Der Kölner, sein Kölsch und die Weizenbier-Fraktion
Der Kölner, sein Kölsch und die Weizenbier-Fraktion
12.07.2005

Sommerzeit ist Biergartenzeit. Auch und gerade in Köln. Alt und Jung (vor allem aber Jung!) tummelt sich in der Außengastronomie. In den letzten zehn bis 15 Jahren ist die Zahl der Gaststätten, Brauhäuser und Restaurants, die einen Biergarten oder Tische auf dem Bürgersteig (auf gut kölsch: Trottoir) bereithalten, sprunghaft angestiegen. Bereits bei Temperaturen knapp über 15 Grad Celsius trauen sich die ersten Unentwegten, ihr Kölsch unter freiem Himmel zu trinken.

Kölsch? Bei genauem Hinsehen zeigt sich, daß eine andere Sorte Bier, zumindest in der warmen Jahreszeit, dem Kölsch so manchen Prozentpunkt Marktanteil im Gastronomie-Ausschank streitig macht: das Weizenbier. Immer mehr - wenn auch (noch?) lange nicht die Mehrheit - der Freiluft-Bierfreunde bestellen sich ein meist in der 0,5-Liter-Flasche gereichtes Weizen. Die Eingieß-Versuche in das Original-Weizenglas sind dabei oftmals mit großer Schaumentwicklung verbunden. Dies tut jedoch offenbar der Freude am Weizenbiergenuß keinen Abbruch.

Die Psychologen des Kölner Instituts für qualitative Markt- und Medienanalysen rheingold sind jetzt der Frage nachgegangen: Was macht Weizen neben dem angestammten Kölsch im Kölner Raum so erfolgreich? Warum läßt sich der Lokalmatador Kölsch in seinem eigenen Reich so leicht angreifen - wo doch auch das Kölsch eine erfrischende, obergärige Bierspezialität ist? Kann man von seiten der Kölschbrauer etwas gegen die südliche Unterwanderung unternehmen? Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, hat rheingold die Trinkmotive und Trinkwelten der beiden Sorten analysiert.

Kölsch ist für seine Anhänger "die schönste Nebensache der Welt". Wobei dies durchaus wörtlich zu nehmen ist. Kölsch muß fließen, es wird schnell gezapft, schnell getrunken, will schnell "erneuert" werden. Ein gut gezapftes frisches Kölsch ist für den Liebhaber dieser Spezialität ein idealer Begleiter für einen geselligen Abend - in manchmal überraschend hoher Frequenz und großer Menge. Dabei vergißt man meist nach kurzer Zeit das Getränk und wendet sich seinen Gesprächen, Scherzen oder Flirtereien zu. Man entwickelt mit Kölsch mitunter eine ungeahnte Mobilität: In den Biergärten oder Hinterhöfen ungezählter Vorstadt-Gaststätten stehen auffallend viele Gäste mit ihrem Kölsch in der Hand, obwohl durchaus noch Sitzgelegenheiten vorhanden sind.

Wer noch genauer beobachtet - oder wer die Kölschfreunde in psychologischen Tiefeninterviews oder Gruppendiskussionen zu ihren Trinkgewohnheiten befragt, erfährt, daß man mit dem Glas in der Hand auch gerne mal herumwandert und die Gruppe oder den Gesprächspartner wechselt. Die schlanke Glasform und die relativ kleine Gebindegröße fördern hierbei die Mobilität. Somit kann der Kölner seinem liebsten Hobby frönen: dem "Klaafe", dem unverbindlichen "Verzäll".

Das Kölsch schmiegt sich in diese Tätigkeit ein, fällt nicht groß auf, beschwert seinen herumwandernden Träger nicht. Ist das Glas ausgetrunken, nimmt man dem ebenfalls umherschweifenden Kellner, dem Köbes, einfach ein weiteres aus dem Kranz und setzt seinen Konsum unkompliziert fort. So könnte das, jedenfalls für viele Kölner, stundenlang weitergehen.

Wie anders ist der Weizenbierkonsum! Man ist buchstäblich "gesetzter". Man handhabt sorgfältig Flasche und Glas zum Zwecke des möglichst erfolgreichen Eingießens und balanciert sein schweres, kopflastiges Glas höchstens von seinem festen Platz auf dem Biergartentisch zum Mund und wieder zurück. Das Weizen-Trinken ist im Erleben der Verwender sehr viel gediegener und geht wesentlich kultivierter vonstatten. Die Gebindegröße von 0,5 Liter sowie das dadurch schwere und schwer zu handhabende Glas binden den Trinker an seinen Platz. Die Trinkfrequenz ist geringer. Bereits objektiv betrachtet, bleiben 0,5 Liter vor ihrem Konsumenten natürlich länger stehen als 0,2 oder 0,3 Liter. Aber auch subjektiv gesehen, erleben sich die Weizentrinker als niederfrequentere Bierkonsumenten. Sie dokumentieren: Genuß geht vor Geschwindigkeit!

Dazu kommt ein gewisses Sättigungsgefühl, das sich nach zwei, höchstens drei getrunkenen Gläsern, will heißen Flaschen, einstellt.

