Das Fenster zum Sinn
Das Fenster zum Sinn
12.07.2005

Zeigte sich beim öffentlichen Sterben des Papstes eine neu erwachte Frömmigkeit oder gar die Rückbesinnung auf die Bedeutung und Autorität der Amtskirche? Oder gibt es aus psychologischer Sicht andere Erklärungen für die überwältigende Anteilnahme und emotionale Intensität in weiten Teilen der heranwachsenden (und nicht nur katholischen) Generation? rheingold hat die Jugendlichen auf die Couch gelegt und in einer tiefenpsychologischen Studie Erkenntnisse gesammelt, die sich nahtlos an Ergebnisse anderer rheingold-Jugend-Studien anknüpfen.


- Die Anteilnahme an Leiden, Sterben und Beisetzung Johannes Pauls II. beruht nicht auf einer ‚neuer Frömmigkeit‘.

Die jungen Menschen fühlten sich bewegt und berührt von der Teilhabe am Leiden und Sterben eines allen bekannten und trotz aller Widersprüchlichkeit sehr beliebten Menschen. Er führte ihnen auf dramatische Weise die end-gültigen Konsequenzen von Leben, Leiden und Vergehen vor Augen.

- Das Geschehen am und auf dem Petersplatz eröffnete den jungen Menschen für einige Tage ein ‚Fenster zum Sinn‘

Die Fassade der päpstlichen Residenz wurde zur Projektionsfläche für zentrale Lebens-Themen. Die Vorhänge der Fenster seiner Gemächer verbargen und enthüllten zugleich den jeweiligen Stand seiner Leiden. Hier zeigte sich der Pontifex, von Schmerzen und Erschöpfung gezeichnet und bis zum Ende seines irdischen Lebens kämpfend und nicht kapitulierend, zum letzten Mal. Man begriff intuitiv die grausame Wahrheit seiner letzten Botschaft: Leiden, Entbehrung und Schmerz gehören zu einem Menschenleben ganz genau so dazu wie Freude oder Lust.


- Der sterbende Papst symbolisierte und offenbarte den Sinn von Passion

Die jungen Menschen sehnen sich insgeheim nach einem ‚passionierten Leben‘. Sie leben in einer Zeit, in welcher Passionen (Leidenschaft u n d Leiden!) nur in vermittelter oder ‚konsumierbarer‘ Form erlebbar werden: als Kinospektakel, Fun-Sportart oder Selbsterfahrungs-Event. Sie sind weitgehend abgekoppelt von Lebens-Zusammenhängen, in denen Werden und Vergehen, Leiden und Aushalten, Durchmachen und Konsequenzen, wahrer Sinn und Sinnlichkeit geboten – oder aber auch verlangt! – werden. Leiden und Schmerz des Papstes riefen diese ‚Leerstellen‘ im eigenen Leben auf und machten sie erfahrbar. Das bewegte und führte zum Wunsch nach Teilnahme und Teilhabe.

- Gemeinsames Mit-Leiden als zeitweilige Erlösung vom Unleidlichen

Ob auf dem Petersplatz oder zuhause im Gespräch mit Freunden – die jungen Menschen entdeckten für den Zeitraum einiger bewegter Tage schicksalshafte Themen und Gedanken neu: Wofür leben wir? Was ist im Leben ‚wirklich‘ wichtig? Was wird aus uns werden? Sie wähnten sich näher und unmittelbarer an diesen Lebensfragen, weil einer es für sie durchmachte – stellvertretend und radikal. Mit ihm zu leiden hieß auch: ‚mitgenommen‘ zu werden in diese andere, wahrhaftigere Wirklichkeit weit außerhalb der eigenen Horizonte.


- Statt nachhaltiger Folgen vollzieht sich bald eine
Rückkehr zu Normalität

Es ist nach den Erkenntnissen von rheingold damit zu rechnen, dass sich dieses ‚Fenster zum Sinn‘ für die jungen Menschen schon bald wieder verschließen wird. Der Alltag und seine ‚üblichen Rituale‘ werden bereits bald die neuen Erfahrungen und Emotionen einholen und überdecken. Die Eindrücke und Nachwirkungen vom Leiden, Sterben und Fortgang des Papstes kulminieren derzeit in dem Ruf nach einer schnellen Heiligsprechung. Darin wird bereits ein gewisser Normalitäts-Ruck erkennbar. Als ‚Ikone‘ und ‚Jugend-Idol‘ kann Karol Woityla in den Olymp der posthumen Verehrung aufsteigen. Damit wird aber zugleich die weitere Auseinandersetzung mit existentiellen Schicksals-Erfahrungen wie Endlichkeit, Verlust und Unwiederbringlichkeit verhindert.


- Verpasste Chance?

Die Ereignisse der letzten Wochen zeigen überdeutlich, dass die ‚heutige Jugend‘ Begeisterungs-Fähigkeit und Passions-Bereitschaft besitzt – wie jede Generation vor ihr auch! Jedoch leben die jungen Menschen derzeit unter Bedingungen, welche man mit
‚Nicht bestellt und auch nicht abgeholt‘
beschreiben muss. Jugendarbeitslosigkeit, fehlende Visionen, mangelnde Perspektiven und fehlende Führungs-Stärke seitens der älteren Generation bedingen und verstärken die derzeitige Rat- und Tatlosigkeit. Die Jugend leidet weniger an Bewegungs- denn unter Bewegtheitsmangel! Junge Menschen sehnen sich nach Sinn, Sinnlichkeit und Perspektiven. Die Geschehnisse von Rom waren also ein Appell, ein Hilferuf und eine Demonstration – gerichtet an den (weiter) lebenden Teil der erwachsenen Generation. Die für alle sehr bewegende und überraschende Wahl von Josef Kardinal Ratzinger kann(!) dazu führen, dass das neue Engagement für Papst und Passion sich gerade in Deutschland zu einer neuen Jugendbewegung ausweitet. Insbesondere hat der Weltjugendtag im August in Köln wegweisende Bedeutung. rheingold wird diese Entwicklung mit weiteren Untersuchungen begleiten.

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