Harry Potter - Entwicklungshilfe für Jung und Alt
Harry Potter - Entwicklungshilfe für Jung und Alt
12.07.2005

Harry Potter ist weit mehr als lockere Leseunterhaltung, weit mehr als ein spannender Abenteuerroman aus einer fernen Welt. Harry Potter leistet reale psychologische Entwicklungs-Hilfe. Und das gleich in fünffacher Hinsicht:

1. Er greift die Sehnsucht der Leser auf, den geheimen Code ihres eigenen Schicksals zu entschlüsseln und sich auf einen Selbstfindungs-Prozess einzulassen.
2. Er zeigt den Lesern, dass Entwicklung keine Zauberei ist, sondern hart erkämpft und durchlitten werden muss.
3. Er animiert die Leser, die Welt durch eine andere – phantastische Brille zu sehen und dadurch auch die eigenen Ängste, Ambivalenzen und Träume besser zu erkennen.
4. Er hilft, den Alltag besser zu bestehen, in dem er handfeste Lebens-Strategien für alltägliche Lebensfragen aufzeigt.
5. Schließlich erzieht er den Leser durch den zunehmenden Reifungsgrad der veröffentlichen Bände auch zum Umgang mit anspruchsvollerer Literatur.


rheingold hat in einer tiefenpsychologischen Studie herausgefunden, dass es genau diese fünf Punkte sind, deren richtige Mischung den Erfolg und die Faszination der Romane von J.K. Rowling begründen. Und das über alle Leser-Generationen hinweg.

1. Die Selbstfindungs-Sehnsucht
Harry Potter erweckt den Glauben an die verborgene persönliche Berufung und Bestimmung des Lesers, die in den Routinen des grauen Alltags oft verschüttet wird. Harry Potters zentrale Botschaft lautet: Auch Du besitzt eine geheime Besonderheit, glaube an Dich und Deine Entwicklung und mach Dich auf den Weg, auch wenn er beschwerlich ist.

Die widrigen Lebensumstände und beschränkten Verhältnissen, denen Harry Potter zu entkommen sucht, sind dabei für den Leser gleichzeitig Trost und Zuversicht: Man fühlt sich ausgesöhnt mit den eigenen Engen, Verletzungen, Lieblosigkeiten und Beschränktheiten, aber auch ermutigt, seinen eigenen Selbstfindungs-Prozess zu starten. Vorbildlich ist dabei auch der Lebensweg der Autorin, die ihrer inneren Stimme folgte und sich mit dem Schreiben der Potter-Romane aus dem Sumpf einer persönlichen Lebenskrise gezogen hat.

Bei den Lesern ruft Harry Potter Fragen im Hinblick auf die eigene Lebensgeschichte wach: Was ist in meinen Leben festgefahren? Welche schlummernden Berufungen liegen brach? Welche Geheimnisse bestimmen meine Geschichte? Welche geheimen Lebenswünsche treiben mich an?

2. Entwicklungs-Hilfe ohne Zauberei
Harry Potter ist ein Entwicklungs-Roman, der die Leser auch zur eigenen Entwicklung herausfordert. Paradoxerweise besteht seine zentrale Lehre in der Erfahrung, dass Entwicklung keine Zauberei ist, sondern harte Arbeit. Man muss sich auf viele kleine und mühselige Entwicklungs-Schritte einlassen. Nichts geht von selbst, stets ist man vom Scheitern bedroht und muss Rückschläge in Kauf nehmen. Man muss über sieben Bände gehen, um ans Ziel zu gelangen.

In der heutigen digitalen Welt der schnellen Wunscherfüllung auf Knopfdruck und der grenzenlosen technologischen Machbarkeiten macht Harry Potter Werbung für ein altmodisches analoges, aber auch realistisches Entwicklungs-Prinzip: Wie in den Grimmschen Märchen ist Entwicklung nur über Irrungen, Wirrungen, Gefahren und den Einsatz des eigenen Lebens zu haben. Aber gerade diese Mühen und hart erkämpften Teilerfolge machen den Reiz, den Stolz und den Zauber einer wirklich durchlebten Entwicklung aus.

Die mühsamen Herausforderungen, die das Abenteuer Entwicklung mit sich bringt, spiegeln sich nicht nur im Schicksal Harry Potters, sondern auch in den unendlichen Entwicklungsmühen der Autorin, die die Geburt des fünften Bandes erforderten.

3. Die Welt durch eine andere Brille sehen
Harry Potter hilft den Lesern nicht nur sich selbst, sondern auch die Welt anders zu sehen. Durch die Harry-Potter-Brille machen die Leser eine ebenso verblüffende wie bereichernde Wirklichkeits-Erfahrung: Die Welt ist gar nicht so klar eingeteilt in Vernunft und Unvernunft, in Phantasie und Realität. Harry Potter hebelt die gängigen Kategorien und Denk-Gleise gekonnt aus: Die vorgeblich phantastische Welt der Zauberer funktioniert geradezu ernüchternd normal, quasi wie im richtigen Leben. Die grauen Selbstverständlichkeiten des vertrauten Alltagslebens entfalten eine bizarre und phantastische Dimension.

Harry Potter vermittelt den Lesern die Einsicht, dass die Realität phantastisch ist und die Phantastik real. Der Zauber liegt nicht in den jenseitigen Reichen der Phantasie, sondern in den Dingen selbst. Aber man muss genau hinsehen, um den geheimen Zauber des scheinbar grauen Alltags zu erkennen. Viele Leser beschreiben, dass sie sich wirklich nach der Lektüre animiert fühlen, die alltägliche Welt mit anderen Augen zu sehen und sie auch einmal anders zu inszenieren.

Ob man dieser phantastischen Realität etwas abgewinnen kann, daran scheiden sich allerdings die Geister nicht nur in der Welt der Muggels. Die Gegner von Harry Potter rümpfen die Nase über den faulen kindlich-esoterischen Zauber, der da verbreitet wird. Die Potter-Fans erleben sich als eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich durch eine phantastischere Weltsicht verbunden fühlt. Eine Weltsicht, in der auch das scheinbar Unvernünftige, - gemischte Gefühle, geheime Ängste, aber auch die Magie der Träume - seinen Platz hat.

4. Das kleine Einmaleins des Lebensalltags
Harry Potter hilft nicht nur den Alltag anders zu sehen, sondern ihn auch anders zu bestehen. Vor allem die Kindern interessieren sich viel mehr für die beschriebenen Lebens-Strategien von Harry Potter als für seine Zaubertricks. Denn in den Abenteuern von Harry Potter werden allgemeine Lebensfragen thematisiert, die die Kinder aber auch die Erwachsenen im Alltag beschäftigen: Was macht man, wenn man anders ist als die anderen? Wie findet man Freunde? Wie kann man sich versöhnen, wenn man sich verkracht hat? Wie setzt man sich gegen Autoritäten durch? Wie geht man mit der ersten Verliebtheit um?

5. Literatur-Erziehung im doppelten Sinne
Harry Potter erzieht die Leser nicht nur darin, ihren Alltag anders zu sehen und persönliche Entwicklungs-Herausforderungen anzunehmen. Von Band zu Band werden die Leser auch zum Lesen und zum Umgang mit anspruchsvollerer Literatur herangeführt. Denn der Leser wird nicht nur in den Reifungs-Prozess von Harry Potter einbezogen, sondern er macht auch den literarischen Reifungs-Prozess mit, der sich im Schaffen der Autorin vollzieht. Jeder Band bringt ein Mehr an Vielschichtigkeit und psychologischer Nuancierung, die dem Leser die Möglichkeit gibt, langsam literarisch mitzureifen.

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