Die Zeitung hat Zukunft
12.07.2005

Auch im Zeitalter der überbordenden elektronischen Medienengebote hat die Tageszeitung bei Jugendlichen gute Zukunftschancen: Junge Leute lassen sich zur Zeitungslektüre motivieren, wenn diese ihnen emotional eine Heimat bieten kann. Entscheidend sind hierbei die drei Dimensionen "Kultur", "Alltag" und "Aktualität", die von den Blattmachern in spezifischer Weise mit Leben erfüllt werden müssen. In der Kulturdimension muss die Zeitung einen Dialog mit ihrer jungen Leserschaft verfolgen: Neben neuen formalen Stilmitteln im Layout, neben Persiflagen, Verfremdungen und Berücksichtigung der Jugendsprache entsprechen vor allem Peer Group-Beispiele für Jugendkultur, Ratgeber für Jugendthemen und die Bewertung von Ereignissen aus der Jugendperspektive den besonderen Anforderungen des jungen Publikums. Inhaltlich hat der Alltag mit seinen besonderen, "jungen" Ausprägungen einen überragenden Stellenwert: Beiträge aus der Welt von Elternhaus, Schule und Ausbildung, von Vereinen und jungen Events bestimmen das Interesse. Besonders wichtig: Die Innenwelt ist bedeutsamer als die Außenwelt! Liebeskummer, Weltschmerz und Schulprobleme stehen im Mittelpunkt der "jungen" Weltsicht, doch Berichte über Auslandsaufenthalte, Urlaubsziele und Jugendliche aus anderen Ländern und Kulturen befriedigen auch die vorhandene Neugier nach der Weite der Welt. Als dritte Dimension muss die Aktualität eine spezifische Ausprägung erfahren: Neuregelungen beim Erwerb des Führerscheins, der unvermeidliche Computer mit all seinen Tücken und neuen Entwicklungen, Drogenfragen und die Glamour-Welt von regionalen und nationalen Stars und Sternchen der Jugend-Szene stehen als Themengebiete nur beispielhaft für die wechselhaften Schwerpunkte des aktuellen Interesses.

Insgesamt, das zeigen viele rheingold-Studien zur Jugendkultur und Mediennutzung, verfolgen junge Leute heute insgeheim das Motto "Schuldlos erwachsen werden" und vermeiden ängstlich mögliche negative Konsequenzen eigenen Handelns. Sie lehnen Visionen ab, orientieren sich an den Lebenszielen ihrer Eltern, weichen mit einer Formen-Vielfalt inhaltlichen Auseinandersetzungen aus und bevorzugen Persiflage und Verfremdung als dominierende Stilmittel. Vor dieser Folie unserer Alltagskultur haben Tageszeitungen gute Zukunftschancen, wenn sie die besondere, psychologische Welt der Jugend kenntnisreich berücksichtigen und sich auf ihre Kernkompetenz besinnen: Tageszeitungen sind Heimat - auch für Jugendliche!

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