit hinter sich gelassen haben und ohne Lehrjahre heranwachsen. Gefragt ist volle Mobilität, wenn dem Verkehrs-Novizen zum Beispiel am Tag der Führerscheinprüfung der erste eigene Wagen bereit gestellt wird.

Unsicherheit hinter coolen Kulissen

Auf den ersten Blick entspricht die heutige ''Jugend-Cool-Tour'' dem Jugendkult und seinen Anforderungen von Mobilität und Perfektion in verblüffendem Ausmaß. Jugendliche geben sich cool und souverän, realistisch und zweckoptimistisch, kooperativ oder auch angepasst. An die Stelle des Generationenkonflikts ist abgeklärtes Einvernehmen mit der Elterngeneration getreten, was auch einen gesicherten Rückzug ins ''Hotel Mami'' ermöglicht.

Ein Blick hinter die coolen Kulissen zeigt jedoch merkwürdige Unsicherheiten, traurige Desillusioniertheit und auch Orientierungslosigkeit. Für die Jugendlichen bleibt bei der Suche nach Identität und Lebenssinn kein Raum mehr, Lebenssituationen auszuprobieren, um "aus Erfahrung klug" zu werden.
In ihrer Not, ohne Lehrjahre erwachsen werden zu müssen, hat sich demonstrative Abgeklärtheit als Bewältigungsstrategie durchgesetzt. Jugendliche geben sich cool und verpuppen sich dabei wie eine Larve - in der Hoffnung, später ohne Übergang und Lehrjahre in die Rolle des Erwachsenen schlüpfen können.

Kehrseiten im Verkehr

Im Straßenverkehr kann dieses Verhalten fatale Konsequenzen haben. Viele Fahranfänger fühlen sich vom Verkehrsgeschehen hoffungslos überfordert, manch einer vermeidet anspruchsvollere Verkehrslagen wie Stadtverkehr oder Einparken. Andere legen eine betont lockere und souveräne Haltung an den Tag, um peinliche Unsicherheit zu verstecken. Die typischen Unfallgeschichten zeugen entsprechend häufig von ungeahnten Überforderungen, blamablem Entgleiten und kopflosen Fehlleistungen. Was wie "Raserei" aussieht, hat man so oft gar nicht gewollt. Nur einige Randgruppen holen als ''Crash-Kids'' durch lebens-müde Aktionen direkt zum verzweifelten Gegenschlag gegen den unerfüllbaren Anspruch aus, schon in der Pubertät perfekt mobil zu sein.

Wirksame Präventionsmaßnahmen sollten an der Alltagswirklichkeit der Jugendlichen ansetzen und Lösungen aufzeigen. Der Königsweg zur Veränderung des Verkehrsverhaltens ist daher das Aufgreifen und Entschärfen der übersteigerten Jugendideale von Mobilität und Perfektion. In der Kultur des Jugendkults vermissen Jugendliche v. a. die Beachtung durch einen erwachsenen Blick, der wohlwollend mit "Lob und Tadel" ihren Entwicklungsstand markiert und in der Beliebigkeit der narzisstischen Alltagskultur ein Maß vorgibt. Jugendliche erwarten Antworten auf die Frage, wie sich Mobilität für weitreichende Lebensziele und ihre bewegenden Lebens- und Liebesfragen einsetzen lässt - erst dann können sie schrittweise in den Verkehr hineinwachsen.

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