Forever young
Forever young
12.07.2005

Das letzte Jahrzehnt unseres Jahrhunderts wird als das Zeitalter des Jugendkults in die Kulturgeschichte eingehen. Der Jugend-, Fitneß- und Körper-Kult wird ständig gefüttert mit Marken-Werbung oder Special-Interest-Zeitschriften. Längst trägt dieser Jugendkult Züge von Besessenheit. Wir glauben an ewige Schönheit, ewigen Glanz, unaufhörliche Fitneß und Lust, an Verwandlung und Neuanfang. Vom Leben erwarten wir totale Verfügbarkeit und Unkaputtbarkeit - mühelos wollen wir von einer Erlebnisoption zur nächsten zappen. Wir träumen von einem digitalen Leben ohne schmerzliche Verwicklungen, Abnutzungen, Alter und Tod.

Kurz vor der Jahrtausend-Wende spüren die Menschen aber auch den Preis eines solchen digitalen Lebens. Sie vermissen die Tiefe und die Intensität, die entsteht, wenn man konsequent einem Lebenssinn folgt. Das Leben scheint immer berechenbarer, planbarer, formalisierter und risikoloser zu werden - es verliert etwas von seiner ungeheuerlichen, aber auch faszinierenden Schicksalshaftigkeit. Den verlorenen, abenteuerlichen Thrill des Lebens versucht man durch Börsenspiele, Extrem-Events, TV-Erotik, Sekundenschlaf-Dramatik am Steuer, Katastrophenfilme, Star Wars-Spektakel und die täglichen Talk-Shows doch noch wiederzugewinnen.

Im Zuge des Millenniums bahnt sich jedoch eine Wende an. Eine neue Schicksalslust, eine Sehnsucht nach dauerhaftem und übergreifendem Lebenssinn kommt auf. Die Menschen beginnen wieder, sich elementare Fragen zu stellen: Wofür lebe ich? Was ist der Sinn all meiner Anstrengungen? Was vermittle ich meinen Kindern als Lebensziel? Diese Bestrebungen nach radikalem Neuanfang werden derzeit jedoch noch durch die Ängste ausgebremst, etablierte Besitzstände und vertraute Positionen zu verlieren. Von daher reden die Menschen zwar von der Wende, praktizieren jedoch im kleinen wie im großen Rahmen einen gewaltigen Reformstau.

Die Veränderungswünsche werden derzeit in das bevorstehende Silvester-Happening 2000 kanalisiert. Durch das rauschhafte Gelingen dieses Übergangs soll sich alles zum Besseren wenden. Doch wenn das Fest vorbei ist, fallen die Menschen wieder in ihre schon lange verspürte Sinnleere zurück. Ihre latente Schick- sals-Sehnsucht wird dann vehement hervorbrechen. Von Politikern, Medien und Marken erwarten sie dann Sinn-Botschaften, die wieder packen und begeistern und für die man auch bereit ist, Schmerzen, Rückschläge und Opfer in Kauf zu nehmen.

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