Die Börse - Der Schicksalskick als Freizeitspektakel
12.07.2005

Die Achterbahnfahrt der Börsenkurse wird für die Deutschen gegen Ende des Jahrtausends zunehmend attraktiver und fasziniert die Gemüter ähnlich wie Bungee-Jumping oder Rafting in wilden Flußtälern.

Denn die Börse verspricht mehr als nur eine vereinfachte Form des Geldverdienens: Mit einer Aktie erkauft man sich vor allem einen Anteil am Schicksal einer Unternehmung. Hier kann man mitfiebern, mitzittern und die Höhen und Tiefen des Schicksals in Reinkultur miterleben. Die Dramatik der Fieberkurve zeigt, daß auf dem Börsenparkett - im Gegensatz zu unserer von Reformstau und Besitzstandswahrung geprägten Alltagskultur - offenbar alles möglich und nichts sicher ist.

Die Börse gehört damit zu den neuen Spielwiesen der Gesellschaft, bei denen es darum geht, sich einen ultimativen ''Schicksalskick'' zu holen. Das Aktienspiel wird zum Action-Spiel, das einen nicht mehr losläßt und die ganze Freizeit in Beschlag nimmt. Die Börsenkurse werden wie die Bundesligatabelle zum täglichen Erfolgsbarometer, ob wir im Schicksalskampf auf die richtigen Parteien setzen.

Die privaten Kleinanleger führen dabei ein Doppelleben: Auf der einen Seite der ganz normale sichere Alltag, auf der anderen Seite die Aktie als alter ego, deren Schicksal mitvollzogen und durchlitten wird. Das Spektrum der Anlegertypen reicht dabei vom ''Börsenvoyeur'' bis zum ''Schicksalshasadeur''.

Für den Börsenvoyeur ist Dramatik des Börsengeschehens genauso spannend wie eine Krimiserie, deren Folgen jeden Tag neu geschrieben werden. In seinen Phantasien sieht sich der Börsenvoyeur als Teilnehmer an der Börse und hadert mit seiner Zurückhaltung. De facto bleibt er allerdings außen vor, aus Angst, vom Sog der Börse mitgerissen zu werden.

Der stille Teilhaber möchte an den verlockenden Schicksalsoptionen der Börse teilnehmen, allerdings aus sicherer Distanz. Sein Prinzip ist das der Delegation und Risikostreuung: Er überträgt die Verantwortung lieber einem Fondsmanager oder Bankberater und versucht sich mit einem mittel- bis langfristigen Anlagehorizont gute Erträge zu sichern.

Der Klein-Absahner begibt sich schon etwas stärker aus der Deckung und verläßt sich nicht nur auf Berater und Manager. Die Widersprüchlichkeit zwischen Gewinngier und Sicherheitsdenken wird bei ihm besonders spürbar in Form einer Angst vor der eigenen Courage: Gewinne werden schnell mitgenommen und Verluste nur in geringem Ausmaß toleriert. Er investiert vor allem in Standardwerte mit eingebauter Sicherheitsdividende.

Der Quartalsspekulant weiß, daß er dem ''Börsenlaster'' und seiner Eigendynamik schnell verfallen könnte. So kommt es bei ihm zu begrenzten und lediglich sporadischen Aktionen, vergleichbar einem Besuch in der Spielbank. Er agiert mit Spielgeld, das er meist eher kurzfristig investiert: schnell rein und schnell wieder raus! Seine Entscheidungen folgen weniger einem ausgeklügelten System als seinem Bauchgefühl.

Der System-Zocker geht hohes Risiko ein, arbeitet nicht nur mit Spielgeld und investiert relativ hoch. Er hat Krisenzeiten an der Börse erfolgreich überwunden und verfügt über einige grundlegende Überlebensstrategien wie Limits für den Ein- und Ausstieg. Standardwerte mit wenigen Prozenten Rendite langweilen ihn, erst mit Optionsscheinen, Nebenwerten und Außenseitern (''Hot Stocks'') kommt er auf Touren.

Finanzielle und emotionale Umsatz-Grenzen sind bei allen Kleinanlegern die notwendige Voraussetzung, um sich überhaupt auf das Börsenparkett zu wagen und sich dort dauerhaft mit Erfolg zu engagieren. Ist man nicht in der Lage, diese Limits zu setzen und auch durchzuhalten, bleibt man ewig Zaungast wie der Börsenvoyeur, der sich emotional sehr stark, aber finanziell überhaupt nicht engagiert - aus Angst, zu sehr in den Sog des Börsen-Schicksal hineinzugeraten. Oder man läuft Gefahr, sich komplett zu ruinieren wie der Schicksalshasadeur: Er ist vom Geschehen berauscht wie von einer Droge. Anfangserfolge verleiten ihn zu unvorsichtigen Investitionen ohne doppelten Boden. Seine todsicheren Tips werden zum fatalen Risiko. Der Crash an der Börse wird dann zum existentiellen Absturz.

Die deutsche Anlagekultur wird dabei immer noch von einem Sonderfaktor beeinflußt: Die historischen Erfahrungen zweier Weltkriege haben gezeigt, was passieren kann, wenn man versucht, ohne Rücksicht auf Verluste die Welt zu erobern. Diese Erfahrung steckt den Deutschen noch deutlich in den Knochen in Form einer besonderen Sicherheitsorientierung und demonstrativen Diskreditierung von Größenphantasien. So lassen sich in Deutschland immer noch viel leichter Versicherungen als Aktien verkaufen.

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