Jugend in der Gummiwelt  - Jugendstudie 2007
Jugend in der Gummiwelt - Jugendstudie 2007
16.04.2007

Die Tage der dauerelastischen Berufsjugendlichen mit kecker Gelfrisur und Lifestyle-Obsessionen sind gezählt. Heutige Jugendliche verachten die ewig pubertierenden Erwachsenen in Medien und Gesellschaft, sie betrachten sie als Diebe, die ihnen das Letzte rauben, was sie den Erwachsenen voraus haben – ihre Jugend. Um auf Jugendliche zu wirken, muss man sich heute nicht mehr jugendlich verkleiden, sondern die eigene Position klarmachen – Klartext reden.

Dies ist ein Ergebnis der Jugendstudie, die das rheingold-Institut, Köln, im Auftrag von Axel Springer Mediahouse, München, durchführte. In zweistündigen Tiefeninterviews wurden 40 Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren befragt. Der Wunsch nach sinnvollen Grenzen, nach Aufträgen und Vorbildern, an denen man sich reiben kann, entspringt der Lebenssituation der Jugendlichen. Sie leben wie in einer Gummizelle: Umgeben von einem Konsumparadies, in dem scheinbar ‚alles geht’, machen sie die Erfahrung,  dass faktisch ‚nichts mehr geht’, dass ihnen kein sinnvoller Weg in die Gesellschaft offen steht.

Das widersprüchliche Bild, das die heutige Jugend in den Berichten der verschiedenen Forschungsinstitute zeigt – für die einen ist sie fügsam, optimistisch, fortschrittsgläubig, für die anderen angstvoll, bedrückt verunsichert – spiegelt insgesamt genau das gespaltene Weltbild der Jugendlichen. Auf der einen Seite sehen sie die Winner, Normalos und Reichen – auf der anderen die Loser, Asis und Hartz IV.  

Frühere Generationen hatten das Gefühl, durch Ausbildung, durch Arbeit oder wenigstens durch Beziehungs-Management (90er Jahre) eine eigenständige Position in der Welt erringen zu können. Heute sieht die Welt für Jugendliche so aus, dass sie zwischen „Superstar“ und „Hartz IV“ hilflos in der Mitte baumeln. „Werde reich oder stirb traurig“: auf diese  Alternative verengt sich der gesellschaftliche Sinn-Horizont, wozu dann unterschwellig Empfehlungen geliefert werden, die soziales Handeln auf Kaufen, Tricksen, Blenden, Klauen, Hauen, Hocken beschränken. 

Viele Jugendliche sehen Erwachsene als Narren oder Heuchler, die so tun, als hätten sie die Lage im Griff, in Wahrheit aber die Kontrolle verloren haben. Auf ihre Vorteile bedacht,  lassen Erwachsene die Jugendlichen im Stich: „Keiner kümmert sich um uns, schon gar nicht die Politiker, die kümmern sich nur um andere Länder.“ Erstaunlich! Trotz der von vielen Erwachsenen vorgetragenen Dauer-Bekümmerung fühlen sich heutige Jugendliche elternlos. Sie suchen daher Zweitfamilien auf: In Cliquen, in Gangs oder in Games finden sie die Auftrittsmöglichkeiten, die klaren Hierarchien und einfachen Regeln, die ihnen in „Multikultopia“ fehlen.

Eine andere Jugend-Strategie zielt auf den Erhalt eines Zustands permanenter Berieselung. Snacks und Drinks als Sinn-Lückenfüller, MP3-Player als Ohren-Schnuller, Events am laufenden Band, Handys und Messenger-Systeme verdrängen die eigenen Ohnmachtsgefühle zusammen mit dem ‚schwarzen Loch’, das aus der Zukunft auf die Einzelnen zukommt. Die Eltern sind nur zu gern bereit, diese Dauerbefütterung bis zum Konsumkoma zu unterstützen, um ihre Kinder zu ruhigen, artigen und verträglichen Geschöpfen zu machen und lästige Fragen aus der Welt zu schaffen, auf die sie selber keine Antwort wissen.

In heimlicher Komplizenschaft kehren Alt und Jung den Generationskonflikt unter den Teppich. Trotz gegenteiliger Bekundungen eröffnet die ältere Generation den Jungen per Internet-Game oder MTV bereitwillig die Flucht in künstliche Paradiese. Die Jugendlichen ‚danken’ den Erwachsenen damit, dass sie sich völlig von ihnen abschotten. Statt einer offenen Auseinandersetzung schwelt stummer Verdruss, der sich provokativ in subtilen Verletzungen von Umgangsformen ausdrückt, zunehmend aber in Gewalttaten übergeht. Diese Steigerungen erwecken den Eindruck, als würden Jugendliche nach der harten Hand rufen, die ihnen die ältere Generation verweigert. 

Werbung und Konsum versprechen immer das, was den Leuten fehlt. Was fehlt Jugendlichen heute, die doch scheinbar alles haben? Wie spricht man diese ‚sensible Zielgruppe’ an? Die rheingold-Untersuchung zeigte, dass bei allem Überfluss den Jugendlichen vier Dinge fehlen:

·  Klartext statt Doppelmoral und Verständnisheuchelei. Jugendliche kann man heute mit einem klaren Nein eher gewinnen, als indem man zu allem Ja sagt. Das Nein gibt ihnen die Chance zu Streit und Revolte – und damit zu einer eigenen Entwicklung!

·  Entwicklungsschritte statt Perfektionsansprüche. Jugendlichen ist mehr mit praktischer Ausrüstung für den täglichen Überlebenskampf geholfen als mit Hochglanzwelten, die nur den Druck auf die schüchternen eigenen Ansätze steigern (Beispiel: Umgang mit dem anderen Geschlecht).   

