Der schwierige Umgang mit dem eigenen Altern
Der schwierige Umgang mit dem eigenen Altern
19.01.2012
Eine neue rheingold-Studie deckt die Hemmnisse beim Thema Vorsorge auf – Unsicherheit statt Vertrauen bestimmt die Anlagestrategie - Wie entscheiden Paare?

Dem Thema Altersvorsorge begegnen die Menschen heute mehr denn je mit großer Unsicherheit und zum Teil irrationalen Strategien. Bereits die Kombination der Worte Alter und Sorge konfrontiert unweigerlich mit der eigenen Sterblichkeit. Sich mit der Altersvorsorge zu beschäftigen bedeutet immer auch, sich mit dem eigenen Tod, der drohenden Hinfälligkeit, dem Verlust von Schaffenskraft und Vitalität auseinander zu setzen. Eigentlich möchten die Deutschen das Thema Altersvorsorge am liebsten verdrängen oder herunterspielen. Wenn es dann aber doch auf der Agenda steht, fühlt sich über ein Drittel der Befragten schlecht beraten und über die Hälfte wünscht sich flexiblere und besser verstehbare Finanzprodukte. 

Für das deutsche Institut für Altersvorsorge hat das Kölner rheingold Institut den Umgang mit Altersvorsorge bei Paaren zunächst in einem qualitativen Studienteil in Form von zweistündigen Tiefeninterviews und einer Gruppendiskussion bei 36 Frauen und Männer erforscht. Alle leben in einer Ehe bzw. Partnerschaft, jeweils die Hälfte hat Kinder und lebt in einem Eigenheim.

 Zur Quantifizierung wurden anschließend bundesweit noch einmal 1000 Paare in einer Online-Erhebung repräsentativ nach Alter und Geschlecht befragt (Alter 25 bis 50 Jahre, Haushalts-Bruttoeinkommen ab monatlich 2500 Euro).

 In den vergangenen Jahrzehnten hat es einen Mentalitätswandel hinsichtlich des eigenen Alterns gegeben. Bereits die heutigen Senioren sind im Geiste der 68er Revolte groß geworden. Grenzenlose Freiheit, Ausbruch, Emanzipation und Individualität sind Kernwerte ihrer gesellschaftlichen Sozialisation. Ruhestand ist nicht die Zielvorstellung dieser Generation. Geistiges Vorbild ist der Camel-Mann, der unentwegt unterwegs ist, der niemals wirklich zur Ruhe kommt und für den letztendlich der Weg das ewige Ziel ist. Dieses „Vitalitätsdogma“ schürt den Wunsch eigentlich niemals wirklich alt zu werden oder zu sein. Die Sehnsucht forever young zu sein wird mitgenommen - auch wenn man auf die 60 zumarschiert.  

 

Reichtum heute bietet keine Gewähr für Wohlstand im Alter 

Die Studie zeigt, dass selbst die Menschen, die über große Vermögenswerte verfügen und die in sicheren Arbeits- und Lebensverhältnisse stehen, dieses Kapital nicht als Gewähr sehen, sich den Traum eines jugendlich-bewegten und umtriebigen Altseins erfüllen zu können. Denn das Thema Sterblichkeit hat auch die Finanzprodukte erfasst. Seit der Finanzkrise ist für die Menschen die Bank keine verlässliche Bank mehr. Sie ist sterblich geworden und kann im schwarzen Loch der Finanzkrise versinken – mit all den persönlichen Spareinlagen oder Wertpapieren. 

Und auch der Euro erscheint als eine Währung ohne Gewähr. Die Sorge um die Zukunft des Finanzsystems bestimmt daher die finanzielle Vorsorge immer mit. Denn vor allem in Deutschland ist der Blick auf Politik und Wirtschaft von einer tiefen gesellschaftlichen Glaubens- und Vertrauenskrise bestimmt. Nach den jahrelangen Dauerkrisen verdichtet sich die Befürchtung, dass die Maximierungskultur abgewirtschaftet hat. Seit dem Wirtschaftswunder glaubten die Deutschen daran, dass sich mit dem nächsten Aufschwung alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme auflösen lassen. Angesichts der platzenden Spekulationsblasen, der sich immer höher auftürmenden Schuldenberge und der drohenden Staatsbankrotte ist dieser Glaube erschüttert.  
 

Große Unsicherheit statt Vertrauen in die Wirtschaft 

Dieser doppelte Sterblichkeits-Druck macht verständlich, wieso die Auseinandersetzung mit der Altervorsorge derzeit durch zwei Mechanismen bestimmt wird.  

