Ein Stillhalteabkommen mit der Politik: Die tiefenpsychologischen Folgen der Parteispendenaffäre
12.07.2005

Trotz einer tiefgreifenden Vertrauenskrise schließen viele Wähler ein Stillhalteabkommen mit der Politik. Sie sind zwar tief erschüttert von den Partei-Affären, ziehen aber kaum persönliche bzw. politische Konsequenzen. Um den Status quo, die persönlichen Besitzstände und das eigene politische Trägheitsprinzip nicht zu gefährden, verschließt man vor dem Ausmaß der Krise die Augen und bemüht sich um eine Beschwichtigung der Affäre. Durch Sanktionen gegenüber den Schuldigen soll der Übergang in einen Normalzustand wiederhergestellt werden: Es gilt zu verhindern, dass das politische System grundlegend in Frage gestellt werden muss. Eine manifeste Systemkrise wird durch dieses Stillhalteabkommen zwar kurzfristig verhindert, allerdings auf Kosten eines weiteren Erosionsprozesses der politischen Kultur, der langfristig die Anziehungskraft radikaler Führungsgestalten stärkt.

Das sind die zentralen Ergebnisse einer tiefenpsychologischen Studie über den Umgang und die seelische Verarbeitung der Parteien-Affären, die das rheingold Institut aktuell durchgeführt hat. In zweistündigen Tiefeninterviews wurden Wähler der CDU, der SPD und der Grünen von Diplom-Psychologen eingehend darüber befragt, wie sie die Affären erleben und welche Auswirkungen sie auf den eigenen Alltag und die persönlichen politischen Haltungen haben.

  1. Das Vertrauen der Wähler in die Politik ist tiefgreifend erschüttert

    Das Vertrauen der Wähler in die Politik und die Politiker ist durch die Spenden-Affären tiefgreifend erschüttert. Gekränkt reagieren die Wähler vor allem auf die Doppelmoral und Heuchelei der Politiker: "Es ist schockierend, dass die Regierenden, die von Gesetzen geredet haben, in ihrem Inneren das Gegenteil gemacht haben. Erschüttert wird auch das Gerechtigkeitsempfinden der Wähler, da die Vergehen der Politiker mit einem anderen Maß gemessen werden und keine spürbaren Konsequenzen nach sich ziehen.

    Zentraler Ausdruck der Vertrauenskrise ist jedoch ein unterschwelliger Argwohn, dass alles noch viel schlimmer sein könnte als bisher bekannt. Man weiß nicht mehr, wem und was man überhaupt noch glauben soll. Im Zweifel glaubt man keinem mehr und hält alle Politiker tendenziell für korrupt. Oder fürchtet, von mafiösen Strukturen oder Seilschaften regiert zu werden, von einem System im System, dass sich nur noch um sich selbst dreht und mit kriminellen Mitteln den Ausbau seiner Macht betreibt.

    Durch das Ausmaß der Affären und die nicht endenden Enthüllungen und Zuspitzungen fühlen sich viele Wähler aufgerufen, die Politik wieder stärker zu kontrollieren, mehr persönliche Verantwortung zu übernehmen und wieder mehr mitzuwirken: "Die Krise hat ein Ausmaß erreicht, dass man eigentlich nicht mehr die Augen davor verschließen kann."
  2. Die Wähler verharren in einem Zustand der Agonie und Verharrung - eine manifeste Krisen-Reaktion bleibt aus.

    Psychologisch auffällig ist, dass die Wähler trotz der ungeheuerlichen Vertrauenskrise in einem Zustand der Erstarrung und Agonie verharren. Die Wähler schrecken - ähnlich wie die Politiker - vor wirklichen Veränderungen und Eingriffen zurück, ihre Erschütterung bleibt daher weitgehend wirkungslos und verpufft sogleich wieder. Die Wähler machen sich keine grundsätzlichen Gedanken über die politische Kultur und das demokratische System. Das bestehende Parteiensystem wird nicht in Frage gestellt, eine Krise des Staates wird nicht erlebt. Die Affären ziehen auch keine politischen Aktivitäten oder die Forderung nach radikalen politischen Veränderungen nach sich. Die Entrüstung der Wähler erschöpft sich in der Forderung nach kurzfristigen drastischen Sanktionen. Mit der Bestrafung der Politiker kann man dann das Thema abhaken und wieder zur Tagesordnung übergehen.
  3. Der Umgang mit den Affären ist auch bei den Wählern durch Beschwichtigungs- und Abwiegelungsversuche geprägt

