Flirting with disaster - Was macht den zeitlosen Reiz des Mythos Titanic aus?
12.07.2005

Der sagenhafte Kinoerfolg des Films von James Cameron sowie die ebenfalls kassemachende Ausstellung von Titanic-Fundstücken in Hamburg waren Anlaß für eine psychologische Pilotstudie, die rheingold Anfang des Jahres durchgeführt hat. Geklärt werden sollte, was den zeitlosen Reiz des Mythos Titanic in seinem Kern ausmacht.

Der Untergang des Megaschiffes hat uns vor Augen geführt, daß alles, was wir machen oder planen - die kleinen Dinge des Alltags ebenso wie die großen technischen oder kulturellen Vorhaben - scheitern kann. Das Besondere an der Titanic ist jedoch, daß der Untergang nicht nur ein "geschichtlicher", sondern vor allem ein "geschichtenträchtiger" war. So können der mehr als zweistündige Sinkvorgang des Superliners, seine bewegte Vorgeschichte, die Geschehnisse auf seiner kurzen Reise, das Verhalten von Passagieren und Besatzung, die dramatischen Umstände der Rettung der Überlebenden stets neue Perspektiven auf die Katastrophe eröffnen. Die Titanic wird zu einer Art psychologischem Schatzschiff, von dem wir uns alle in unseren Phantasien und Gedankenspielen immer wieder (neu) beflügeln lassen können.

Den "heißen Momenten" des Schicksalhaften, der Ambitioniertheit und des Ehrgeizes stehen in der Titanic-Geschichte die "kühlen Momente" des Versagens, des Scheiterns und der planerischen Fehleinschätzungen entgegen. Für jeden hält die Titanic und ihr Schicksal so eine Möglichkeit der Anteilnahme bereit: Ob man sich in empathischer Weise in das Leiden der Opfer hineinversetzt, ob man als "Amateur-Ingenieur" oder "Amateur-Kapitän" die Umstände der Havarie analysiert, ob man als "Moralist" die Hybris der Erbauer ("Unsinkbar!") oder gar der ganzen damaligen Welt anklagt, oder ob man im Gegenteil neidisch zurückschaut auf eine durch die Titanic symbolisierte Epoche, in der solch große und bewegende Vorhaben noch möglich waren, die Titanic bietet für jeden etwas. Damit steht auch die Prognose fest: Die Titanic gehört zu unserem Erbe kollektiver Erfahrungen und emotionaler Besitztümer. Und das Wrack wird uns noch lange gleichermaßen mit Fundstücken und Geschichten versorgen.

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