Die Beschwörung der Normalität
Die Beschwörung der Normalität
12.07.2005

Zwei Monate nach dem Anschlag vom 11. September befinden sich die Deutschen in einem schwelenden Zustand der Unsicherheit, der jedoch nicht zu gravierenden Verhaltensänderungen führt. Der Schock dauert an und die seelischen Erschütterungen werden nach dem Muster einer Spaltung verarbeitet: Um jeden Preis wird vordergründig versucht, die bisherige Lebenskonstruktion aufrecht zu erhalten. Die persönliche Bedrohung wird ausgeblendet und die Menschen klammern sich an ihre Arbeits- und Freizeitroutinen.

Untergründig breiten sich jedoch Ängste aus, dass die Ungeheuerlichkeiten von New York doch auf den eigenen Alltag übergreifen können. Versuche, die Bedrohung personalisieren und bannen zu können, scheitern: Bin Laden taugt nur unzureichend als Feindbild, denn durch sein Charisma changiert er in der Wahrnehmung der Deutschen zwischen irregeleitetem Heiligen und Wahnsinnigen.

Aktuell sind sechs Tendenzen als Auswirkungen des 11. Septembers zu beobachten: Die Unfähigkeit, die Bedrohung zu fassen, führt zu einer latenten Stimmung der Hysterie und Ressentiments gegenüber Fremden. Halt und Schutz wird verstärkt in der Intensivierung privater Beziehungen gesucht und die Menschen erwarten eine Wirtschaftskrise als self fullfilling prophecy. Die Anlehnungsbereitschaft an die USA nimmt stetig ab, da der Krieg im zerstörten Afghanistan zunehmend als sinnloses und absurdes Unterfangen, und nicht als ideeller Befreiungsschlag erlebt wird.

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