Gefühls-Apotheke Fernsehen
Gefühls-Apotheke Fernsehen
12.07.2005

Mit der Programmvielfalt der privaten Sender hat sich auch die Funktion des Fernsehens für die Zuschauer gewandelt. Das Fernsehen heute avanciert zur Gefühls-Apotheke. Auf Knopfdruck sollen die immer verfügbaren erregenden, erheiternden, harmonisierenden oder extremisierenden Programmangebote eine gewünschte Stimmungs- oder Verfassungsänderung bewirken. Das Fernsehen wird daher immer stärker genutzt, um die privaten Verspannungen und Verstimmungen des Tages mithilfe von Action, Comedy, Soaps, Musik oder Erotik aufzulösen.

Fernsehen hat nichts mit reiner Information oder Unterhaltung zu tun, sondern dient einer kurzweiligen täglichen Selbst-Therapie: Nach einem frustrierenden Arbeitstag zum Beispiel, der nicht die gewünschte Wirkung und Durchschlagskraft gebracht hat, werden eher Action- oder Erotik-Formate auf Pro Sieben oder Premiere präferiert. Ein vertrödelter Arbeitstag hingegen weckt Wünsche, im TV ein anspruchsvolles Thema einmal richtig durchzuarbeiten. Unerfreuliche Wendungen und Schicksalsschläge verlangen danach, gemeinsam mit anderen in ein melodramatisches Rührstück einzutauchen.

Es hängt also nicht von der Zielgruppen-Zugehörigkeit, sondern in erster Linie vom Tagesschicksal des Zuschauers ab, ob er abends in der Verfassung ist, TV zu gucken und was er guckt. Und natürlich vom Programmangebot der Sender, die dem Zuschauer im Idealfall ein Dutzend verschiedener Verfassungsangebote machen. Ein erfolgreicher Sender bewirbt daher in erster Linie keine bestimmten Zielgruppen, sondern er steigert die Anziehungskraft der durch ihn repräsentierten TV-Verfassung. Der Vorteil: Immer mehr Zuschauer - aus allen Zielgruppen - suchen immer häufiger die von einem Sender angebotene Verfassung auf.

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