Die Sehnsucht nach Geborgenheit.
Die Sehnsucht nach Geborgenheit.
12.07.2005

Die „Spaßgesellschaft“ ist ins Gerede gekommen. Spätestens seid dem 11. September mehren sich die Stimmen, die die alltägliche „Feierkultur“ der Deutschen als hedonistische Fluchten aus der sozialen Verantwortung brandmarken.

Doch einer psychologischen Untersuchung hält diese These nicht stand. Ob spontane Partys, Geburtstage, Betriebsfeten oder christliche Feste: Deutsche aller Altergruppen versuchen ein Feier-Ideal zu verwirklichen das der individuellen Selbstinszenierung die Geborgenheit eines Gruppen-Erlebnisses entgegen setzt. Unterschiede zwischen den Feiernden sollen aufgelöst werden und eine „Hochstimmung“ entstehen, die sich auf die ent- individualisierte Einheitlichkeit der Feierenden bezieht: Die Mühsal des alltäglichen Zwanges zur narzisstischen Selbstinszenierung wird in der „Feierkultur“ außer Kraft gesetzt.

Zwei grundlegende Züge bestimmen die Anstrengungen, die individuellen Unterschiede beim Feiern aufzuheben: die Uniformierung der Feiernden in Ritualen und die Auflösung von Unterschieden in regressiven, rauschhaften Tendenzen. Je nach Lebensalter und Alltagsform sind diese Tendenzen unterschiedlich ausgeprägt.

Bei Partys von Pubertierenden stehen die Auflösungserscheinungen im Vordergrund. Der gemeinschaftliche Rausch und auch die Suche nach Grenzerfahrungen bieten jungen Leuten die Möglichkeit, gemeinschaftlich gegen die Vorgaben der Erwachsenenwelt eine eigene Form zu setzen – auch auf die Gefahr hin, in Exzesse und kindliches Verhalten abzugleiten.
Junge Erwachsene, deren Alltag durch einen starken, freundschaftlichen Zusammenhalt geprägt ist, feiern diese Lebensform beim gemeinsamen, meist spontanen und unvorbereiteten „Abhängen“. Intensive persönliche Vorbereitung ist die Voraussetzung für eine weitere Feier-Form dieser Altersgruppe: Das Zusammenspiel zwischen selbstverliebter Körperschau und das Aufgehen in der amorphen Masse der Raver sind die wesentlichen Kriterien einer gelungenen Techno-Party.

Die Tendenzen zur Uniformität von Feiern und Festen nehmen mit zunehmendem Alter zu. Durch groß angelegte Planungen und minutiöse Vorbereitungen wird das Feiern zu einer besonderen Angelegenheit mit der Dramaturgie eines klassischen Dramas.

Je älter die feiernden Deutschen, desdo schwieriger wird es ihnen, die ersehnte Einheitlichkeit in der Freundes- oder Familiengruppe herzustellen.
Ob Ostern, Weihnachten oder Geburtstage: Auch die kalendarischen Feste sind heute nur mehr „Motto-Partys“ um die Schwerpunkte Familie, Kinder und Freundschaften, die eine kulturelle Uniformierung der Feiernden ermöglichen.

Die „Feierkultur“ der deutschen „Spaßgesellschaft“ ist somit keine Flucht aus der sozialen Verantwortung, sondern ein Therapeutikum gegen den Zwang zur Selbstinszenierung in einer hochindividualisierten, narzisstischen Alltagskultur.

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