Jugend im Osten - heimatlos
12.07.2005

Glatzen, Springerstiefel und rechtsradikale Gewaltexzesse bestimmen im Westen das Bild der Jugend im Osten. Doch Sensationslust und die gängigen Vorstellungen Erwachsener von "Jugendlichkeit" werden enttäuscht, wenn ostdeutsche Jugendliche von ihrem Leben, ihren Plänen, Hoffnungen und Erwartungen erzählen. Die Jugend in den neuen Bundesländern - so das Ergebnis einer rheingold-Studie - ist eine Jugend, die keine sein darf, kann und will! Der psychologische Sinn dieser Form von Jugendkultur erschließt sich vor dem Hintergrund der von vielen erlebten "Wende"-Geschichte.

Am Beispiel der Elterngeneration haben die jungen Erwachsenen erfahren, in welch existenzielle Bedrohungen man geraten kann, wenn angesichts der Verlockungen des "goldenen" Westens einer jugendlich-leichtfertigen Lebensgier nachgegeben wird. Dem Ausbruch aus den streng limitierten und reglementierten Verhältnissen der DDR folgte zigtausendfach ein böses Erwachen: Arbeitslosigkeit, Überschuldung, zerbrochene Familien. Über Nacht fand man sich in einer fremden Alltagskultur wieder, deren elementare Regeln man erst mühsam erlernen muß.

Reaktion auf den gesellschaftlichen Kollaps ist das Bemühen, sich als "erwachsener" zu erweisen als die eigenen Eltern. Die Jugend im Osten will nicht gierig dastehen, will Verlockungen widerstehen lernen und Kompromisse finden. Statt einem jugendlichen Expansionsdrang zu folgen, setzt sie auf verläßliche Ordnungen und den Rückzug ins heimelig Private. Das, was den Eltern passiert ist, soll ihnen nicht widerfahren. Die Jugendlichen in den neuen Bundesländern trauen aktuell weder sich noch den Verhältnissen. Seelisch heimatlos, bewegt sie insbesondere die elementare Grundfrage: Wie mache ich was aus meinem Leben?

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