-      Einerseits gibt es eine Tendenz, dieses Thema immer wieder auszublenden, kleinzureden oder  zu verschieben. Lieber wird das gegenwärtige Leben als wesentlicher Wert in den Vordergrund gerückt: Privater Genuss, Lebensqualität, Familie, Freundeskreis, Pflege der eigenen ‚Homezone’. 

-      Andererseits demonstriert man durch vielfältige, aber häufig unkoordinierte Aktivitäten Beweglichkeit und Lebendigkeit. Man will also zeigen, dass man überhaupt etwas tut. Denn damit kann man sich beruhigen, ohne das finale Ergebnis genauer betrachten zu müssen. Das hat dann oft den Charakter einer wenig planvollen und rationalen, sondern magischen Schicksals-Beschwichtigung. 

Ein Leben in einer Partnerschaft wird als Schutz vor den Unwägbarkeiten des Alters erlebt. Die Partnerschaft gibt ein Gefühl von Sicherheit. Das ist jedoch sehr unterschiedlich gelagert: Mal wird der Partner als zusätzlicher ‚Besitz’ angesehen, mal erlebt man die Partnerschaft als Bereicherung oder Korrektiv. Bezogen auf die Aktivitäten zur Altersvorsorge zeigt sich bei den befragten Paaren im weitesten Sinne eine Konsens-Suche." 

 

Die sechs Vorsorge-Strategien 

Eine Strategie des aktiven Nichtstuns und Ausblendens legt der ‚getriebene Jongleur’ an den Tag, der ständig mit den verschiedenen Anlageformen experimentiert: Man besitzt Aktien, plant den Kauf einer Immobilie und hat einen Bausparvertrag. Aber auch mit vermögenswirksamen Leistungen, der betriebliche Altersvorsorge oder aufgestockten Zusatzversicherungen wird jongliert. Durch seine fast überaktive Vorsorge-Tätigkeit bannt er die Gedanken an die mit dem Alter verbundenen Einschränkungen. Durch seine finanziellen Kunststücke und Transaktionen verschafft er sich das beruhigende Gefühl ein Finanz-Virtuose zu sein, den weder wirtschaftliche Krisen, noch der eigene Alterungsprozess in die Knie zwingen kann.  

Der Typus ‚planvoller Umschichter’ geht viel schöpferischer und planvoller zu Werke. Als rational kalkulierender Organisierer, der stets den Überblick haben will, erfindet er sich und seine Altervorsorge immer wieder neu. Systematisch und sorgfältig passt er seine Vorsorge-Strategie seiner jeweiligen Lebensphase an. Er initiiert damit eine Art finanzieller und ideeller Wiedergeburt, die den Gedanken an den eigenen Tod produktiv bannt. Anders als der Jongleur bezieht er auch seinen Partner viel stärker in diese finanziellen Wiedergeburtsplanungen ein. Beide verschaffen sich - entweder durch eine Immobilie, durch Lebensversicherungen oder andere Vorsorgemaßnahmen – das beruhigende Gefühl, die gemeinsame Zukunft im Blick zu haben. 

Ganz anders der Typus ‚sorgloser Ignorierer’, der wie der Vogel Strauß den Kopf in den Sand steckt, weil er sich mit der ganzen Altersproblematik nicht belasten und sich nicht einengen lassen will. Er will frei sein, am liebsten ohne jegliche Einschränkung. Er legt daher Wert auf persönliche Mobilität und finanzielle Flexibilität. Einig ist man sich auch in der Partnerschaft im gemeinsamen Ignorieren und der Vermeidung klarer Festlegungen bei Sparen und Altersvorsorge. Man gibt sich abenteuerlustig und lebt vor allem im Hier und Jetzt – auch das ermöglicht es, Zukunftsfragen einfach zu ignorieren oder endlos aufzuschieben. 

Auch der ‚abwartende Angst-Hase’ legt sich in puncto Alltagsvorsorge nur ungern fest – jedoch aus gänzlich anderen Motiven. Er hat Angst vor dem Alter, aber er hat auch Angst vor einer falschen finanziellen Entscheidung. Grundsätzliche Weichenstellungen in Richtung Altervorsorge werden daher immer wieder auf die lange Bank geschoben. Man macht sich zwar Gedanken, aber stets meldet sich bei einem der Partner ein leiser Zweifel an der Richtigkeit des finanziellen Planes. So bleiben viele Vorsätze in der ewigen Warteschleife. Man arrangiert sich mit dem vertrauten Tagesgeldkonto und hofft, dass irgendwann einmal das richtige und absolut sichere Produkt zur Altersvorsorge vom Himmel fällt.  