Die beschriebenen Merkmale werden von den Weizenfreunden als Vorteile erlebt. Man fühlt sich mit seinem Weizen den "hektischeren" Kölsch-Trinkern überlegen. Man läßt es gemütlicher und ruhiger angehen. Mit Weizen signalisiert man: "Ich lasse mich so leicht nicht aus der Ruhe und vom Fleck bringen!" Diese Haltung legen Imis, zum Beispiel zugereiste Studenten, ebenso an den Tag wie auch die Kölner selbst.

Zusammengefaßt: Kölsch ist ultramobil, flüchtig, schnell-"drehend". Weizen ist kultiviert, "gesetzt", gediegen und mehr der Gemütlichkeit verpflichtet.

Die Wahl einer der beiden Sorten ist also Programm. Man begibt sich in ein "Lager" und demonstriert seine Zugehörigkeit beziehungsweise die Abgrenzung vom anderen Lager. Lokal-Patriotismus, Bekenntnis zu kölschen Eigenarten und eine gewisse "Oberflächlichkeit" (Obergärigkeit!) einerseits, Überregionalität beziehungsweise Bekenntnis zur süddeutschen Gemütlichkeit und ein gewisser kultivierter Tiefgang (trotz Obergärigkeit) andererseits.

Der kölsche Kompromiß: das Wieß

Seit geraumer Zeit wird in Köln versucht, das "Beste aus beiden Welten" in einem Produkt zusammenzuführen. Mit sogenannten Wieß-Produkten präsentieren die Kölschbrauer eine gediegenere, dem Weizen angenäherte Kölschspezialität. Dabei wird jedoch als Getreide-Grundlage Überwiegend die auch beim Kölsch verwendete Gerste eingesetzt. Im Unterschied zum Kölsch handelt es sich beim Wieß um ein naturtrübes Bier, wodurch ein "stofflicheres" Trink-Erleben erzielt wird. Als Gebindegrößen werden, ganz Kompromiß, sowohl 0,3- als auch 0,5-Liter-Gläser angeboten.

Psychologisch interessant bei diesen Wieß-Projekten ist, wie die Trinker in den beiden beschriebenen "Lager" mit einem solchen Kompromißangebot umgehen. Die Untersuchungen von rheingold fanden heraus, daß es einerseits in beiden Lagern Hardliner gibt, welche in einem Wieß-Angebot eine Aufforderung zum "Überlaufen" ins nicht geschätzte "gegnerische Lager" sehen. Für diese Biertrinker ist die Sortenwahl ein Glaubensbekenntnis, von dem sie nicht abrücken wollen.

Andererseits gibt es, ebenfalls in beiden Lagern, tolerantere Zeitgenossen, die es sogar begrüßen, wenn man ihnen anbietet, an beiden Trinkwelten zu partizipieren, ohne praktisch ein übers andere Mal die Sorte wechseln zu müssen. Hier besteht ein Probierdurst, der durch entsprechende Angebote bedient werden kann.

Die wichtigste Frage ist damit jedoch noch nicht beantwortet: Kann sich die Sorte Wieß im Kölner (Sommer-)Biermarkt eine ausreichend breite Basis schaffen, so daß sie sich als "dritte Kraft" etablieren kann?

Die Antwort auf diese Frage führt von der Sorte zur Marke. Während für die beiden Sorten Kölsch und Weizen gilt: Eine Sorte, aber viele Marken, besteht für die Sorte Wieß ein Nachholbedarf an Marken-Profilierung. Biertrinker mögen es, wenn sich ihr präferiertes Bier auch durch bestimmte Marken-Kennzeichen auszeichnet und damit von anderen Marken der gleichen Sorte abhebt. Bis dato wurde die Sorte Wieß jedoch praktisch "undercover" und meist sogar lokalgebunden angeboten. Zum Beispiel bietet Marktführer Küppers sein "Küppers Wieß" ausschließlich im eigenen Brauhaus und Biergarten an.

Ein zukünftiger Markterfolg der Sorte Wieß hängt davon ab, inwieweit sich die eine oder andere Marke profilieren kann. Jenseits der Sortenbezeichnung Wieß muß also den toleranten Vertretern beider Bier-Lager die Möglichkeit gegeben werden, sich einer Marke zuwenden zu können, die ein eigenständiges Profil besitzt.

Seit Anfang der diesjährigen Außensaison gibt es in Köln einen Kandidaten, der diese Anforderungen erfüllen könnte. Unter der Bezeichnung "Kölner Wieß" bringt der Kölner Verbund ein Wieß-Produkt aus der Bergischen Löwenbrauerei auf den Markt, welches sich sozusagen auf dem Wege zur Marke befindet. Bei hoffentlich schönem Spätsommerwetter haben Kölsch- wie Weizenfreunde Gelegenheit, diese neue Marken-Alternative zu probieren.

Die rheingold-Untersuchungen haben gezeigt, daß im lokalen Kölner Biermarkt, der im Sommer durch einen Sortenkampf zwischen dem Lokalmatador Kölsch sowie dem süddeutschen "Eindringling" Weizenbier gekennzeichnet ist, durchaus Platz sein könnte für eine dritte Sorte, das Wieß. Um jedoch ein wirklich attraktives Angebot für die "toleranteren" Verwender beider Lager zu werden, muß sich eine (bislang noch fehlende) Marken-Persönlichkeit profilieren und etablieren.

© 2015 rheingold