Frau Bundeskanzler?
Frau Bundeskanzler?
26.08.2005

Frau Merkel ist Kanzlerkandidatin der Union und vielleicht sogar die erste Bundeskanzlerin der Republik. Aber werden die Wähler wirklich eine Frau in eines der höchsten Ämter des Staates wählen? Bei der letzen Wahl entsprang noch der bangen Frage vieler Unionspolitiker ‚kann die dat‘ der Kandidat Edmund Stoiber. Jetzt scheint die Zeit reif für Frau Merkel. Glaubt man dem renommierten Meinungsforschungsinstitut Forsa, so ist den Wählern die Geschlechterfrage mittlerweile "Wurst". Auf der Couch zeigt sich jedoch, dass es unter der Oberfläche der politisch korrekten Emanzipations-Befürwortung brodelt.

Vor allem die in der rheingold-Männerstudie beschriebene männliche Inszenierungskrise wird durch die mögliche Kanzlerin angeheizt. Einerseits fühlen sich die Männer natürlich aufgefordert, eine Kandidatin zu akzeptieren, da sie dem postmodernen Klischee des aufgeklärten, emanzipierten und verständnisvollen Mannes entsprechen wollen. Andererseits fürchten sie dadurch den Verlust einer der letzten Machtdomänen, die dem Mann heute noch geblieben sind. Denn viele Männer haben ihre Bestimmungshoheit beim Beziehungsaufbau oder im familiären Alltag mittlerweile stillschweigend an die Frauen delegiert. Über den Blick der Frau versichern sich viele verunsicherte Männer, was sie tun und lassen sollen. Die Vorstellung jetzt auch noch in der Welt der Politik von einer Frau regiert zu werden, schürt zumindest unbewusst ein Unbehagen. Bewusster Ausdruck dieses Ressentiments sind dabei die unzähligen Merkel-Witze, die im Kern zu beweisen suchen, dass sie eigentlich gar keine Frau ist. Die CDU-Männer werden die symbolische Entmachtung des Mannes allerdings besser verarbeiten können als die – meist emanzipationsfreudigeren – Männer der SPD oder der Grünen. Die Unionisten müssen sich im Wahlkampf zwar unter die Führung einer Frau begeben, können dabei aber eine Identifikation mit der Angreiferin betreiben: Denn sie folgen folgsam der Frau, die den feindlichen Vater ‚Schröder‘ stürzen wird.

Auch der Perfektions-Spagat der modernen Frauen wird durch eine Kanzlerin neu ausbalanciert werden. Aktuelle rheingold Frauenstudien zeigen, dass viele Frauen heute den Eindruck haben einen doppelten Anspruch perfekt genügen zu müssen. Als (potentielle) Nurmutter sollen sie am besten rund um die Uhr für ihre Kinder da sein. Gleichzeitig sollen sie nach dem Vorbild der Großmutter als moderne Trümmerfrau Deutschland mit aufbauen und sich beruflich engagieren. Die Frauen, die sich letztendlich der Mutterrolle zuwenden, arbeiten meist nur Teilzeit und das mit schlechtem Gewissen. Sie begraben ihre Karriere-Hoffnungen mit der insgeheimen Legitimation, dass man als Frau ja in Deutschland sowieso nicht Karriere machen kann. Eine Kanzlerin unterhöhlt nun dieses Beweismuster und fordert vor allem die eher konservativen CDU-Frauen zu einer Revision ihres Weltbildes auf. Diese Revision lässt sich allerdings abwehren, indem man Frau Merkel entfraulicht und sie eher in der Angela-Perspektive sieht: als große Tochter oder als kleine Schwester, die man durch seine Stimme unterstützt.

Von der Geschlechts-Frage allein lassen sich jedoch keine Wahlprognosen ableiten. Das wäre zu pauschal gedacht. Letztendlich bestimmen die erlebbaren Wirkungsqualitäten des Kandidaten die Wahl entscheidend mit. Gerhard Schröder hat die Wahl im Jahre 2002 trotzt seiner schier aussichtslosen Rückstandes doch noch gewinnen können, weil er angesichts der Flutkatastrophe und des drohenden Irak-Krieges fürsorglichere und damit mütterlichere Qualitäten entwickeln konnte als der eher gestrenge und asketische Oberlehrer Stoiber.

