Der Schuhtick oder die doppelte Liebeswahl.
Der Schuhtick oder die doppelte Liebeswahl.
12.07.2005

Hinter dem Schuh-Tick bei Frauen verbirgt sich die Suche nach der idealen Weiblichkeit und die Hoffung, eine positive Wendung des Lebens und der Liebe doch noch vollziehen zu können.

Imelda Marcos soll mehr als 5000 Paar besessen haben : Zu viele Schuhe, um sie jemals aufzutragen. Doch auch in abgeschwächter Form treibt viele Frauen eine Leidenschaft um, die nur noch als "Tick" bezeichnet werden kann: Obwohl die Schränke bereits überborden, werden ständig neue Schuhe anprobiert und gekauft, die oft nicht einmal getragen werden. Der Lust am ausdauernden Suchen und Probieren geht einher mit einem ständigen Unbehagen, doch noch nicht das Richtige gefunden zu haben.

Häufig führt der Weg ins Schuhgeschäft, wenn Frauen unbewusst das Gefühl haben, dass es im eigenen Leben nicht so recht weiter - geht. Durch die neuen Schuhe hoffen sie, wieder Tritt zu fassen: Sie sehnen sich heimlich danach, irgendwann das ideale Paar zu finden für den Auf-Tritt der perfekten eigenen Weiblichkeit und letztendlich für die selbstbestimmte Erfüllung des Lebens und der Liebe.

Die Hohlform des Schuhs erleben sie als ein Symbol für die eigene Weiblichkeit und die Suche nach dem perfekten Schuh entspricht der Sehnsucht nach dem eigenen, idealen Selbstbild als Frau. Alle Ansprüche an den weiblichen Auftritt sollen in einen Schuh gebracht werden. Angesichts der vielen Anforderungen der Frauen an sich selbst ist dieses ein hochdramatischer Akt: Nie erscheinen die Schuhe ganz richtig und das Unpassende wird als persönlicher Makel erlebt. Wie im Märchen vom Aschenputtel sind sie oft eher bereit, sich die Füße in engen Schuhen schmerzhaft zu malträtieren, als Abstriche an die eigene Weiblichkeit zu machen.

Wie das Märchen von Aschenputtel weiter erzählt, sind der eigentliche Lohn der idealen Weiblichkeit Liebeswahl und Lebensglück: Der Prinz erwählt die Frau, der die Schuhe perfekt passen. Diese passive Schicksalhaftigkeit des "Ausgewählt werdens" gibt die moderne Frau beim Schuhkauf eine aktive Wendung : Sie wählt selbst aus und behält so die Senkel in der Hand für eine doppelte, selbstbestimmte Liebeswahl: Durch die passenden Schuhe macht sie sich zur perfekten Frau und kann sich den ideal passenden Partner selbst auswählen.

Der Kauf des perfekten Schuhs muss jedoch ein ewiges Probier-Spiel bleiben, denn das ideale Liebespaar und das perfekte Lebensglück gibt es nur im Märchen. Doch das ständige Scheitern der Suche nach dem vollkommenen Paar Schuhe hält dauerhaft die Hoffnung lebendig, dass sich im Leben und in der Liebe irgendwann einmal alles zum Besseren wenden wird.

© 2015 rheingold