Du sollst Dich zum Bild machen!
12.07.2005

Die Videotelefonie verheißt eine Steigerung der sinnlichen Authentizität beim Telefonieren. Durch diese mobile Form der "Gesichtspflege" hofft man, die Anbindung zum Gesprächspartner zu intensivieren. Mit Videotelefonie lassen sich Beziehungsbande und soziale Netze besser im Auge halten als beim herkömmlichen Telefonieren. Durch die Nutzung der neuen Technologie kann man überdies sich und seiner Umgebung demonstrieren, dass man auf der Höhe der Zeit und quasi stets im Bilde ist. Videotelefonie kann so zum Prestige-Objekt werden.

Trotz dieser Verheißungen wird Videotelefonie nicht nur als Bereicherung erlebt, sondern auch als Reglementierung und Beschränkung. Bislang steht Telefonieren für eine liberalisierte Kommunikation! Am Telefon kann man seiner Mimik freien Lauf lassen und so im Geschäftsgespräch böse Miene zum guten Spiel machen. Auch im Hinblick auf das Outfit reglementiert herkömmliche Telefonie den Nutzer nicht. Die Freiheitsgrade gehen so weit, dass man das Gegenüber auch mit llusionen täuschen kann, etwa um ein lästiges Telefonat zu beenden ("Hier kommt gerade Besuch, ich muss Schluss machen"). Die Mobiltelefonie steigert durch ihre hohen Kosten und die zeitweiligen Empfangsschwierigkeiten noch die kommunikativen Freiheitsgrade und Verknappungstendenzen. Sie verspricht ein Maximum an ungezwungener und spontaner Kommunikation.

Videotelefonie macht diese Liberalisierung nun rückgängig! Man sieht sich genötigt, für ein gesprächsadäquates Outfit zu sorgen und das persönliche Mienenspiel auf Kurs zu bringen. Mobiltelefonieren droht dadurch in bestimmten Gesprächskontexten steifer und förmlicher zu werden. Dem Mobilfunknutzer wird abverlangt, einen neuen KommunikationsKnigge für das Telefonieren zu entwickeln. Relevant wird auch die Entscheidung sein, in welchen Situationen und Kontexten man den Videomodus überhaupt ein- und ausschalten darf. Denn seine Nicht-Nutzung könnte als Hinweis interpretiert werden, dass der Gesprächspartner etwas zu verbergen hat.

Um der Videotelefonie zum gewünschten Durchbruch zu verhelfen, sollte die klassische Kommunikation private, familiäre und zwanglose Gesprächssituationen aufgreifen. Denn hier bereichert die Videotelefonie, weil man sich authentisch geben kann. Durch Kommunikation und Produktfeatures sollten die Anbieter den Nutzern zudem bei der Etablierung eines Gesprächs-Knigges behilflich sein.

© 2015 rheingold