Funktion und Wirkung von Schmuddel-TV
Funktion und Wirkung von Schmuddel-TV
12.07.2005

1.
Die weitgehend tabulosen Talk Shows am Nachmittag stehen in der Tradition des (Kaffee-)Klatsches

Die Rezeption dieser Talk-Formate erfüllt die gleiche Funktion wie der Klatsch: Im Klatsch werden die ungelebten und ungeliebten Kehrseiten unseres geordneten Lebensalltags ausgelebt bzw. auserzählt: Verbotenes, Abnormes, Unanständiges, Makaberes, böse Wünsche, usw. Die Thematisierung dieser Anders-Artigkeiten erfüllt zwei Funktionen:

A. Funktion der Lebens-Vergewisserung: Am Beispiel bzw. am Schicksal der anderen spüren wir den Verwandlungs-Reichtum des Alltags auf. Wir erleben, daß das schier Unmögliche möglich wird und fühlen uns damit (ähnlich wie beim Karneval) reicher und lebendiger ("Wir könn(t)en auch anders!"). Das Tolle dabei ist, daß wir das Andersartige ausleben, aber nicht verantworten müssen - schuld ist immer der Beklatschte.

B. Funktion der Lebens-Versicherung: Am Beispiel bzw. am Schicksal der anderen führen wir uns die eigenen Lebensprobleme (z. B. die Verkehrungen des Fremdgehens) vor Augen. Wir erleben, was alles passieren kann, wenn man seinen Leidenschaften nachgeht oder sich Vorteile auf Kosten anderer verschafft. Und wir ziehen unsere Lehren aus den beklatschten Schicksalen ("bis hierher und nicht weiter") - dadurch ist der Klatsch ein unterhaltsamer Versuch der persönlichen Lebens-Sicherung ("die Moral von der Geschicht'' ...").

Psychologisch betrachtet ist der Klatsch keine verwerfliche Unart, sondern er ist lebenswichtig. Er ist eine gesellige Form der Erkenntnis und der Lebens-Reflexion. Solange die Menschen leben, werden sie klatschen.

2.
Schmuddel- bzw. Klatsch-TV ist im Vormarsch, weil unser Leben immer undramatischer wird

Nichts ist unmöglich, alles ist erlaubt, wir sind - im Vergleich zur ersten Hälfte des Jahrhunderts - frei, friedlich und kooperativ. Wir werden im Notfall durch ein soziales Netz aufgefangen. Das Leben heute hat - trotz der vielen neuen und noch bestehenden Probleme - viel von seiner existentiellen Dramatik verloren. Die Nation ist weitgehend cool und leidenschaftslos geworden. Wir haben uns in einem egalisierten und abgesicherten Alltag eingerichtet. Die großen Wagnisse und Lebensrisiken werden gescheut - eine große Schicksals-Müdigkeit und Sinn-Erschöpfung hat das Land erfaßt.

Das Fernsehen hat daher in der heutigen Zeit vor allem eine kompensatorische Funktion: Den verlorenen Sinn, die verlorene Sinnlichkeit und Leidenschaft suchen wir, indem wir wüst durch die TV-Programme zappen.

3.
Mit Klatsch-TV wollen sich die Zuschauer wachrütteln und ihre Lebendigkeit spüren

Vor allem das Klatsch-TV soll uns wieder wachrütteln. Die Zuschauer wollen die Dramatik, die ungeheuren Mächte und Abgründe der Wirklichkeit spüren und erleben. Besonders die Funktion der Lebens-Vergewisserung wird heute durch das Klatsch-TV erfüllt. Die im eigenen Leben ausgeklammerte Dramatik feiert hier frisch-fröhliche Auferstehung. An der eigenen Erregung, am Ekel und Abscheu, an erbitterten Parteinahmen und am unerbittlichen Ärger spürt der Zuschauer wieder seine eigene Lebendigkeit.

Aber auch die Erkenntnis-Funktion der Lebens-Versicherung wird durch das Klatsch-TV bedient. Die Zuschauer erfahren, mit welchen Wünschen und Leidenschaften man (auch) im eigenen Leben zu kämpfen hat und womit man alles rechnen muß, wenn man sich auf Abenteuer, auf Verwandlungen einläßt und den gesicherten Alltag verläßt. Dieser erschaudernde und erkennende Blick in die Abgründe des Lebens bestärkt die Sicherheits-Tendenzen der Zuschauer. Sie ziehen ein recht rigoroses Stillhalte-Fazit: "Schuster bleib'' lieber bei Deinen Leisten.". Die Angst vor Schicksal, vor intensiven Leidenschaften wird geschürt. Im Zuge dieses Stillhaltens wird die Entdramatisierung des Lebens und die eigene Schicksals-Müdigkeit gestärkt.

4.
Klatsch-TV bringt die Zuschauer in einen Teufelskreis von Entdramatisierung und gesteigerter Neu-Dramatisierung

Dadurch gerät das Klatsch-TV in einen Teufelskreis: Die in ihrer entdramatisierten Lebenshaltung bestärkten Zuschauer entwickeln eine noch stärkere Sehnsucht nach der Dramatik des Lebens, die dann wiederum am nächsten Tag im Klatsch-TV befriedigt werden muß. Die Folge: Man braucht eine neue, stärkere Dosis Lebens-Vergewisserung im Klatsch-TV.

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