    Sowohl bei den CDU-Wählern als auch bei den SPD-Wählern sind im Umgang mit den Affären starke Beschwichtigungstendenzen und Abwiegelungsbemühungen erkennbar. Ein persönliches Krisengefühl, dass zu eigenen entschiedenen Haltungen oder Handlungen nötigt, soll erst gar nicht aufkommen.

    Alle Wähler betonen, dass die Affären keine spürbaren Auswirkungen auf den eigenen Alltag haben, von daher sieht man auch keine Notwendigkeit, auf die Strasse zu gehen oder sich in irgendeiner Form politisch zu engagieren. "Die Politiker schaden sich doch mit den Skandalen nur selbst, solange das Bier nicht mehr als drei Mark kostet, gehe ich nicht auf die Barrikaden."

    Die Personalisierung der Affäre ermöglicht es, eine Handvoll Schuldige auszumachen. Der Ruf nach drastischen Sanktionen und einem sofortigen Austausch der betroffenen Politiker ermöglicht eine schnelle und persönlich aufwandslose Systemreparatur. Grundsätzliche Gedanken über die politische Kultur und das System sind nicht mehr erforderlich.

    Die häufigste Umgangsform ist die Entdramatisierung der Debatte als unterhaltsames Medienspektakel - davon zeugt
    z. B. die Fehlleistung eines Wählers "wir reden über die Afferien". Man verfolgt die Nachrichten, spricht mit Freunden oder Kollegen darüber, echauffiert sich entweder demonstrativ oder zeigt unverhohlen Schadenfreude.

    Die CDU-Wähler arbeiten vor allem mit
    Bagatellisierungen ("Kavaliersdelikte"),
    Relativierungen ("Wir sind alle kleine Sünderlein") und
    Echauffierungen ("das hätte ich gerade von dem nicht erwartet.").

    Die Wähler der SPD bzw. der Grünen üben sich in
    Schadenfreude ("jetzt kommen die von ihrem christlichen Ross runter."),
    Ironisierungen ("Wo ist der Koffer für mich?") oder
    Intellektualisierungen ("hier zeigt sich, ...").
  4. Ein kollektives Stillhalteabkommen soll bestehende Besitzstände und das persönliche Trägheitsprinzip absichern

    Gemeinsam ist den Wählern die Hoffnung, dass die Krise nicht eskaliert, sondern eine rasche Normalisierung der Verhältnisse eintritt. Niemand will am jetzigen Zustand wirklich rütteln. Ein Leidens- und damit Veränderungsdruck ist nicht feststellbar, vorherrschend ist ein individuelles Trägheitsprinzip. Man hat sich ganz gut in den bestehenden Verhältnissen eingerichtet. Man genießt den Wohlstand und die persönlichen Freiräume. Verantwortung wird bereitwillig an Politiker delegiert, die dafür sorgen sollen, dass es immer so weiterlaufen wird wie bisher. Die vielzitierte Politikverdrossenheit erscheint vor diesem Hintergrund als Rechtfertigung bzw. Berechtigung, sich von der Politik abzukoppeln und sich in private Eigenwelten zurückzuziehen.

