Impulswahl statt Richtungswahl - rheingold-Studie zur Bundestagswahl 2005
Impulswahl statt Richtungswahl - rheingold-Studie zur Bundestagswahl 2005
14.09.2005

Tiefenpsychologische Studie: Wähler beklagen fehlende Visionen bei CDU und SPD. Resignative Einsicht, dass kein konsequenzloses Wechsel-Spiel möglich ist. Vermutete Nebenwirkungen entscheiden über den Wahlausgang.

Der Wahlkampf verschärft die Orientierungskrise der Bürger
Die auffällige Zahl der unentschiedenen Wähler und die ständigen Präferenz-Verschiebungen, die wöchentlich die Demoskopie aufzeigt, sind – psychologisch betrachtet – Ausdruck einer tiefgreifenden Orientierungskrise der Wähler. Die Positionen der großen Parteien nähern sich aus Sicht der Wähler immer stärker an und sind "für den einfachen Mann" kaum noch differenzierbar: "Alle Parteien sind ja für soziale Gerechtigkeit und für die Förderung der Wirtschaft. Da gibt es heute nur noch Nuancen, aber keine Unterschiede mehr." "Die Politik wirkt auf mich heute nur noch verklebt und wie in Ahornsirup gegossen. Ich weiß beim besten Willen nicht mehr, wen ich wählen soll."

Quer durch alle Parteien vermissen die Wähler wie bereits in den letzten beiden Wahlkämpfen einen übergreifenden Zukunftsentwurf für das neue Jahrtausend. Der Wunsch nach einer klaren Zukunftsperspektiven oder gar eine Vision, "wohin die Reise hingeht", wurde auch beim finalen Kandidatenduell enttäuscht. Die Wähler hatten den Eindruck als würden Herr Schröder und Merkel versuchen, "die Zukunftsprobleme des Landes mit dem Rechenschieber zu lösen". Der gesamte Wahlkampf scheint von ständigen Schuld-Verschiebungen und Schwarze-Peter-Spielen geprägt zu sein: Das kleinkarierte Aufrechnen und Umrechnen ersetzt das richtungsweisende Umgestalten.

Auch in der Wahlwerbung ziehen es die Parteien vor, den Gegner anzugreifen, statt eigener Leitideen zu profilieren. Die CDU-Plakate verweisen auf die schlechte Bilianz der Regierung oder begnügen sich mit der diffusen Aussicht auf einen Aufbruch und Neuanfang. Die SPD-Plakate reklamieren zwar, wofür die Partei im Gegensatz zur CDU steht, aber nicht wohin sie das Land führt.

2. Die Wähler reagieren mit Angst oder Panik auf das visionäre Vakuum in der Politik

Der Wahlkampf 2005 schafft es nicht das visionäre Vakuum zu füllen, in denen sich die Wähler seit der Jahrtausendwende befinden. Mittlerweile ist zwar fast allen theoretisch klar, daß es aufgrund der Krisen der Wirtschaft und der Sozialsysteme nicht wie bisher weitergehen kann. Aber dieser unabweisbare Veränderungsdruck und der daraus resultierende Reformprozeß werden bislang von keiner Partei durch ein übergreifendes Leitbild gefasst. Dieser bildlose Zustand erzeugt bei vielen Wählern Angst: sie haben das Gefühl auf einer rasenden Lokomotive zu sitzen, die ins Ungewisse donnert. Und sie reagieren panisch mit den Bremsbewegungen der Besitzstandswahrung und Risikominimierung.

Ohne konkrete Vorstellungen von der Zukunft klammern sie sich an die bestehenden Rechte, Privilegien oder Subventionen. Der private Konsum wird ebenso eingeschränkt wie wirtschaftliche Investitionen. Die Bereitschaft zu tiefgreifenden Veränderungen und persönlichem Opfern ist trotz gelegentlicher Lippenbekenntnisse bei den meisten Wählern nicht erkennbar.

3. Die Hoffnung auf ein konsequenzloses Wechselspiel mit der CDU hat sich zerschlagen

In diesem visionslosen, ungewissen und daher beängstigenden Zustand hoffen die Wähler derzeit auf eine Veränderung der Lage ohne sich dabei einem wirklichen Veränderungsprozeß auszusetzen. Die unbewußte Forderung an die Politiker lautet: ‚Wascht mich, aber macht mich nicht naß.‘ Jede Wahl und jede Landtagswahl der letzten Jahre wird für die Wähler zu einem magischen Datum eines neuen Wunder von Berns, an dem sich mit einem Mal das Schicksal Deutschlands zum Besseren wenden soll. Diese wundersame Wechselspiel konnte Angela Merkel zu Beginn des Wahlkampfs besser bedienen als Gerhard Schröder. Denn sie verkörpert - nicht nur als Frau - den totalen Wechsel: von der SPD zur CDU, vom Kanzler zur Kanzlerin, vom Wessi zu Ossi und vom traditionellen CDU-Katholizismus zum modernen CDU-Protestantismus.

