Die Abschottung von der Welt
Die Abschottung von der Welt
12.07.2005

Die Prognose, dass nach dem 11. September nichts mehr so sein wird wie es einmal war, hat sich nicht erfüllt. Allerdings ist das Vertrauen in die Weltordnung nachhaltig erschüttert worden. In den ersten beiden Monaten nach dem Anschlag konnte dieser Schock nur in Form einer Spaltung verarbeitet werden: Vordergründig wurde um jeden Preis versucht, die bisherige Lebenskonstruktion aufrecht zu erhalten und die Normalität zu beschwören.

Die persönliche Bedrohung wurde weitgehend ausgeblendet. Man betrieb business as usual und klammerte sich an seine bewährten Freizeit- und Arbeitsroutinen. Untergründig breiteten sich jedoch diffuse Ängste aus, dass die Ungeheuerlichkeiten von New York auf den eigenen Alltag übergreifen können. Eine latente Hysterie und wuchernde Verdächtigungen gegen alles Fremde durchzogen den Alltag.
Mittlerweile ist diese Mischung aus Normalitätsbeschwörung und latenter Hysterie einer neuen Gleichgültigkeit gewichen: Man findet sich stillschweigend damit ab, dass die Welt ungeheuerlich und unberechenbar ist und betreibt dadurch unbewusst eine seelische Immunisierung gegen den Weltschmerz. Die in den letzten Wochen dramatisch zugespitzte Weltlage puffert man durch die eigenen Entdramatisierungs-Tendenzen ab: Das bedrohliche Weltgeschehen wird wie ein fernes Phänomen betrachtet, das uns nicht wirklich betrifft und berührt. Die schon seit Jahren beobachtbare Distanzierung der Menschen von der Politik verstärkt sich.

Die Abschottung von der Welt geht einher mit einem Rückzug ins Private und der Intensivierung vertrauter Bindungen. Verlässlichkeiten im Hinblick auf Freunde, private Wertesysteme werden daher überprüft, revidiert und zementiert. Die Konsumwünsche zielen dahin, die eigene kleine Rückzugswelt auszustaffieren: Die Wohnung wird verschönert, Verwöhnartikel für den Haushalt stehen ebenso hoch im Kurs wie Kosmetik-Artikel, Bücher oder Unterhaltungselektronik. Der Ausbruch aus der Sphäre des Privaten erschöpft sich in gelegentlichem Pauschal-Eskapismus: kleine Fluchten in Erlebnisintensivierungen, aber mit eingebauter Intensitäts-Drosselung und Rückholgarantie.

Durch den Rückzug ins Private und die damit verbundenen Wünsche nach Besitzstandswahrung und Risikominimierung verharzt der ohnehin schon stockende Reformwille noch mehr. Man klammert sich an das Bewährte und wagt statt großer Experimente allenfalls ein halbherziges Umkramen ohne Leidenschaft, Elan und langen Atem.

Die ganze Nation scheint von einer eigentümlichen Antriebs-Armut und Beflissenheits-Lethargie befallen: man ist zwar emsig, agiert aber ohne Begeisterung und Vision und spult routiniert sein Pflichtpensum herunter. Auch die Wirtschaft ergeht sich durch Abwarten, Aufschieben und Verlagern in einem galoppierenden auf der Stelle treten. Aufbruch und Neuanfang, die entschiedene Freisetzung der Kräfte wird immer wieder und weiter vertagt. Erst auf das neue Jahrtausend, dann auf die Euro-Einführung, jetzt auf die Zeit nach dem Wahlausgang.

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