Die Nation zwischen Wunderglaube und Glaubenskrise
Die Nation zwischen Wunderglaube und Glaubenskrise
22.06.2010
Was ist los in Deutschland? Die Stimmung ist von einer tiefen Vertrauenskrise ins eigene Land geprägt. Diese Krise ist längst nicht mehr nur ökonomisch, sie reicht wesentlich tiefer. Kann uns die Fußball-WM retten? Erfahren Sie mehr im Artikel von Stephan Grünewald.

Mit dem ersten gloriosen Sieg der deutschen Mannschaft scheint sich das Sommermärchen zu wiederholen: Eine fast religiöse Ergriffenheit beseelt das Land. Menschen aller Altersgruppen strömen zusammen, teilen Bier und Würstchen, vereinen sich in einem enthusiastischen Freudentaumel und feiern sangestrunken ihre öffentlichen Fußballmessen. Die sich ausbreitende kollektive Hochstimmung wird dabei durch einen Wunderglauben befeuert. Mit dem Weltmeistertitel soll die Nation von ihren belastenden Krisen erlöst werden.

Dass sich der kollektive Wunderglaube derzeit wie ein Flächenbrand entflammt, ist Ausdruck einer tiefen säkularen Glaubenskrise, in der sich die Menschen befinden. Denn die Krise ist längst nicht nur ökonomisch. Die Menschen glauben nicht mehr an die Maximierungskultur, die bislang ihre Wachstumsdoktrin als letzte und einzige Gewissheit feierte. Angesichts von immer neuen – plötzlich aufreißenden – schwarzen Krisen-Löchern (Griechenland, Euro) und ultimativen staatlichen Rettungs-Notwendigkeiten wird die Uneinhaltbarkeit von Zugewinns-Verheißungen – mit der die FDP bei der letzten Wahl noch punkten konnte – zur traurigen Realität. Der aktuelle Kredit-Poker wird als ein verzweifelter Versuch der System-Stabilisierung erlebt, der aber nicht mehr die Gemüter der Menschen stabilisiert. Denn sie spüren, dass die Löcher derzeit mit den gleichen Spekulations-Strategien – neue Kredite, neue Schulden – gestopft werden, die zur Krise geführt haben.

Mit dem Glauben an das System zersetzt sich zunehmend der Glaube an die politische Klasse. Angela Merkel hat ihren präsidialen Nimbus als nationaler Schutzengel und überparteiliche Vermittlungsinstanz verloren. Denn sie gleicht nicht mehr zwischen den politischen Lagern aus, sondern ist Teil einer zerstrittenen Koalition, die außer dem Vorwurf der Klientelpolitik kein klares Profil mehr besitzt. Statt den Engel Angela liebt die Nation jetzt die Jungfrau Lena, die weder Schuld noch Schulden hat und mit ihrem madonnenhaften Charme die Menschen verzückt. Eine erschütternde Zuspitzung erfuhr die Glaubenskrise durch die Kapitulation des Bundespräsidenten. Plötzlich stand das Vaterland ohne Vater da. Aber auch über die Politik hinaus wird die verunsichernde Glaubenskrise geschürt: Denn selbst der magische menschliche Glaube an die Natur oder die Technik wird erschüttert, wenn ein entlegener Vulkan den europäischen Luftverkehr lahmlegt oder ein gigantisches Öl-Leck amerikanische Traumstrände verseucht.

Aber kann der Glaube an den Fußball wirklich Wunder wirken, die Politik retten und die Nation verwandeln? Das Sommermärchen 2006 hat zumindest gezeigt, dass der Fußball durch die Trias – Vision, Gemeinschaft, Mitwirkung – einen Gegenentwurf leisten kann zur sinnlosen Betriebsamkeit im alltäglichen Hamsterrad: Eine Zeit, in der die Menschen durch eine gemeinsame Vision in Aufbruchsstimmung versetzt werden. Ein Gefühl von Zusammenhalt und Gemeinschaft, die die individuelle Parzellierung des Lebens aufhebt. Und die Hoffnung, dass jeder Einzelne durch Fahnenschwenkerei und Fangesänge am Gelingen der Mission mitwirken kann. Ob die Politik diese Glaubens-Trias weiterführen kann, bleibt die große Herausforderung für den Alltag nach der WM.


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