Gute Helden müssen jetzt beichten - Doping im Sport 
Gute Helden müssen jetzt beichten - Doping im Sport 
30.10.2007

Doping im Radsport ist seit Jahren ein offenes Geheimnis. Warum gerade jetzt die Aufregung? Es geht psychologisch um ein Exempel an Eliten.

Seit Jahrzehnten wird der Profiradsport von Nachrichten über Dopingsünden seiner Spitzenfahrer begleitet. Wieso finden Dopingfälle und Dopinggeständnisse dennoch gerade in Deutschland so starke öffentliche Beachtung? Denn in Ländern wie Spanien und Italien steht die Doping-Diskussion vergleichweise im Hintergrund. In Frankreich stand sie nur während der Tour de France richtig im Fokus. In Dänemark war die Aufregung eher kurz.

Gewöhnlich wurden in der Vergangenheit Dopingvergehen im Radsport von den Aktiven eher mit einer trotzigen Haltung eingeräumt. Doping im Spitzenbereich wurde dabei als Normalität oder zumindest als eine Art Kavaliersdelikt herausgestellt. Die deutschen Fahrer Dietz, Henn, Aldag und Zabel nehmen dagegen eine ganz neue Haltung ein: Sie scheinen sich wirklich schuldig zu fühlen und nicht nur schuldig zu bekennen. Damit unterscheiden sie sich von ihren ausländischen Kollegen wie Rijs, Winikurow oder Di Luca, die heute noch die alte trotzige Haltung zum Doping einnehmen.

Wie lässt sich das erklären? Die deutschen Fahrer sind mit ihren Bekenntnissen im Fahrwasser eines neuen Trends unterwegs, der vor allem in Deutschland wieder verstärkt Tugendhaftigkeit einfordert. Dieser Trend ist eine Reaktion auf ein gesellschaftliches Umfeld, das zunehmend als egoistisch und rücksichtslos erlebt wird. Im Zentrum des Interesses steht dabei insbesondere das Verhalten von Eliten, die im öffentlichen Leben in gewisser Weise Deutschland repräsentieren. Sie sollen eine besondere Vorbildfunktion entwickeln. Im Blickfeld stehen vor allem die Spitzenvertreter aus Politik, Sport und Wirtschaft. Vermeintliche oder tatsächliche Regelverletzungen von Topmanagern der Deutschen Bank, VW oder Siemens werden durch diesen Trend sofort Gegenstand intensiver, raumgreifender öffentlicher Diskussionen. Im Falle der deutschen Radsport-Dopingsünder kommen nun die sportliche und die wirtschaftliche Bühne zusammen: Denn diese Fahrer gehören oder gehörten zu Deutschlands besten Radsportlern und sie sind zudem alle für eines der größten deutschen Wirtschaftsunternehmen - die Telekom - gefahren. Das Verhalten der Fahrer ist damit für einen öffentlichen Kampf um das Einhalten von Regeln gleich doppelt interessant.

Wieso aber macht sich dieser Kampf in Deutschland so stark an den Eliten fest? Studien zeigen, dass das Verhältnis zwischen Eliten und Bevölkerung in Deutschland kriselt: Es wird daran gezweifelt, dass die Gemeinschaft von der Mehrheit ihrer Eliten noch ausreichend profitiert. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass Spitzenkräfte eher ihr eigenes, egoistisches Süppchen kochen oder ihr Können sogar gegen die eigene Bevölkerung einsetzen. Oft werden von Spitzenmanagern initiierter Arbeitsplatzverlagerungen, Stellenabbau und Steuerflucht ins Ausland als „Paradebeispiele“ angeführt, um diese Auffassung zu begründen. Auch die Führung der Telekom steht hier im öffentlichen Fokus, da sie gerade dabei ist, Löhne und Gehälter durch Ausgliederung von Arbeitsplätzen zu senken.

Die zunächst sündigen und dann beichtenden Radrennfahrer des früheren Team Telekom sind vor diesem Hintergrund so etwas wie ein psychologischer Balsam für die deutsche Gemeinschaft. Denn ihre Beichte ist auch ein symbolischer Kniefall vor der öffentlichen Meinung und wird als eine Anerkennung ihrer Regeln und ihrer Autorität erlebt. Die Radfahrer wiederum scheinen zu spüren, dass sich nach Reue und Beichte auf der öffentlichen Bühne gesehnt wird. Und sie nehmen die Einladung zum Teil auch an. Es ist, als ob die deutschen Radhelden bereit sind, sich wieder in den Dienst der „kleinen Leute“ zu stellen. Besondere Beachtung und Rührung erreichte demzufolge auch Erik Zabel, der unter Tränen gelobte, seinem Kind gegenüber ehrlich sein zu wollen. Ihm wurde großzügig vergeben. Ohne weitergehende Konsequenzen darf er weiterfahren. Es fehlt nur noch einer, der Größte der Helden: Jan Ullrich. Unablässig wird dafür öffentlich getrommelt, auch ihn zur Beichte zu bewegen und damit wieder für die Gemeinschaft zu gewinnen. Beichtet er gekonnt wie Zabel, hat er gute Chancen, dass auch ihm verziehen werden wird.

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