Ich bin ein Star, holt mich hier raus
Ich bin ein Star, holt mich hier raus
12.07.2005

Dieser ‚Forschungs-Eifer‘ im Urwald menschlicher (Unzu-) Länglichkeiten sowie neuer und teilweise faszinierender Entdeckungen ist ein notwendiger, jedoch allein nicht hinreichender Grund des Erfolgs sowie auch der ambivalenten Aufnahme des neuen Showformats.

Gift und Galle

Die beiden Moderatoren und ihre sarkastische, mit ‚Schadenfreude‘ durchsetzten Kommentare polarisieren noch weit mehr als das Geschehen der Promis am Lagerfeuer und im Wald. Der im Urwaldforscher-Outfit wie ein diabolischer Anti-Humboldt agierende Dirk Bach und dessen teilweise wie eine säure-sprühende Acid-Queen agierende
‚Assistentin‘ Sonja Zietlow steigern den an sich ‚harmlosen‘ Forschereifer der Zuschauer in eine Richtung, die ihn vom neutralen Beobachter in die Rolle eines schelmisch-schadenfrohen und parteiischen Begleiters des Geschehens drängt.

Die ständigen Aufforderungen, den Lauf des Spiels zu beeinflussen, die süffisanten Seitenhiebe auf vermeintliche oder tatsächliche Schwächen der Kandidaten drängen den Betrachter zum Mit-Freuen, Mit-Lästern und Mit-Entscheiden über deren Schicksal und Wohlergehen.

Die ‚Dschungelprüfungen‘ mit ihren etwas ‚fiesen‘ Aufgaben verstärken den Aufforderungs-Moment, nicht nur zu beobachten, sondern auch eine Freude und Teilhabe am leicht grausamen Experiment zu haben. Wie Max und Moritz (denen sie zudem verblüffend ähneln!) ziehen die Moderatoren die Zuschauer ins Unterholz ihrer gar nicht mal so geheimen Gelüste.

An diesem Punkt gabelt sich der Weg des Erlebens der Show. Ein Teil der Zuschauer kann sehr genüsslich an den kleinen Gemeinheiten und Fallstricken des Show-Downs der Kandidaten partizipieren:
„Denen passiert doch nichts Ernstes, die haben Manager, die ihre Verträge geprüft haben. Das kann man sich anschauen, da passiert nicht Schlimmes!“

Ein anderer Teil wendet sich empört ab und wittert den „Untergang des Abendlandes“ oder eine „Verhöhnung der Menschenwürde“. Aus diesen Regungen entwickeln sich Impulse zu einer General-Kritik an der ‚leichten Unterhaltung‘, welche für Profit und Einschaltquote vor keiner noch so demütigenden und ekligen Tat zurückschreckt. Hier erfolgt ein enger Schulterschluss zwischen einem Teil der befragten Zuschauer, der Kritik vieler ‚öffentlicher Instanzen‘ sowie Aktivisten in den einschlägigen Onlineforen! Interessanterweise wird dabei teilweise verbal so vehement auf Macher und ‚Mit-Macher‘ (Kandidaten) eingedroschen („Medien-Nutten“, „abgetakelter Alkoholiker“, „publicity-geile Amateurin“) ‘, dass die Frage gestattet sein darf, womit letztendlich Menschenwürde, Respekt und Achtung vor Werk und Tat anderer Menschen mehr in Mitleidenschaft gezogen werden.

Psychologischer Schluss: Alles nur halb so wild!

Aus psychologischer Sicht kann zunächst einmal Entwarnung gegeben werden. Die Zuschauer sowie auch unsere Kultur wird durch das neue Showformat ‚Ich bin ein Star, holt mich hier raus‘ keinen ernsthaften Schaden erleiden! Es wird eine zeitlang noch Gegenstand mehr oder weniger sachlicher Diskussionen über Sinn und Unsinn von Reality-Shows ‚an sich‘ sein und dann in den Erfahrungs- und Vertrautheits-Pool wandern, in dem bereits (verwandte) Formate wie Big Brother oder DSDS abgelegt sind. Es wird Freunde und Verächter der Show geben, aber davon haben nicht die einen Recht und die anderen Unrecht, sondern man mag dies jeweils seinen Gusto entscheiden lassen.

Wirkliche Grenzüberschreitungen dieser Sendung wären wohl erst gegeben, wenn sich Schadenfreude auf tatsächliche Schäden (Verletzungen, Zusammenbrüche etc.) beziehen würde. Dies scheint ( noch) nicht eingetreten zu sein. Denjenigen Zuschauern (sowie auch einem teil der bildungsbürgerlichen Kritiker), welche vehement das Format beklagen und anprangern, kann man an dieser Stelle etwas mehr Langmut empfehlen. Der Ruf nach Zensur, Absetzung und Ächtung der Show ist unangemessen und überzogen. Man muss zudem aufpassen, dass nicht die Kritik an der Sendung das schafft, was man dieser selbst vorwirft: die symbolische Exekution ihrer Mitwirkenden.

Fakten zur Studie

Studie zur Erklärung des Erfolgs sowie den möglichen Hintergründen des kritischen Echos in Medien und beim ‚Bildungs-Klientel‘.

Durchgeführt von Psychologen des Instituts rheingold im Zeitraum 12.01. – 15-.01. 2004. Empirische Basis: ca. 50 psychologische Gespräche (Gruppe, Einzel) mit Zuschauern der Sendung sowie auch die Auswertung diverser Online-Foren, die das Thema ‚Dschungel-Show‘ aufgreifen.

Ausgangsfragen der Studie waren: Was führt die Zuschauer in die Sendung hinein? Was hält sie ‚bei der Stange‘? Wieso entfacht die Sendung Emotionen? Warum polarisieren diese in Zustimmung und harsche Ablehnung? Was ist psychologisch zu den Kritikpunkten ‚Verletzung der Menschenwürde‘, ‘Überschreitung von Ekel- und Schamgrenzen‘ etc. zu sagen?

© 2015 rheingold