    Im Zuge des unbedingten Erhaltes des Status quo und der Absicherung ihres Trägheitsprinzips sind die Wähler - trotz ihrer Entrüstung über die Affären - zu einem kollektivem Stillhaltekommen im Hinblick auf die Politik bereit: Die Politiker sorgen dafür, dass die bisherigen Besitzstände gewahrt bleiben und ihre Verfehlungen im Rahmen bleiben, dafür üben die Wähler keine fundamentale Kritik am System.
  5. Der Erosionsprozess der politischen Kultur stärkt langfristig die Anziehungskraft radikaler Führungsgestalten

    Dieses Stillhalteabkommen im Zeichen der Affäre verhindert den manifesten Ausbruch einer Krise der politischen Parteien und Institutionen in Deutschland. Der formale Rahmen des Systems bleibt erhalten und wird sogar noch verstärkt. Gleichzeitig dynamisiert sich ein schleichender Erosionsprozess der politischen Kultur. Eine manifeste Krise der Demokratie ist aufgeschoben, aber nicht aufgehoben.

    Der latente Argwohn und das tiefgreifende Misstrauen der Wähler gegenüber der Politik stärkt langfristig die Anziehungskraft kompromissloser Führungsgestalten, die den Wählern ein doppeltes Versprechen machen: Einerseits radikale Beseitigung von Undurchschaubarkeit, Filz und Ungerechtigkeit sowie die Schaffung von einfachen und klaren politischen Strukturen. Andererseits Erhalt des Status quo, der individuellen Freiräume und Besitzstände.
  6. Die Wähler verstehen die Politik nicht mehr und sie haben keine politische Zukunftsvision

    Die Abkoppelung der Wähler von der Politik wird durch zwei Faktoren begünstigt:

    Die Wähler fühlen sich hilflos im Umgang mit der Politik und den Politikern. Die politischen Strukturen werden als undurchschaubar erlebt. Sie wissen nicht, wie sie mit Politikern umgehen sollen, wie sie sie einschätzen sollen und wie sie in das politische System eingreifen können.

    Die Wähler haben keine politische Zukunftsvision. Sie haben kein Bild davon, was anders werden kann oder soll. Wirkliche politische Veränderungen werden allenfalls mit dem Schreckszenario eines neuen Rechtsradikalismus zusammengebracht. Aber dieses Schreckbild von Veränderung führt dann wieder dazu, dass man das bestehende System auf jeden Fall erhalten will. Allenfalls kleine Korrekturen oder Optimierungen des Systems werden gefordert, die dem Wertebestand des ausgehenden 19. Jahrhunderts entstammen: ein bisschen mehr Demokratie, Mitwirkung, soziale Gerechtigkeit oder Toleranz. Vor diesem Hintergrund kann man den öffentlichen Diskurs über die Spendenaffäre auch als Symptom des Millenniums betrachten. Statt den viel propagierten aber auch ungewissen Neuanfang in die eine neue Zeit zu starten, schaut man zurück und rechnet mit den Fehlern der Vergangenheit ab. Der Drang zu Veränderung erschöpft sich darin, dass alte Denkmäler (Kohl und Rau) gestürzt werden. Wie die Politiker der neuen Generation aussehen sollen, was sie mitbringen und leisten sollen, bleibt dabei offen.

Prognose zu den längerfristigen Auswirkungen der CDU-Affäre

Die Debatte flaut bald wieder ab.

Die CDU wird bei den nächsten Wahlen symbolisch abgestraft. Konkrete Bubenopfer werden verlangt.

Die Politikverdrossenheit nimmt zu und berechtigt zu einem weiteren Rückzug ins Private.

Im Zuge der Abkoppelung von der Politik gewährt man den Politikern noch mehr Spielräume.

Der aufgrund der Vertrauenskrise aufkommende Ruf nach einer stärkeren Kontrolle der Politiker wird an politische Ausschüsse und an die Presse delegiert. Anhand periodischer Sanktionen wird dann Ordnung und Gerechtigkeit dokumentiert.

Langfristig Auftrieb werden politische Führungsgestalten haben, die einerseits versprechen, mit Ungerechtigkeiten aufzuräumen; von Filz und Undurchschaubarem zu befreien, klare und einfache Strukturen herzustellen, die aber andererseits auch garantieren, dass die vertrauten Besitzstände erhalten bleiben und man sich nicht selber engagieren muss.

© 2015 rheingold