Die Wahl in Schleswig Holstein tiefenpsychologisch : Küste im Trauma
Die Wahl in Schleswig Holstein tiefenpsychologisch : Küste im Trauma
12.07.2005

Unmittelbar vor der Wahl in Schleswig Holstein überwiegt bei den Wählern aller Parteien eine gedrückte, enttäuschte und fast resignative Grundstimmung. Die infolge der Spendenaffäre im ganzen Land zu beobachtende erschütternde Vertrauenskrise in die Politik und die Politiker zeigt in Schleswig Holstein besonders gravierende Ausmaße.

Die aktuelle Vertrauenskrise wird in Schleswig-Holstein als eine Wiederholung der für das Land traumatischen Barschel- und Engholm-Affären erlebt. Mit Volker Rühe erlebt Schleswig Holstein nun zum dritten Mal, dass ein starker Mann und Hoffnungsträger für das Land durch einen Politskandal unglaubwürdig wird und seinen Nimbus als Hoffnungsträger verliert. Im Zuge der Vertrauenskrise halten die Wähler an der ehrlichen und fürsorglichen Landesmutter Heide Simonis fest - allerdings ohne rechte Begeisterung und Überzeugung. Land und Wähler werden auch nach der Wahl in einem Zustand der Agonie verbleiben - mit einer tiefen Sehnsucht nach einem starken und glaubwürdigen Landesvater, der dem Land neuen Auftrieb geben kann.

Das sind die zentralen Ergebnisse von tiefenpsychologischen Interviews, die rheingold unmittelbar vor der Wahl mit Wählern in Schleswig Holstein durchgeführt hat.

Volker Rühe: Vom ersehnten Hoffnungsträger für Schleswig Holstein zum bemitleidenswerten CDU-Opfer

Mit Volker Rühe verknüpfte sich vor der Parteispendenaffäre nicht nur bei den CDU-Wählern die Hoffnung, dass er das relativ unbedeutende Schleswig Holstein nach vorne bringen kann. Er galt als Hoffnungsträger und starker Mann, der dem „randständigen, oftmals vergessenen Schleswig Holstein Auftrieb geben und es aus der Bedeutungslosigkeit herausreißen kann“. Von daher war vor dem Parteispendenskandal selbst bei vielen SPD-Wählern eine Bereitschaft zu erkennen, Rühe entweder aktiv zu wählen oder sich mit einem Landesvater Rühe zu arrangieren.

Rühe hat durch die Affären seinen Nimbus als „durchsetzungsstarke Führungspersönlichkeit“ und „konsequentem Kämpfertyp, der viel bewegen kann“, eingebüßt. Er wirkt jetzt wie ein „tönerner Riese“, „ausgehöhlt und angeschlagen“. Aufgrund der Erfahrungen mit den früheren Landesvätern Barschel und Engholm zweifeln die Wähler an seiner Unschuld. Als kränkend erleben es - selbst viele CDU-Wähler - dass Rühe, nicht „bedingungslos zum kleinen Land Schleswig Holstein steht“, sondern mit dem Parteivorsitz der CDU große persönliche Aufgaben anvisiert: „Er wirkt so, als hätte er schon aufgegeben, als wäre Schleswig Holstein für ihn nur noch ein Klotz am Bein. Er will nur noch für sich und seine Karriere und nicht für Schleswig Holstein gewinnen.“

Dennoch überwiegt bei den meisten Wählern Mitleid mit dem einstigen Hoffnungsträger Rühe. Man wählt ihn in erster Linie nicht, weil man die CDU abstrafen will, sondern weil er im Zuge der Affären, die in ihn gesetzten Hoffnungen auf einen kraftvollen und ehrlichen Neuanfang nicht mehr erfüllen kann.

Festhalten an der ehrlichen Landesmutter Heide Simonis, aber weiterhin Sehnsucht nach einem führungsstarken Landesvater

Heide Simonis gilt im Gegensatz zu den starken aber unglaubwürdigen Landesvätern der Vergangenheit als ehrliche und fürsorgliche Landesmutter. Sie verkörpert Schleswig Holstein und gilt als natürlich, bodenständig und volksnah. Allerdings verbinden selbst SPD-Wähler mit ihr keinen neue Durchkraftung und keinen starken Auftrieb. Als eine verlässliche und angesichts der Affären tröstliche Landesmutter verspricht sie den Erhalt des status quo. Da Rühe als eine kraftvolle Alternative nicht mehr in Frage kommt, sprechen die Wähler Simonis weiter das Vertrauen aus. Aber langfristig sehnen sich auch die Wähler in Schleswig Holstein nach einem führungsstarken und untadeligen Landesvater, der das Land nach vorne zu bringen verspricht.

Die Tiefeninterviews mit Wählern in Schleswig Holstein bestätigen zudem die Ergebnisse der Anfang Februar in Nordrhein-Westfalen durchgeführten rheingold - Studie zur Parteispendenaffäre:

Diagnose: Die Tiefendimensionen der Krise sind viel gravierender als es in den allgemeinen Beschwichtigungen, politischen Schuldzuweisungen oder Meinungstrends zum Ausdruck kommt: Eine tiefe Erschütterung der Wähler und eine in ihrem Ausmaß beispiellose Vertrauenskrise in die gesamte politische Klasse. Im Zuge des Stillhalteabkommens zwischen Wählern und Politikern, gehen die Wähler zwar nicht auf die Barrikaden oder stellen das System grundsätzlich in Frage, unterschwellig vollzieht sich jedoch eine besorgniserregende Erosion des Systems und der politischen Kultur.

Prognose:
Erstarkung konsequenter Führungsgestalten, die den Wählern ein doppeltes Versprechen machen: Einerseits Wahrung des status quo, andererseits Befreiung von Filz, Undurchschaubarkeit und Ungerechtigkeit.

Zuwachs der Politikverdrossenheit und weiterer Rückzug ins Private.

Die CDU wird bei den nächsten Wahlen symbolisch abgestraft.

Behandlungs-Strategien: Die Vertrauenskrise kann produktiv beendet werden, wenn - jenseits von politischem Lavieren und journalistischer Effekthascherei - klare vertrauensbildende Maßnahmen entwickelt werden:

Ein offensiver Selbstreinigungsprozess der Parteien.

Wiederherstellung des Gerechtigkeitsprinzips. Die Wähler müssen wieder die Gewissheit haben, dass Verfehlungen der Politiker genauso konsequent und durchgreifend bestraft werden, wie die Verfehlungen der Wähler.

Verabschiedung eines klaren Verhaltenskodex und nachvollziehbarer Maßstäbe, was - dem Politiker wie dem Wähler - erlaubt ist und nicht erlaubt ist.

Politik als kraftvoll visionäre und vor allem sinngebende Zukunftsgestaltung. Gerade zu Beginn des neuen Jahrtausends erwarten die Wähler wieder eine richtungsweisende Sinngebung von der Politik.

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