Der Blick ins schwarze Loch - Interview zur Finanzkrise auf Stern.de 
Der Blick ins schwarze Loch - Interview zur Finanzkrise auf Stern.de 
16.10.2008

 Stephan Grünewald, Psychologe und Geschäftsführer des Kölner Rheingold Instituts für qualitative Markt- und Medienanalysen, über die Folgen der Finanzkrise für die Volksseele. Ein Interview von Stern.de

Herr Grünewald, werden die Deutschen durch die Finanzkrise wieder von der alten Zukunftsangst heimgesucht?

Unsere Tiefeninterviews lassen das befürchten. Womöglich stehen wir vor einem Stimmungsumschwung wie 2001 nach dem Platzen der Internetblase und den Anschlägen auf das World Trade Center, als sich die Nation in der unsicher werdenden Welt zunehmend ins Private zurückzog und aus Angst zu sparen begann.

Die „German Angst“, wie Amerikaner die Neigung zur Schwarzmalerei spöttisch nennen, war doch längst Geschichte.

So schien es. Mit der Fußballweltmeisterschaft 2006 im eigenen Land hatten die Deutschen ungeahntes Selbstbewusstsein gewonnen. Sie feierten plötzlich, gingen aus sich heraus, bekamen Beifall von der Welt. Die WM war eine echte nationale Lockerungsübung. Doch dieser Optimismus, diese Lebensfreude hielt nur anderthalb Jahre an. Schon Ende 2007, als die Spritpreise explodierten, die Inflationsrate stieg und die Konjunktur sich abschwächte, begann die Stimmung wieder zu kippen. In diese wackelige Grundstimmung traf die Finanzkrise.

Warum ist von den Jahren des Aufschwungs so wenig Esprit übrig geblieben?

Die Politik hat es versäumt, den kollektiven Siegeswillen der WM aufzugreifen und in eine nationale Grundstimmung umzumünzen. Bundeskanzlerin Angela Merkel versuchte es anfangs recht geschickt mit der Klimakatastrophe und wollte uns zu Weltmeistern der Klimarettung machen. Bei diesem Streben nach Gemeinsamkeit wurde sie aber bereits von Teilen der Wirtschaft torpediert, etwa durch die Gier Einzelner, die sich in den Auswüchse bei den Managergehältern ausdrückte. Außerdem merkten die Menschen bald, dass der Aufschwung nicht mehr Geld in ihre Säckel spülte.

Ist die Schockwirkung der Finanzkrise mit dem Schrecken des 11. September 2001 vergleichbar, als Terroristen Flugzeuge in die Türme des World Trade Center jagten?

Sie ist vielleicht sogar noch nachhaltiger. Der 11. September war zwar ein ähnliches Horrorszenario, aber für die Menschen vergleichsweise fassbar. Die einstürzenden Türme versinnbildlichten, dass zwar vieles zusammengebrochen war, die Börsenkurse, die Wirtschaft, die Arbeitsplätze. Aber der Zusammenbruch war endlich. Bei der Finanzkrise fürchtet man dagegen, dass sie nie mehr aufhört. Die Leute sind also mit einem unfassbaren Horrorszenario konfrontiert.

Wie gehen sie damit um?

Die Unfassbarkeit führt zum vollkommenen Verdrängen. Man weiß zwar, dass Banken hops gehen, blendet es aber aus. Aus diesem Grund rennt auch kaum jemand zu seiner Sparkasse und hebt sein Geld ab. Wenn wir aber in unseren Tiefeninterviews hinter die Fassade gucken, merken wir, dass die Leute in Wahrheit in ein schwarzes Loch blicken, in dem alle Besitztümer zu verschwinden drohen: Geld, Jobs, Renten. Das schwarze Loch ist für sie so ungeheuerlich, dass sie es am liebsten verdecken. Daher klammern sie sich beschwörend an die Stabilität der Banken und fordern vehement den starken Staat, der sich machtvoll vor das Loch stellen und Unheil abwehren soll.

Das Vertrauen in die Banken ist noch nicht zerstört?

Nach unseren Erkenntnissen gibt es keine Vertrauenskrise. Wir haben erst vor wenigen Tagen Studien zum Bankensektor abgeschlossen. Merkels Schachzug, die Spareinlagen zu garantieren, war deshalb aus meiner Sicht voreilig.

Und wie fest ist der Glaube an die Marktwirtschaft, die nach der reinen Lehre stets für Ausgleich und Gerechtigkeit sorgt?

Die Wirtschaft hat seit etwa einem Jahr ein generelles Imageproblem. Die Leute sprechen der Politik inzwischen mehr Wirtschaftskompetenz zu als sie der Wirtschaft Sozialkompetenz zutrauen.

Zumal jetzt allerorten wieder Jobabbau und Sparrunden angekündigt werden.

Ja, leider. Was mit der Finanzkrise in der Wirtschaft geschieht, ist die bekannte self-fulfilling prophecy. Man fürchtet die Rezession und tut dummerweise das, was sie begünstigt: Investitionen aussetzen, Arbeitsplätze abbauen.

Wie lange wird die schlechte Stimmung anhalten?

Wir haben das letzte Mal eine WM im eigenen Lande gebraucht, um aus dem Loch zu kommen. Die nächsten drei bis vier Monate sind entscheidend. Wenn sich die staatlichen Eingriffe auszahlen, die Konjunktur sich nur abschwächt und die Arbeitslosenzahlen halbwegs stabil bleiben, könnte der Optimismus zurückkehren. Wenn aber weitere Horrormeldungen folgen, wird die Stimmung deutlich schlechter. Verdrängung funktioniert dann am besten, wenn immer neue Hiobsbotschaften das alte Verdrängungstrauma wieder aufreißen.

Was brauchen die Deutschen, um schneller wieder guter Dinge zu sein?

Einen „Klinsi“, jemanden der Teamgeist beschwört, Gemeinschaft, Gerechtigkeit. Der Ziele formuliert, die wir gemeinsam stemmen können.

Ob Klinsmann gerade der richtige Mann wäre? Bayern München dümpelt unter ihm in der Bundesliga auf einem peinlichen Platz 11.

Dass Klinsmann derzeit in Bayern strauchelt, ist auch so ein Sinnbild für die ganze Finanzkrise: Die alten Galionsfiguren versagen kläglich.

Interview: Rolf-Herbert Peters

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