Im Verlauf des Wahlkampfs ist allerdings der Glaube an ein konsequenzloses Wechselwunder aufgerieben worden. Vor allem die von der SPD geschickt geschürte Debatte über die Mehrwertsteuer und die Kirchhoffsche Steuer-Politik hat allen Wählern klar gemacht, daß es auch mit Angela Merkel keinen Wechsel ohne spürbare Konsequenzen oder Opfer geben wird. Diese schmerzliche Einsicht verstärkt aber die Resignation und die Entscheidungsnot vieler Wähler. Sie wissen einfach nicht, was der Wechsel bringen wird, wenn er weder als Wunder erscheint, noch als Vision eine Perspektive weist.

4. Statt Aufbruchsgeist und Wechselfieber bestimmen Resignation oder Zweckoptimismus die Wähler

Bei den Wählern aller Lager kommt keine begeisternde, kämpferische oder hoffnungsfrohe Stimmung auf.

- Bei Wählern, die zu den Regierungsparteien tendieren, ist eine resignative und fast sprachlose Grundstimmung spürbar. Es fällt ihnen schwer die Politik der Regierung zu verteidigen oder klare Gründe für eine Wiederwahl von rot/grün zu benennen. Beunruhigt durch eine diffuse Angst vor dem Wechsel, erscheint ihnen die Fortsetzung der bestehenden Regierungs-Koalition lediglich als das kleinere Übel.
- Einen eher trotzig-resignativen Ausbruch aus ihrer ohnmächtigen Sprachlosigkeit versuchen die Wähler, die offen mit den neuen Linken sympathisieren. Ihre zum Teil wütende Entschiedenheit stützen sie durch eine Ideologie der sozialen Ungerechtigkeit und durch die Errichtung klarer Feindbilder ala "Ackermann, Beckstein, Stoiber".
- Aber auch die CDU und die FDP-Wähler präsentieren sich nicht mit kämpferischen Elan oder fester Wechsel-Überzeugung. Getragen von der vagen Hoffnung, dass Deutschland mit der CDU wieder zur alten Stärke und Sicherheit zurückfinden könnte, demonstrieren sie einen verhaltenen Zweckoptimismus.

5. Die Wähler vollziehen am 18. September keine Richtungswahl, sondern eine Impulswahl

Da die Wähler ihre Entscheidung weder an einem visionären Leitbild, noch an klar unterscheidbaren inhaltlichen Positionen ausrichten können, orientieren sie sich noch stärker als bei den letzten beiden Bundestagswahlen an der Wirkung der Kandidaten und der ganzheitlichen Wahlkampf-Performance der Parteien. Sie achten also weniger auf konkrete politische Fakten, sondern auf die aktuellen politische Wetterlage, die atmosphärische Strömungen und die gefühlten Wechseltemperaturen. Von daher treffen die Wähler keine Richtungsentscheidung, sondern sie vollziehen eine Impulswahl. Leitend bei ihren sehr subjektiven Beobachtungen und impulsiven Empfindungen wird selbst noch in der Wahlkabine die Frage sein, wie sich der Wechsel "anfühlen" und "ausgestalten" wird, wenn die CDU mit Frau Merkel gewinnt oder wenn Schröder Kanzler bleibt.

6. Mit Schröder und Merkel verbinden die Wähler unterschiedliche Wechselprofile

Gerhard Schröder – unerschütterliche Stabilität mit bekannten Einbußen

Bei der Wahl 2002 hatte Schröder im Zeichen der Flut und des Irak-Krieges einen bemerkenswerten Image-Wandel vollzogen. Er galt jetzt als der durch die Flut geläuterte Lebemann, der väterlichere und fürsorglichere Züge zeigte als der eher gestrenge und asketische Oberlehrer Stoiber. Seitdem hat Schröder sich zum Prototyp des Staatsmanns und zu einer Art Übervater der Nation entwickelt, der auch von vielen CDU-Wählern als mutig, charakterstark und grundsätzlich vertrauensvoll gesehen wird. Seine väterliche Aura demonstrierte er auch im Kanzlerduell, als er Angela Merkel mit demonstrativer Zugewandtheit wie eine Tochter behandelte und sie vor dem neuen Freund aus Heidelberg warnte.

