Die programmierte Freizeit
Die programmierte Freizeit
12.07.2005

Im Freizeit-Trend liegen heutzutage vor allem folgenlose Augenblicks-Leidenschaften wie Bungee-Jumping oder die unverbindliche Vielfältigkeit der Freizeitparks. Für die Zukunft prognostiziert rheingold eine Renaissance des Müßiggangs.

Unsere Kultur gilt als Freizeitkultur. Psychologisch betrachtet, ist das ein großes Mißverständnis. Denn "freie Zeit" bedeutet in unserer Kultur alles andere als Müßiggang. Statt Freizeit sind es "Freizeit-Programme", die unser Leben außerhalb der Arbeitszeit bestimmen. Dabei ist es nicht eine übermäßige Arbeitsbelastung, die uns am Müßiggang hindert. Freie Zeit zu haben, ist für uns zu einem unaushaltbaren Zustand geworden, weil wir von einer doppelten Angst besessen sind: von der Angst, etwas zu verpassen, und von der Angst, in Mit-Leidenschaft gezogen zu werden, wenn wir uns auf eine Sache intensiver einlassen. Freizeit bedeutet daher heute vor allem: Freiheit von echten Leidenschaften und schicksalhaften Entwicklungen.

Vor allem die immer beliebteren Freizeitparks bieten uns eine unverbindliche Vielfältigkeit, in der wir unsere freie Zeit sicher parken können. Wir können in eine festgelegte Palette von phantastischen und verheißungsvollen Minutenwelten eintauchen. Dabei haben wir stets die Gewißheit einer totalen Verfügbarkeit. Alles bleibt kurz und schmerzlos. Nach einem ähnlichen Mechanismus funktionieren auch TV, Multiplex-Kinos und das Internet: Man hält sich alle Möglichkeiten vor Augen, läßt sich ein wenig treiben, aber niemals wirklich packen.

Im Freizeit-Trend liegen auch folgenlose Augenblicks-Leidenschaften wie zum Beispiel Bungee-Jumping oder Gotcha, die die Intensität und Unmittelbarkeit einer Schicksals-Erfahrung simulieren. Hier will man für kurze Zeit einen abenteuerlichen Thrill auskosten, der mitreißt, Angst macht, den Magen zusammenkrampfen läßt - und dann vorbei ist.

Der aktuell noch anhaltende Boom der Inline-Skates ist hingegen eine flüchtige Wieder-Annäherung an den Müßiggang. Zentral ist hierbei jedoch nicht der freie Gang der Dinge, sondern ein ziel-, aufwands- und konsequenzloses Gleiten durch unsere Wirklichkeit: Man sieht, was es so alles gibt - Läden, Lokale, Landschaften, Laster - und gleitet daran vorbei.

Und was bringt die Zukunft? Einen Schrei nach wirklichem und intensivem Freizeit-Erleben, der paradoxerweise erst einmal zu einer totalen Programmierung der Freizeit durch Digitales Fernsehen oder Cybersex führen wird. Danach folgt eine Renaissance des Müßiggangs: Wir werden wieder frei und ohne vorgesetztes Programm den abenteuerlichen Entwicklungen des Lebens folgen wollen.

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