Die gesellschaftliche Zeitbombe: Zukunftsangst und Rollenunsicherheit bei der Jugend
Die gesellschaftliche Zeitbombe: Zukunftsangst und Rollenunsicherheit bei der Jugend
25.04.2006

Die aktuellen Gewaltexzesse von Jugendlichen, die Shell-Jugend-Studie, die Ausführungen des Bundespräsidenten Horst Köhler und die anhaltende Debatte um seit Jahren schwelende Probleme der Hauptschulen rücken die Perspektivlosigkeit vieler Schüler in den öffentlichen Blick. Auch für die Schüler an den Gymnasien, Gesamtschulen oder Realschulen in Deutschland ist die Welt nicht in Ordnung. Sie leiden zunehmend unter einer gesellschaftlichen Perspektivlosigkeit und einer Zukunftsangst. Noch sind allerdings die Bewältigungs-Mechanismen dieser Jugend eher von Harmoniesucht als von Gewaltbereitschaft geprägt. Das belegen zahlreiche aktuelle Studien, die rheingold zum Thema Jugend in den vergangenen Monaten und Jahren durchgeführt hat.

1. Der fehlende Zukunftsauftrag

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist auch für besser ausgebildete Jugendliche unsicherer geworden. Sie wissen nicht, ob sie einen Arbeitsplatz bekommen oder nach der Ausbildung übernommen werden. Das Fehlen eines klaren und richtungsweisenden politisch-gesellschaftlichen Zukunftsbildes verstärkt dabei die Unsicherheit und die Zukunftsangst der jungen Generation. Sie weiß einfach nicht, wofür sie in dieser Welt eigentlich gebraucht wird. Sie erkennt für sich und ihre Generation keinen mobilisierenden und motivierenden gesellschaftlichen Auftrag von der Politik oder Wirtschaft.

Ohne eine konkrete Zielvision flüchten sich daher immer mehr Jugendliche in diffuse Superstarphantasien. Vor allem die 16- oder 17jährigen träumen davon, dass in ihnen verborgene Talente schlummern, die irgendwann einmal von den Medien entdeckt werden. Wie stark diese Tagträume der Jugendlichen sind, zeigt der ernorme Erfolg der Starsearch-Formate, die auf der Klaviatur dieser Entdeckungs-Sehnsucht spielen. Problematisch dabei ist, dass auf diese Weise ein Traum genährt und angeheizt wird, der für die allermeisten Jugendlichen noch nicht einmal in Ansätzen umsetzbar ist. Spätestens mit dem Ende der Schulzeit realisiert man enttäuscht, dass es für einen selbst keine übergreifende Berufung, kein höheres Lebensziel gibt, das der Fortbildung oder dem Studium einen Sinn und eine Richtung verleihen könnte.

Noch nie waren die Jugendlichen daher so zaghaft, ziellos und unentschlossen im Hinblick auf eine mögliche Berufswahl: Die meisten Jugendlichen warten erst einmal ab und halten die definitive Berufswahl sehr lange offen. Sie verlängern ihr Bleiberecht im Elternhaus. Sie jobben hier und da und hoffen, dass über ein Praktikum irgendwann die Begeisterung für ein Berufsfeld erwacht oder man zumindest einen ersten Einstieg findet.

2. Die Auflösung verlässlicher gesellschaftlicher Rahmenbedingungen

Auch jenseits von Schule und Beruf fühlt sich die Jugend zutiefst haltlos. Die Shell-Studie aus dem Jahre 2002 spricht zwar noch vom Zukunftsoptimismus der Jugend. Aber dieser Optimismus ist in den meisten Fällen aufgesetzt, ein munteres Pfeifen im Walde, das die gängigen Jugendklischees bedienen, aber vor allem die unterschwellige Lebensangst kaschieren soll. Die Jugendlichen fühlen sich wie in einem Sinn-Vakuum. Sie spüren zwar den gesellschaftlichen Veränderungsdruck, wissen aber nicht, wohin die Reise geht. Sie haben das eher pessimistische Gefühl, dass die Welt immer unüberschaubarer, unbewältigbarer und unberechenbarer wird. Die Welt löst sich in ihren Verlässlichkeiten, in ihren festen Ordnungen und Orientierungspunkten schleichend auf.

Die Familien-Strukturen brechen immer häufiger auseinander. Wer nicht selber Kind einer zerrütteten Ehe ist, hat zumindest Freunde, die nur mit einem Elternteil aufwachsen oder in Patchworkfamilien hin- und herreisen. Aber auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verlieren in den Augen der Jugendlichen ihre Verlässlichkeit und ihre Tragfähigkeit. Sie zweifeln daran, ob man wirklich dauerhaft auf die Versorgungs-Leistungen der Eltern oder auf die staatlichen Absicherungen bauen und vertrauen kann.