Eine charmante Unbekümmertheit legt der lockere Verteiler’ bei der Altersvorsorge an den Tag. Vergleichbar mit einem Eichhörnchen werden viele Vorsorge-Nüsschen breit gestreut, vergraben und dann aber auch wieder vergessen. Das schafft beiden Partnern das beruhigende Grundgefühl für den Winter des Lebens etwas getan zu haben, ohne stets an den Komplex Altervorsorge erinnert zu werden. Wenn man dann zufällig darauf stößt, dass der Bausparvertrag ausläuft oder ein vergessener Fond Erträge abwirft, dann verschafft das ein entspanntes Glücksgefühl im Alltag. Voller Zukunfs-Zuversicht schwelgt man dann für kurze Zeit in seinem geheimen Reichtum und hofft, dass die versteckten Schätze für ewig reichen könnten. 

Eher geizig und akribisch verhält sich hingegen der Typ ‚hortender Hamsterer’. Was er aktiv festhält und buchstäblich unter sich begräbt, kann ihm niemand nehmen – auch nicht die Zukunft oder das Alter oder die Finanzkrise. Dadurch läuft der Hamster aber auch Gefahr, seinen Reichtum mit ins Grab zu nehmen und ihn nicht in Lebensqualität zu überführen. Und obwohl der Hamsterer sich aktiv um die Vorsorge kümmert und wie Dagobert Duck sein großes Vermögen hortet, nagt die Unzufriedenheit an ihm, dass all seine Aktienfonds, festverzinslichen Papiere und Bausparverträge nicht ausreichen könnten. So verschanzt er sich hinter hohen Mauern, hortet gierig weiter und betrachtet selbst die eigene Partnerschaft eher als Besitzstand denn als Quell für Lebensglück. 

 

Flexibilität und Lebensqualität als Renditeziel  

Quer durch diese typischen Umgangsformen im Hinblick auf Altervorsorge-Strategien wird deutlich, dass sich im Zuge der heutigen Vitalitätsdogmen und der durch die Krise geschürten Verlustängste die Vorsorge-Parameter geändert haben. Lange Laufzeiten, die lebenslange Bindung an einen Vertrag oder festgesetzte monatliche „Opferleistungen“ werden zunehmend als abschreckend erlebt. Sie konterkarieren das Ideal persönlicher Flexibilität und Mobilität. Beliebt sind daher vor allem Produkte, die eine hohe Flexibilität und Lebendigkeit im Alter und damit neben der finanziellen Rendite auch eine hohe psychologische Rendite versprechen: Beruhigung und Lebensqualität.

So besteht der beruhigende Charme einer Kapital-Lebensversicherung heute vor allem darin, dass man sie nach dem Abschluss einfach wieder vergessen kann. Man muss sich nicht weiter um das Produkt und den Lebensabend kümmern.  

Als Flexibilitäts-Gewinn werden aktuell auch Tagesgeld und Sparbuch erlebt. Sie ermöglichen das Thema Altersvorsorge erst einmal auszublenden zugunsten des Gefühls der ständigen persönlichen Verfügbarkeit. 

Sicherheit bis ins hohe Alter und eine gefühlte Rendite in Form von staatlichen Geldgeschenken vermitteln auch noch Vermögenswirksame Leistungen wie die Rürup- oder Riesterrente. Der Glaube an Vater Staat wird trotz der Krise noch aufrecht erhalten. 

Immobilien schließlich verheißen heute sowohl eine finanzielle als auch eine psychologische Rendite: Sie bieten sichere Vermögenswerte und freudvolle Nutzwerte. Denn sie legen nicht nur fest, sondern schaffen vom ersten Tag an auch das Gefühl ständiger Beweglichkeit. Das Modernisieren, Renovieren oder Umgestalten der eigenen vier Wände verspricht auch im Alter noch ein Höchstmaß an persönlicher Lebendigkeit. Und das Bausparen wird heute als Vorfreude auf diese Beweglichkeit erlebt. 

 

Autoren der Studie:

Dipl. Psych. Stephan Grünewald, Dipl. Psych. Ursula Groeger und
Dipl. Psych. Heiko Thomas

rheingold Institut für qualitative Markt- und Medienanalysen, 50672 Köln

Ihr Ansprechpartner zu dieser Studie :

Thomas Kirschmeier

Leiter Unternehmenskommunikation

Tel. +49 (0)221/912 777 44

kirschmeier~AT~rheingold-online.de

Die Studie "Psychologie der Altersvorsorge" ist beim Deutschen Institut für Altersvorsorge auch als Booklet erschienen. Tel. 0221/ 92428105,

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