Die ‚Generation Kuschel‘ macht mobil gegen den Krieg
Die ‚Generation Kuschel‘ macht mobil gegen den Krieg
12.07.2005

Das Bild der Demonstrationen auf deutschen Straßen gegen den Krieg der USA im Irak wird von Zehntausenden von Jugendlichen bestimmt. Die hohe Bereitschaft junger Menschen zur öffentlichen Empörung ist jedoch nicht Ausdruck einer neuen, politisch-ideologischen Ausrichtung. Sie begründet sich in einer Wandlung der Lebenshaltung, die sich in den letzten Jahren nahezu unmerklich vollzogen hat: Nach der narzisstischen ‚Spaßkultur‘ der 90er Jahre fühlen die Jugendlichen sich heute haltlos und haben Angst, ihre Zukunft zu gestalten. Sie begegnen dieser Angst mit einem extremen Bindungs- und Harmoniebedürfnis.

Auf der Suche nach sozialer Nähe, Wärme und Gemeinsamkeit bilden sie ständig neue und vielschichtige Bindungs-Biotope, die nicht nur den Freundeskreis, sondern auch Kollegen oder Eltern und Familien umfassen können. Die Demonstrationen werden daher als ein übergreifendes Bindungs-Biotop erlebt, das geeint wird durch die kollektive Sehnsucht nach Halt gebender, symbiotischer Nähe in einer überfordernden Welt.

Mit ihrem Angriff auf den Irak verletzen die USA zudem die zentralen Werte des gewaltfreien Lebensentwurfes der Generation ‚Kuschel‘: das Austarieren unterschiedlicher Interessen, Toleranz, soziales Engagement und die Bereitschaft zur Anpassung. Das vereinte und friedliche Aufbegehren gegen den Verrat an ihren Werten stärkt das Selbstbewusstsein einer Generation, die trotz des grassierenden Jugendkultes das Gefühl hat, eigentlich nicht gebraucht zu werden. Die kollektive Mobilisierung hilft den jungen Leuten, Gefühle der Ohnmacht zu überwinden, die sie angesichts fehlender Rebellions- und Oppositionsmöglichkeiten immer wieder erfahren haben.

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