Jenseits des Durstprinzips II.
12.07.2005

Die psychologische Analyse hat also nachgewiesen, daß Coca-Cola neben der geheimen Rezeptur des eigentlichen Produktes auch eine durchaus ebenbürtige psychologische Rezeptur ins Feld führen kann!

Alkoholische Getränke

Bei der Verwendung alkoholischer Getränke neigt sich das ''psychologische Dreieck'' Symbol-Wirkung-Ausweisfunktion stark in Richtung Wirkung. So stark, daß es erlaubt ist, von expliziten ''Verwandlungswünschen'' zu reden. Wer ein alkoholisches Getränk zu sich nimmt, der ist - u.a. - auf eine Wirkung aus, die spürbar ''Verwand-lungscharakter'' hat. Man möchte insgesamt ''flüssiger'', ''leichter'', flotter und beschwingter werden. Der Feierabend soll anders sein als der Arbeitsalltag. Ein Gespräch soll leichter in Gang kommen. Die eigene Stimmung oder die einer ganzen ''Gesellschaft'' soll lustiger und fröhlicher werden. Hemmungen und ''Klemmungen'' sollen abgebaut und fallengelassen werden. Kurz, wer sich alkoholischer Produkte bedient, möchte seine Stimmungslage ''verwandeln'' zu etwas, das bereits die alten Griechen als ''dionysische Heiterkeit'' kannten und schätzten.

Daß hier Gefahren drohen, ist praktisch jedem, der sich - einmal oder immer mal wieder - dem Genuß alkoholischer Produkte ''hingegeben'' hat, bekannt. Gleichgewichtsprobleme, Sprechschwierigkeiten, Wahrnehmungstrübungen oder der nachalkoholische Kater sind der Preis, den man oftmals für seinen etwas übertriebenen Wunsch nach Verwandlung zahlen muß. Es gilt, im Laufe der Zeit ein Maß zu finden, welches eine individuelle Balance zwischen den Verwandlungswünschen und den unerwünschten Kehrseiten markiert. Wird ein solches Maß nicht installiert, droht der ''alkoholische Gau'': Kontrollverlust, Mißbrauch, Abhängigkeit, Krankheiten, gesellschaftlicher Abstieg usw. Wer sich via Alkohol verwandeln möchte, braucht - paradoxerweise - ein großes Maß an unverwandelbarer Stabilität und Persönlichkeit.

Im weiteren werden einige Charakteristika und Besonderheiten der gängigen Sorten alkoholischer Getränke beschrieben. In ihnen manifestieren sich zugleich bestimmte ''Verwandlungssorten''. D.h., man kann diese Getränke psychologisch gut charakterisieren, indem man ihre jeweils spezifische ''Verwandlungsleistung'' analysiert. Daneben kann nachgewiesen werden, inwieweit den einzelnen Getränkesorten im Alkoholfeld auch eine Symbol- oder Ausweisfunktion eigen ist.

Bier - ''Panta Rhei'' (gr.: alles fließt)

Im Konsum von Bier findet die Verwandlung von Stimmung und Verfassung nach dem Prinzip des ''ständigen Fließens'' statt. Man trinkt sich in eine bestimmte Geschwindigkeit ein, die man über einen längeren Zeitraum beibehält. Die Verwandlung tritt nicht ruckartig und schnell, sondern vielmehr allmählich und kontinuierlich ein. Es muß jedoch darauf geachtet werden, daß man vom Bierfluß nicht buchstäblich ''mitgerissen'' wird und den Punkt des ''Nur-Noch-Torkeln-und-Pissen-Müssens'' erreicht und überschreitet. Dann ist es sehr schnell aus mit der guten Stimmung und der/die Betreffende wird mehr und mehr eine Last für seine/ihre Umwelt und Mitmenschen (s. auch die TV-Bilder vom aktuellen Oktoberfest).

Der Bier-Konsum ist daneben und vor allem aber auch durch seinen symbolischen ''Gehalt'' gekennzeichnet. Der Autor hat in einem Artikel mit dem Titel ''Die Versaftung der Heimat'' (GFGH Ausgabe 6/93) dargelegt, daß z.B. der Verzehr von Kölsch symbolisch etwas mit der Heimatverbundenheit der Kölner zu tun hat: Indem man zu Kölsch greift, verleibt man sich symbolisch ein ''Schlückchen'' seiner geliebten Heimat ein. Dies gilt selbstverständlich auch für alle anderen regional verankerten Biersorten und -marken und deren Heimatkunden. Zum Ausweis einer bestimmten Lebenshaltung wird der Bierkonsum, wenn bestimmte überregionale Premiummarken oder aber ausländische Biere, wie sie in manchen Szenen beliebt sind (Bud, Corona, Pilsener Urquell), bevorzugt werden. Mit dem Genuß solcher Sorten/Marken will man sich von den ''Heimattrinkern'' abgrenzen und seine Zugehörigkeit zu einer anderen, ''überlegenen'' Gruppe oder Szene demonstrieren.