Durch seine demonstrative Unerschütterlichkeit, seine charmante und unbeirrbare Schlagfertigkeit suggeriert er eine Stabilität, Kraft und Unangreifbarkeit, die vor allem in Krisensituationen auf viele verunsicherte Wähler sehr beruhigend und beschwichtigend wirkt: "Auch wenn in der Regierung alles schief läuft, er vermittelt immer ‚wir kriegen das schon hin‘."

Die Kehrseite dieser souveränen und staatmännischen Unerschütterlichkeit ist allerdings eine gewissen Abgehobenheit: "Er ist nur noch souverän, lässt sich niemals provozieren. Er wirkt machtvoll aber auch arrogant." Er ist kein originärer SPD-Mann mehr, man kann ihn sich auch nicht mehr als Trinkkumpan oder in Gummistiefeln vorstellen. Er ist ein fast überparteilicher Kanzler, den auch viele CDU-Wähler gerne in ihrer Partei sehen würden. Insgesamt erscheint Schröder nicht als entschlossener Reformkanzler, der das Schiff Deutschland mutig in neue Gewässer steuert, sondern als Fels in der Brandung einer unsicheren Zukunft.

Angela Merkel – entbehrungsreicher Aufbruch mit ungewissenen Nebenwirkungen

Im Gegensatz zum unerschütterlichen und "unsinkbaren" Kanzler Schröder besticht Angela Merkel durch ihre dynamische Entwicklungsfähigkeit, mit der sie den Politikhimmel gestürmt hat. Spontan wird immer wieder ihre außergewöhnliche und überraschende Partei-Karriere betont. Sie beweist ihren enormen - und auf den ersten Blick kaum vermuteten - Ehrgeiz und ihre bahnbrechende Zielstrebigkeit. Latente Zweifel der CDU-Wähler, ob Angela Merkel wirklich als Kanzlerin "ihren Mann stehen" und in puncto Durchsetzungsstärke mit Schröder konkurrieren kann, werden oft beiseite gewischt durch den Verweis auf die politischen Leichen, die ihren Weg säumen.

Durch diese vorbildliche Zielstrebigkeit trauen ihr auch viele SPD-Wähler, dass sie in Deutschland etwas bewegen kann. Allerdings erscheint sie nicht wie Maggi Thatcher als eiserne Lady, sondern eher als "erzerner Engel". Man traut ihr prinzipiell zwar nur Gutes zu, weiß sie aber als Mensch letztendlich nicht einzuschätzen und kann ihre persönlichen Hintergründe und Motive nicht durchschauen. Diese Ungewissheiten einer Regierung Merkel werden auch durch den verschwommenen Hintergrund der Merkel-Wahlplakate versinnbildlicht.

Im Gegensatz zum locker-gelösten und lebensfreudigen Schröder wirkt Angela Merkel allerdings sehr angestrengt, beflissen und bemüht. Die Wähler habe das Gefühl, dass sie alles gibt, sich im Wahlkampf förmlich aufreibt. Ihr Leben ist eher von einem beständigen Kampf geprägt, dem letztlich Lebensfreude und Genuss geopfert werden. Viele Wähler fürchten, dass diese anstrengende und entbehrungsreiche Seite von Angela Merkel auch das Klima nach dem Wechsel bestimmen wird.

Grundlage der Studie:

Die Studie "Impulswahl statt Richtungswahl" ist eine Eigenstudie von rheingold und wurde ohne Auftraggeber durchgeführt. Insgesamt wurden 50 Wähler von erfahrenen Diplompsychologen jeweils zwei Stunden intensiv befragt. 25 Wähler hatten bei der letzten Wahl die Regierungsparteien gewählt (70 % SPD, 30 % Grüne), 25 Wähler hatten bei der letzten Wahl CDU (70 %) bzw. FDP (30 %) gewählt. Die demographische Schichtung der Probanden entsprach dem Durchschnitt der Wähler.

Die Stichprobengröße reicht aus, um psychologisch relevante Strömungen und Beweggründe zu repräsentieren. Im Fokus der Studie stand keine Wahlprognose, sondern die Frage, wie die Wähler den Wahlkampf erleben und verarbeiten und welche Erwartungen sie eigentlich an die Politik und die Politiker haben.

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