Die Deutschen und die Euro-Einführung: Kurz und (möglichst) schmerzlos
Die Deutschen und die Euro-Einführung: Kurz und (möglichst) schmerzlos
12.07.2005

Vor allem die massive Medienpräsenz der Euro-Berichterstattung am Jahresende und die Ausgabe der „Starterkits“ führten schlagartig von einer hartnäckigen Ausblendung der bevorstehenden Währungsumstellung in hektische Aktivität: Durch den schnellen und radikalen Wechsel von der Mark zum Euro versuchen die Deutschen, die psychologisch tief verwurzelte Trauer über den Verlust der Mark zu verdrängen und langwierige Verunsicherungen durch beherztes eigenes Handeln zu vermeiden. Im gegenwärtigen Euro-Aktivismus verbinden sich sowohl die „Unfähigkeit zu trauern“ (Mitscherlich) als auch die Aufwertung urdeutscher Tugenden und Hoffungen auf neue, ideelle Lebenswerte. Durch fünf verschiedene Umgangsformen wird gegenwärtig versucht, neue Verheißungen des Euro einzulösen und gleichzeitig den Trennungsschmerz zu lindern: Der „Europhoriker“ blendet den Trennungsschmerz zugunsten eines naiven Euro-Optimismus aus, der „Eurologe“ wappnet sich mit Experten-Wissen gegen den Schmerz des DM-Verlustes, der „Vorsichtige“ versucht, durch die Übererfüllung von Vorschriften Halt und Sicherheit zu finden und der „Gleich-Gültige“ ist bestrebt, durch den schnellen Umtausch so zu tun, als habe es die irritierende Währungsumstellung nicht gegeben. Einzig der „Euro-Blockierer“ führt einen trotzigen und zum Scheitern verurteilten Guerilla-Krieg gegen den Euro.

Zwei weitere psychologische Umgangsformen im Umgang mit der neuen Währung sind darüber hinaus für alle Deutschen von Bedeutung: Der „Magie der halben Preise“ wird mit einem generellen Teuerungs-Argwohn begegnet und mit einem „privaten Euro-Benchmarking“ versuchen die Verbraucher, nicht nur in der neuen Währung zu zahlen, sondern auch zu denken.

Fazit: Äußerlich wird die Währungsumstellung in sehr kurzer Zeit erfolgreich vollzogen sein, doch die latente Identitäts-Krise durch das Verschwinden der Mark wird weiter schwelen.

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