Der Kompass in der Informationsflut
12.07.2005

Wie gehen Entscheider angesichts der heutigen Informationsflut mit den Medien um? In einer tiefenpsychologischen Grundlagenstudie für die Welt hat rheingold 60 Entscheider auf die Couch gelegt und ihr Mediennutzungsverhalten analysiert.

Entscheider im Management stehen beruflich täglich unter Entscheidungszwang. Sie müssen oft weitreichende Entschlüsse mit gravierenden Konsequenzen treffen und sollen daher kompetent sein, über Fachwissen und Allgemeinbildung verfügen und die Auswirkungen ihrer Entscheidungen antizipieren können. Sie selbst haben den Anspruch, ihre Taten durch Wissen und Reflexion abzusichern. Um so mehr überrascht es, dass sie ihre Entscheidungen meist recht locker und intuitiv „aus dem Bauch heraus“ treffen.

Entschiedene Taten sind gewissenlos

In Situationen, in denen sie ausgiebig über das Für und Wider einer zu treffenden Entscheidungen reflektieren, erleben Manager oft eine Schwächung oder gar Lähmung der eigenen Entschlussfähigkeit. Entschiedene Taten sind gewissenlos, sie sind oft nur möglich durch eine radikale Verkürzung des Entscheidungsprozesses.

Entscheider als Beschneider

Medien sind daher nicht nur eine Entscheidungshilfe, sondern auch eine Belastung: Die Bilder- und Informationsflut verschärft den Reflexionszwang. Die Mediennutzung wird daher durch den Mut zur Beschneidung geprägt. Rigoros wird die Infoflut reduziert, fokussiert und kanalisiert. Dennoch ist ein Leben ohne die Auseinandersetzung mit der Bilder- und Informationsfülle undenkbar – doch sie ist überraschend selten rein beruflich motiviert.

Auf- und Ausbau vertrauter Eigenwelten

Vor allem die lokale Tageszeitung schafft durch ihr vertrautes und ewig gleiches Layout, durch den Aufgriff der bereits durch TV oder Radio bekannten Themen des Vortages und ihre lokale Anbindung eine emotionale Heimat. Ihre Lektüre wirkt als beruhigender Puffer vor den befremdlichen Entwicklungen des Tages. Von ihr und zum Teil auch vom Radio wird vor allem ideeller, geistiger und emotionaler Halt erwartet.

Neue Impulse aufsuchen

Medien sollen aber auch die vertrauten Eigenwelten aufstören, Denkanstöße geben und neue Perspektiven eröffnen. Sie haben neben ihrer Beruhigungs- auch eine Dynamisierungsfunktion. Vor allem im Internet, aber auch in Fachzeitschriften oder Tageszeitungen sucht man überraschende Hinsichten und Einsichten. Durch den Verzicht auf eine starre geistige Ausrichtung, durch eine dynamische Aufmachung und sporadische
Umgestaltungen des Designs sollen Medien Aufbruchsgeist und Wandlungsfähigkeit
dokumentieren.

Stimmung profilieren

Entscheider nutzen Medien auch als Stimmungs-Apotheke. Medien können einerseits Entspannungen vertiefen, andererseits aber auch Arbeitsverfassungen aufrecht erhalten. Der wichtigste Stimmungsprofilierer ist das Radio, denn es kann jederzeit und überall genutzt werden. Spielend leicht kann man an der Stimmungsschraube drehen und auf einen anderen Kanal und damit Gemütszustand switchen. Aber auch die Rubriken der Tageszeitung oder das Fernsehen werden als Stimmungshilfe genutzt.
Universelle Lebensordnungen aufspüren
Medien dienen nicht nur zur neutralen Information, sondern der persönlichen Auseinandersetzung mit den ewigen Fragen und Wendungen des Lebens. Die Nachrichten aus Politik, Sport oder Wirtschaft spiegeln – gleichnishaft – auch immer die eigenen Bedingungen und Wechselfälle des Lebens. In den Trennungsgeschichten von Boris und Babs oder in den Zerwürfnissen von Parteifreunden erfährt man etwas über eigene Ehedramen. Vor allem das Fernsehen mit seinen Spielfilmen und Seifenopern oder die Boulevard-Presse haben daher die Funktion eines Orakels und Horoskops: Sie verraten – sinnbildlich - was die Alltagswelt im Innersten zusammenhält: In rationalen Fakten soll das Menschliche und im Menschlichen soll das für unser Leben Grundlegende durchscheinen.

Kompetenz und Überblick ausweisen

Nach dem Motto ‚dahinter steckt immer ein kluger Kopf‘ sollen Medien auch die Überlegenheit des Entscheiders nach außen demonstrieren. Vor allem mit den überregionalen Tageszeitungen oder mit Wochentiteln wie Spiegel oder Focus wollen Entscheider ausweisen, dass sie auf der Höhe der Zeit sind und über fundiertes Wissen verfügen. Zeitungen oder Magazine müssen daher sinnlich-sichtbar und ideell bedeutungs-stark sein, Gewicht und Gesicht dokumentieren und eine schnelle Orientierung ermöglichen.

Sich mit Wissen armieren

Medien dienen schließlich auch dem Ausbau der eigenen Kompetenz: Vor allem die überregionalen Tageszeitungen oder Wirtschaftstitel wie das Handelsblatt oder die Financial Times bieten umfassende Informationen und stärken dadurch das Expertenwissen. Von diesen Medien wird eine hohe Absenderkompetenz, bekannte Köpfe und gute Recherchen, eine gefestigte Tradition und ein Objektivität vermittelndes Design erwartet.

Die Wissensarmierung durch die Medien wird von den Entscheidern jedoch sehr ambivalent erlebt. Sie führt ihnen immer wieder vor Augen, dass in der Welt ungeheuer viel passiert ist, an dem sie nicht mitentschieden haben. Von daher findet die Mediennutzung häufig dann ein befriedigendes Ende, indem man zum Beispiel die Zeitung zerreißt und wegwirft und damit beweisen kann, dass man die Welt im wahrsten Sinne des Wortes in der Hand hat.

© 2015 rheingold