Die Deutschen auf der Suche nach sich selbst
Die Deutschen auf der Suche nach sich selbst
28.09.2007

Seit fast 20 Jahren politisch wiedervereinigt, hat das „neue“ Deutschland längst seinen Platz gefunden und sich als starker Staat in der globalisierten Politik und Wirtschaft positioniert. Die Innenperspektive der Deutschen offenbart jedoch ein anderes Gesicht. Eine neue qualitative Studie des rheingold Instituts im Auftrag der Identity Foundation, Düsseldorf, zum Thema „Deutsch-Sein im Alltag“ zeigt, dass die Deutschen von einem gemeinsamen Nationalgefühl weit entfernt sind. Die Untersuchung ist eine der bisher aufwändigsten tiefenpsychologischen Studien zum „Deutsch-Sein“ und basiert auf jeweils zwei- bis dreistündigen Interviews mit 70 repräsentativ ausgewählten Befragten. Sie wurde im Auftrag der Identity Foundation durch das Kölner rheingold Institut durchgeführt.

Deutsch-Sein im Alltag: die ungläubigen Patrioten

Ausgehend von der Fragestellung, wofür „Deutschland“ im Alltag der Deutschen steht, wurde in der rheingold-Studie systematisch untersucht, was sich heute alles unter dem Stichwort Deutschland birgt. Kernergebnis: Indem die Deutschen bei ihrer Nationalität einen Halt gegen globale Bedrohungen suchen, stellen sie fest, dass das Deutsche  eine Baustelle ist, der es an geschichtlichen Fundamenten und Selbstvertrauen fehlt. 

Kippeliges Nationalgefühl

Das Thema Deutschland führt in der Befragung zu einem ständigen Hin- und Her-Kippeln: die Befragten rutschen auf den Stühlen, wollen gute Deutsche sein, ziehen das aber gleich wieder zurück und fürchten sich davor, missverstanden zu werden. Sobald sich die Sehnsucht nach nationalem Stolz ausdrückt, wirkt dem eine innere Hemmung entgegen. Deutsche sind ungläubige Patrioten.

Die Deutschland-Sehnsucht zeigt sich zuerst in diffusen Abstraktionen: Die Deutschen halten daran fest, dass sie „Weltmeister“ in asketischen Disziplinen wie Export, Sport, Technik, Autos, Umwelt, Innovationen, Sauberkeit sind. Es kommt hier keine Freude auf. Dann kippen sie aus der kalten ‚Größe’ schnell in die „gemütliche“ Welt des ‚Kleinen’: in die Stabilität der regionalen Heimaten und ihrer Traditionen. „Ich bin Bayer und kein Deutscher.“

Neid und Ängste der Deutschen

Zufrieden ist man in den „gemütlichen“ Kneipenecken und Gartenlauben aber auch nicht, denn nun meldet sich bei den Deutschen wieder das Gefühl, dass ihnen ohne Nationalstolz doch etwas fehlt. Neidisch blicken sie auf fremde Länder, die selbstbewusster auftreten und anscheinend besser genießen können. Das ‚Große’, das einem selber zu fehlen scheint, wird stets in der Fremde verortet, es wird schnell angeeignet – aber auch schnell wieder abgelegt oder abgewehrt.

Mit diesem Tausch des Großen gegen das Kleine und des Kleinen gegen das große Fremde in vieler Gestalt kamen die Deutschen ein paar Jahrzehnte gut zurecht. Heute gerät diese kippelige Form unter starken Druck: Deutschland soll helfen gegen die Globalisierung, gegen die Arbeitslosigkeit, gegen den Zerfall der Gemeinschaft, gegen die  Ohnmacht des Einzelnen, gegen die Unordnung in der Nachbarschaft, gegen die EU-Diktatur und gegen allgemeine Sinn- und Lebenskrisen. 

Fehlende Glaubensgeschichte 

Diesen unbestimmten Bedrohungen können die Deutschen derzeit kein gesundes Selbstvertrauen entgegen stellen. Ihnen fehlen geschichtliche Bilder und Mythen, die Stärke und Zuversicht geben. Die Deutschen haben ihre positiven Gestalten und Mythen vergessen, sie erinnern sich an keine Mut machenden Dinge, sind nicht so glücklich wie z.B. die Franzosen mit ihrer Revolution. Offensichtlich wirkt das Dritte Reich wie eine Amnesie, die sämtliche Erinnerungen an die vorhergehenden Jahrhunderte verschluckt.