Wein - Im Fließen Genießen

In bestimmten Gegenden kann für den dort betriebenen Weinkonsum sicherlich ähnliches ausgesagt werden wie für den Konsum von Bier: fließende Verwandlungen, symbolische Heimateinverleibung, Gefahr des Mitgerissen-Werdens im Fluß der Verwandlung.

Vom Wein-''Gourmet'' wird der häufig erfolgbringende Versuch unternommen, durch einen rigiden kulturellen Eingriff die profane ''Saufseite'' des Weinverzehrs und damit die möglichen Gefahren eines übermäßigen Gebrauchs zu kontrollieren.

Anstelle des banalen ''Trinkens'' wird ein ''Zelebrieren'' betrieben. Für die Auswahl und den Kauf des Weins, die (Zwischen-)Lagerung, den Prozeß des Entkorkens und Dekantierens, des Einschenkens und Degustierens sind jeweils streng einzuhaltende Regeln und Rituale zu beachten. Die Einverleibung des Getränks erfolgt bedächtig und unter Einsatz aller Sinne.

Der Gebrauch sowie vor allem die ''Zelebrierung'' von Wein steht damit auch symbolisch für die erreichte Kultivierungsstufe des Verwenders. Nach außen weist man sich als Kenner und Könner der Weinmaterie aus. ''Sich-mit-Wein-Auskennen'' bedeutet also psychologisch etwas doppeltes: Den Gefahren alkoholischen Mißbrauchs einen ''Kulturriegel'' vorschieben und sich quasi via Wein in kulturelle Höhen emporschwingen. Da soll noch einer behaupten, daß das Trinken eine einfache Sache sei!

Sekt/Champagner - Sich-Den-Kick-Geben

Die Attraktivität von Schaumwein (resp. ''Sekt'') und Champagner fußt auf einem Wirkungserleben, welches durch einen schnellen ''Kick'' erfreut. Die ''Verwandlungsleistung'' dieser Produkte besteht darin, daß sie für eine rasche Lockerung und Lösung der Stimmungslage sorgen. Sekt wirkt anregend, weil er die alkoholische Substanz in einer perlenden und ''aufschäumenden'' Art und Weise entbindet.

Zugleich manifestiert sich in dieser Getränke-Sorte das ''Besondere an sich''. Der Empfang, das Frühstück nach einer Liebesnacht oder die Jubiläumsfeier - erst durch die Zutat ''Sekt'' oder gar Champagner werden solche Anlässe zu den besonderen Ereignissen, als welche man sie erleben und feiern möchte. Man kann behaupten, daß praktisch jeder x-beliebige Anlaß durch die Zutat eines teuren Sektes/Champagners aufgewertet werden kann und daß andererseits selbst das erlesenste Ereignis fade und glanzlos bleibt, wenn nicht irgend jemand mit einem Tablett perlender Sektgläser durch die Reihen geht.

Natürlich kann auch beim Sekt - analog zur Weinkultur - Kenner- und Könnerschaft gezeigt werden. Der Sekt- und Champagner-Gourmet wird damit zu so etwas wie einem Experten des Besonderen. Wo er/sie die Stimme erhebt, erfährt der Zuhörer, welche Besonderungshöhen man durch die Wahl des ''richtigen'' Tropfens noch erklimmen kann.

Spirituosen - Kultivierung von Kipp-Bildern

Der stärkste Verwandlungsimpuls alkoholischer Getränke geht selbstredend von Spirituosen aus. Wer hier das berühmte ''eine Gläschen zuviel'' kippt, kippt damit auch buchstäblich aus den Pantoffeln. Dagegen ist es sehr geschätzt, zu einem mächtigen Essen vorher oder hinterher oder vorher und hinterher das berühmte ''Gläschen in Ehren'' zu genießen. Die schon beim Verzehr unmittelbar spürbare Wirkung entlastet und entspannt. Der Cognac zur blauen Stunde, der Whisky am Kamin oder der Eierlikör zum Damenkränzchen zeigen zudem: am besten kommt der Mensch mit Spirituosen zurecht, wenn er ihren Genuß fest in Abläufe und Rituale einbindet. Er hat in solchen Fällen den ''Geist aus der Flasche'' kultiviert und - einigermaßen - sicher im Griff.

Auch bei Spirituosen gilt: die Kennerschaft hebt das gesellschaftliche Ansehen und ''schützt'' zugleich vor dem Absturz in haltloses Reinschütten. So gehen Kultur und Alkohol auch in diesem Fall Hand in Hand.

Mit diesem kleinen Einblick in einige der psychologischen Besonderheiten alkoholischer Getränke endet der Ausflug in die Getränkepsychologie. Der Autor möchte an dieser Stelle gerne noch zwei Hoffnungen zum Ausdruck bringen: Möge nun keiner mehr behaupten, die Wahl eines Getränkes hänge vornehmlich vom ''Geschmack'' oder der ''durststillenden Qualität'' eines Produktes ab. Und: Man sollte in Zukunft bei der Planung von Produkten, Marken, Kommunikation oder Handelsauftritt der psychologischen Dimension mehr als bislang Beachtung schenken. Dafür stehen der Autor und sein Institut jedem Hersteller, Vertreiber oder Händler gerne als Forscher und Berater zur Seite!

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