Gewinnen wird diese Wahl wer durch seine Wirkungsqualitäten eine neurotische Grundkonstruktion ‚bedient‘, die unsere Gesellschaft in eine Art panische Stillegung geführt hat: Die Krisen der Wirtschaft und der Sozialsysteme haben in den letzten Jahren einen unabweisbaren Veränderungsdruck im Lande erzeugt. Jedem Wähler ist theoretisch klar, dass es so nicht weitergehen kann. Aber dieser Veränderungsdruck wird nicht durch ein visionäres Leitbild oder übergreifendes Zukunftsprogramm gefasst. Die Wähler befinden sich derzeit in einem visionären Vakuum und solch ein bildloser Zustand erzeugt Angst. Man hat das Gefühl auf einer rasenden Lokomotive zu sitzen, die ins Ungewisse donnert und reagiert panisch mit den Bremsbewegungen der Besitzstandswahrung und Risikominimierung. Ohne eine konkrete Vorstellung von der Zukunft klammert man sich an die bestehenden Rechte, Privilegien oder Subventionen. Der private Konsum wird ebenso eingeschränkt wie wirtschaftliche Investitionen.

Die Wähler schwanken dabei zwischen Zuständen totaler Allmacht und völliger Ohnmacht. Allmacht, weil man als Souverän immer noch die uneingeschränkte Kauf- oder Wahlfreiheit hat. Politiker können ebenso wie Marken gnadenlos abgestraft und boykottiert werden, wenn sie ihre Versprechungen nicht halten. Ohnmacht, weil man das ganze politisch-wirtschaftliche System nicht mehr versteht und sich hilflos globalen Entwicklungen ausgesetzt fühlt, auf die man nicht einwirken kann. Der aktuelle Reformprozess steigert dabei diese Ohnmachtszustände, weil er nicht durch eine plastische Zukunftsvision geleitet wird. Wenn kein klares Bild existiert, wohin die Reise geht, eröffnet sich ein grenzenloser Raum, der mit drohenden diffusen Befürchtungen und Schreckszenarien tapeziert wird.

Die Wähler versuchen diesen angstvollen und kippeligen Zustand durch Mechanismen zu bewältigen, die eine Veränderung der Lage in Aussicht stellen ohne sich dabei einem wirklichen Veränderungs-Prozess auszusetzen: Der schwarze Peter der Veränderung wird ständig an andere weitergereicht, um sich selbst und seine gesellschaftliche Gruppe aus der Verantwortung zu nehmen. Man muss sich nur Sonntags abends Sabine Christiansen ansehen, um Zeuge eines Tatortes der ständigen Schuld-Verschiebungen zu werden: Schuld sind mal die betonierten Gewerkschafter, mal die raffgierigen Vorstände, mal die wankelmütigen Wähler, mal die priveligierten Beamten. Die Kritik am ungebremsten Kapitialismus findet ebenso Beifall wie die Kritik an der Kapitalismuskritik. Das alles erzeugt – wie das Schunkeln in Köln – einen Zustand heftiger Bewegtheit mal nach links, mal nach rechts, bei dem man allerdings nicht von der Stelle kommt.

Das sonntägliche Polit-Schunkeln setzt sich bei den Wählern in einen panischen Bild- und Richtungswechsel um, der durch ein irrationales Prinzip Hoffnung zusätzlich dynamisiert wird: Beim nächsten Ruck nach links oder rechts – spätestens beim nächsten Regierungs-Wechsel wird alles besser. Die Wahl 1998, die Jahrtausendwende, der 11. September, die Wahl 2002, jede Landtagswahl zwischendurch und die WM 2006 werden dadurch zu magischen Daten eines neuen Wunder von Berns, an dem sich mit einem Mal das Schicksal Deutschlands zum Besseren wendet. In dieser Logik verspricht allein die bloße Ankündigung der vorgezogenen Bundestagswahl einen Zustand gebannter Euphorisierung. Inhaltliche Positionen, gesellschaftliche Faktizitäten oder politische Loyalitäten werden in diesem panischen Wechselspiel weitgehend ausgeblendet, aufgekündigt oder abgekanzlert. Gewinnen wird der, der den Wechsel mit dem Erhalt der Hoffnung verbindet, dass die Karten immer wieder konsequenzlos und neu gemischt werden können.

Dieses panische Wechselspiel kann Angela Merkel derzeit bedienen, denn sie verkörpert - nicht nur als Frau - den totalen Wechsel: von der SPD zur CDU, vom Mann zur Frau, vom Wessi zum Ossi, vom CDU-Katholizismus zum CDU-Protestantismus. Schröder hat nur eine Chance, wenn es ihm gelingt, die Psycho-Logik des Wechsel-Spiels zu durchbrechen: Statt die Karten neu zu mischen, sollte er sie schonungslos auf den Tisch legen. Und er muss all diese unterschiedlichen Karten wieder zu einem klaren Bild zu einer visionären Karte des neuen Deutschlands formen. Diese Zukunfts-Karte könnte das lähmende visionäre Vakuum beenden. Sie könnte den Wählern wieder ein lohnendes Reiseziel geben, für das sie bereit wären, Opfer in Kauf zu nehmen und sich leidenschaftlich zu engagieren.

In Kürze wird rheingold eine aktuelle Studie zur Bundestagswahl 2005 veröffentlichen.

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