Nothandlungen

Die Deutschen stecken jetzt in der Klemme: sie fühlen sich zu einem Patriotismus gedrängt, der jedoch keine geschichtlichen Wurzeln und Bilder findet, an den sie also selber nicht richtig glauben. Aus dieser Klemme suchen sie sich durch verschiedene ‚Nothandlungen’ zu befreien: durch den Ruf nach einem Rundumschlag, übersteigerte Sicherheitsmaßnahmen, sentimentales Jammern und Sich-Gehen-Lassen.  

Stabilität durch „Werkeln“

Glücklicherweise finden die Deutschen noch einen anderen, produktiven Ausweg aus der Klemme. Wirklich zufrieden und glücklich sind sie in einem sinnerfüllten Treiben, das man als „Werkeln“ bezeichnen kann. Wenn sie ihre Möbel hin und her rücken, bis es passt. Wenn sie im Baumarkt die passenden Schrauben finden. Wenn sie im Hobbykeller den 143. Modell-Lkw zusammengeleimt haben. Wenn sie trickreich ihre Mandanten durch Rechtsprobleme gelotst haben. Wenn sie mit einer Hand die Kaffeemaschine bedienen und zugleich die Brötchen halten können.

„Deutsch-Sein heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun.“ (R. Wagner)

„Ein Deutscher geht mit einer Blechbüchse in den Knast und kommt mit einer Konservenfabrik wieder heraus.“ - „Klein, aber oho!“

Werkeln, Bricolage, Frickeln, Tüfteln gibt den Deutschen Stabilität. Im Herumprobieren gelingt es, die eigene Unruhe fruchtbar zu machen und Werke auf den Weg zu bringen. Die Welt ordnet sich nach unserem Bilde. Das lieben die Deutschen, aber in großen, starren Systemen geht es immer schief – es gelingt nur in Form des Werkelns, der provisorischen Anordnungen, der unvollkommenen Vollkommenheit.

Das Werkeln gehört zum Kern der ‚deutschen Seele’. In Form von Ingenieurskunst, innovativen Produkten, Dichtung, Musik, Wissenschaft, Diplomatie und anderen ‚Erfindungen’ kann das Werkeln den Deutschen sogar zur ersehnten „Goldmedaille“ verhelfen. Der Ottomotor, Gardena, der Teddybär, Märklin, die Roentgenröhre, Speicherplatte usw. sind nicht als „Line Extensions“ vom Marketing geplant worden, sondern wie nebenbei beim Frickeln und Probieren entstanden. 

Entwicklungsperspektiven

Eine stabile Weiterentwicklung Deutschlands, die aus dem Kippeligen herausführt, ohne in die destruktiven ‚Nothandlungen’ zu fallen, kann auf drei Pfeilern aufbauen:

1) Fördern des „Werkelns“ als Basis des Identitäts-Aufbaus. Der deutschen Neigung, dieses ureigene Können als ‚klein’ gegenüber dem Können fremder Länder anzusehen, ist entgegenzuwirken.

2) Wiederfinden einer nationalen Glaubens-Geschichte („Mythen“). Deutschland erschöpft sich nicht im „Sozialstaat“, sondern erstreckt sich geschichtlich von Karl dem Großen über Luther und Bismarck bis in die Zukunft unserer Kinder. Die Deutung der Geschichte als eines „Ringens“ um Deutschland und seine Eigenart schafft Selbst-Vertrauen.

3) Entwicklung einer neuen ‚materialen Wert-Ethik’ für das Deutsch-Sein. Ohne Klärung der Grundeinstellung zur Welt ist es der Nation kaum möglich, klare Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.

Zivilcourage für Deutschland

Jeder kann stolz auf sein Land sein, zum Deutsch-Sein stehen (dann fehlt auch den Neonazis die Aufgabe). Die deutsche Lebensform nicht politisch korrekt runtermachen, aber auch nicht anderen vorschreiben, sondern entdecken und mutig leben. Der Jugend in Medien und Schule zeigen, wie toll und vielfältig Deutschland ist, z.B. in der Geschichte, der Sprache, der heutigen Musik, der Landschaft, der regionalen Gastronomie.

Die Zusammenfassung der Studie können Sie gerne auch kostenlos anfordern: kirschmeier~AT~rheingold-online.de

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