3. Ohne Generationskonflikt keine Identität

Die Jugendlichen begrüßen zwar das gute Einverständnis, das sie heute meist mit ihren Eltern oder Lehrern erleben. Sie genießen auch die daraus resultierenden Freiheiten. Mit dem Ende des Generationskonfliktes früherer Zeiten fällt es den Jugendlichen aber viel schwerer, sich als eine eigene Generation abzugrenzen. Angesicht der oftmals toleranten oder gleichgültigen Eltern oder Lehrer sehen sie keinen Ansatzpunkt zur Revolte und damit zur Selbstdefinition.

Das Ende des Generationskonfliktes liegt nicht allein in der eher zahmen und pragmatischen Jugend begründet, die lieber ironisiert als rebelliert. Das Ende des Generations-Konfliktes hat vor allem damit zu tun, dass jugendliche Lebens- und Ausdrucksformen von der Gesellschaft nicht mehr erbittert bekämpft, sondern freudig kopiert werden. Der Zensor und Sittenwächter früherer Jahrzehnte ist heute durch den Trend-Scout abgelöst werden. Seine Aufgabe ist es, immer durch den unübersichtlichen Dschungel der Jugendkultur zu streifen und Mode, Werbung und Establishment mit frischen Ideen zu versorgen.

4. Die wachsende Rollenunsicherheit

Im Zuge des gesellschaftlichen Sinn-Vakuums und der Gleich-Gültigkeit unterschiedlichster Lebensentwürfe fällt es vor allem jungen Männer zunehmend schwer, ihre gesellschaftliche Rolle als Mann zu verstehen und auszugestalten. Sie erleben einerseits den feinfühligen, zurückhaltenden, antiautoritären und sensiblen Mann als politisch korrektes Vorbild. Andererseits erfahren sie den Erfolg, den die Macho-Allüren deutscher Stars a la Bohlen und Lauterbach oder der Männer aus anderen Kulturkreisen im Beruf oder bei den Frauen zeitigen. Diese Rollenunsicherheit führt vor allem bei jungen Männern zum Rückzug in ihre autarken Playstation-Welten oder in halbstarke Männerbünde.

5. Harmonie-Sucht statt Gewaltbereitschaft

Ihre Zukunftsängste und ihre tief sitzenden Unsicherheiten bekämpfen die meisten Jugendlichen allerdings nicht mit Gewaltakten, sondern mit Anpassungsbereitschaft und Harmonie-Sehnsucht. Getrieben von der Grundangst, aus den sozialen Kontexten herauszufallen und auf sich alleine gestellt zu sein, entwickeln viele Jugendliche eine insgeheime Absicherungs-Manie. Man sucht Halt in einer Vielzahl von symbiotisch wuchernden Bindungs- und Interessensgeflechten. Man schaltet daher mehrere Freundes-Kreise und Cliquen parallel. Wenn es mit der einen oder anderen Gruppe mal nicht so läuft oder sie nicht verfügbar hat, kann man so immer auf ein Netzwerk mit vielfachem Boden zurückgreifen.

Die Kontakt-Maximierung erscheint als unbewusstes Lebensprinzip junger Menschen: Wichtig ist es, möglichst mit allen Menschen, die einen umgeben, gut auszukommen. Harmonie, das bergende Gefühl von Nähe und Zugehörigkeit wird überall angestrebt – in der Schule, im Kollegenkreis, in der Clique, in der Familie oder wenn man gerade unterwegs ist. In die flüchtigen sozialen Netzwerke wird jeder einbezogen, der gerade verfügbar ist. Häufig betonen die Jungen und Mädchen, dass sie selbstverständlich auch mit Vater oder Mutter ins Kino oder in die Disco gehen, wenn niemand anderes Zeit hat. Mit wem man sich verbindet, erscheint heute weniger als eine Frage des Standpunktes, sondern des Standortes.

Die gesellschaftliche Zeitbombe

Hinter der haltsuchende Kuschelromantik, die die heutigen Jugendlichen inszenieren, tickt eine kulturpsychologische Zeitbombe: die gärende Suche nach irgendeiner Mission, die einen aus der Lethargie und dem symbiotischen Bindungsgeflechten herausreißt und die dem eigenen Leben einen neuen Sinn und eine entschiedene Richtung weist. Sie wird in dieser Verfassung von Jahr zu Jahr anfälliger für Erlösungs-Versprechungen und simplifizierte Heilslehren. Das Gefühl von der Gesellschaft, nicht gebraucht und wahrgenommen zu werden, wird in den nächsten Jahren nicht durch Harmonie-Sucht und Superstar-Träume kompensiert werden können. Wenn die Jugend keine reelle Chance auf gesellschaftlicher Anerkennung und Mitwirkung hat, wird auch jenseits der Hauptschulen die Gewaltbereitschaft steigen.

 

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