·  Begleitung statt Allein-Lassen. Jugendliche suchen gestandene Erwachsene, die ihnen etwas zu sagen haben – und ihnen auch wirklich zuhören! Erwachsene Begleiter sind nicht out, im Gegenteil, wohl aber solche Erwachsene, die sich wie Kinder benehmen (Beispiel: Abwehr von Mobbing und Gewalt).

   Sinn-Angebote statt Sinn-Blockade. Jugendliche wollen tätig in der Erwachsenenwelt mitwirken, wollen dort eine Rolle spielen und nicht in den Partykeller abgeschoben werden. Die Not der Jugend macht darauf aufmerksam, dass sich der Reichtum unserer Kultur nicht im kleinen Kreis des Shoppings erschöpft (Beispiel: Entwicklung musischer oder sozialer Fertigkeiten).   

Werbung und Marketing werden von Erwachsenen gemacht, so dass die Neigung besteht, eigene Wunschbilder, wie denn die Jugend sein soll, den Jugendlichen unterzuschieben. Damit schützen sich die Erwachsenen  selber vor dem unangenehmen Verwandlungs-Anspruch, den jede Jugend an sie heran trägt. Welche Art Verwandlung fordern Jugendliche heute?

Der Generationskonflikt ist ein Motor der Gesellschaft. Wenn er nicht wieder anspringt, schwelen die Konflikte destruktiv unter dem Teppich, bis der Brand ausbricht (siehe Frankreich). Diese unangenehme Lage gibt den Erwachsenen heute die schöne Chance, sich selber darüber klar zu werden, was ihnen wirklich wichtig ist, wofür sie kämpfen – und welche gesellschaftliche Reform die Sinn-Blockade zu überwinden vermag, die bisher mit Paradies-Versprechen und Konsumkoma überdeckt wird. Die junge Generation möchte der älteren die Maske der Political Correctness  vom Gesicht reißen, sie möchte wissen, wozu sich ihre Eltern wirklich bekennen – und wozu sie Nein sagen. In dieser Hinsicht sind die Kinder tatsächlich Erzieher ihrer Eltern.

Die Befunde der Jugendstudie sind alarmierend. Daher macht es auch keinen Sinn, die Situation zu beschönigen und eine werbliche Hurra-Jugend-Studie zu verfassen. Die Zeiten des ungebrochenen Jugendkults und der freudig bewegten Loveparade sind vorbei. Auch die Jugendlichen fordern von den Erwachsenen und den Medien Klartext – schonungslose Aufklärung und eindeutige Positionen. In diesem Sinne soll die Studie im doppelten Sinne aufstören: Sie soll den Blick schärfen für die seelische Lage deutscher Teenager und dadurch eine sensible Verstehensbasis für ihre Lebenshaltung eröffnen. Sie soll aber auch die Rolle der Erwachsenen im Generationenkonflikt widerspiegeln und zu neuen Umgangsformen mit Jugendlichen ermutigen.

Klartext erzeugt Widerspruch und Widerstand. Aber dieser Widerstand ist fruchtbar. Er durchbricht die gesellschaftliche Schweigemauer und das Stillhalteabkommen zwischen den Generationen. Klartext hilft bei der Entwicklung eigener
(Gegen-)Positionen. Er entfacht einen produktiven Generationskonflikt und damit eine Auseinandersetzung über den Sinn unserer Zukunft. Er entfacht ein Meinungs- und Gestaltungsklima, in das Jugendliche ihre einzigartige soziale Meisterschaft und ihre Komplexitäts-Virtuosität einbringen können.

Es gibt zusammenfassend neun Leitlinien der Jugend-Kommunikation

1. Klartext reden statt schönen!

2. Schonungslos aufklären statt Perfektions-Heuchelei und Zukleisterung von Problemen.

3. Zuhören und Kontroversen eröffnen statt abspeisender Einbahn-Kommunikation.

4. Eigene (erwachsene) Positionen beziehen, die nicht nach dem Munde der Jugend geredet sind. Dadurch werden das gesellschaftliche Stillhalteabkommen und die freundliche Schweigemauer durchbrochen. Die Jugendliche haben die Chance zu Streit und Revolte.

5. Den Jugendlichen durch konkrete Aufträge und anpackbare Perspektiven zeigen, dass sie gebraucht werden.

6. Vorbilder und Haltungen vermitteln, die nicht perfekt oder geleckt, sondern (auf-)brüchig und in Entwicklung sind.

7. Die Jugendlichen herausfordern statt sie zu beschwichtigen. Ihnen Mut machen, sich auf Ungewisses, Übergänge und Neuland einzulassen.

8. Vermitteln, dass Entwicklungen und Fortschritte nicht glatt verlaufen, sondern nur über Widerstände, Rückschläge und Niederlagen möglich sind. Das Durchhalten wird im Alltag belohnt.

9. Träume und Zukunftsbilder diskutieren, die eine Alternative zum stilllegenden Versorgungs-Paradies und Konsumkoma bieten.



Es gibt zwei Zukunftsperspektiven, die aus dieser rheingold-Jugendstudie folgen:

Die pessimistische Perspektive

Die Jugendkultur wird im Jahre 2012 hauptsächlich von drei Gruppierungen bestimmt – von Gangs, Träumern und Schläfern. Sie sind Reaktionen gegen die erlebte Lebensangst, Perspektivlosigkeit und Ohnmacht.

Die Gangs haben die liberalen Freundeskreise entweder ganz ersetzt oder sie tyrannisieren sie. Jenseits der bürgerlichen Ordnung tobt ein heimlicher Bürgerkrieg und beschwört anarchische Zustände. Die völlige Entpolitisierung der Jugend geht einher mit Markierung neuer Kampfzonen durch regionale, nationale oder religiöse Unterschieden. Die unzähligen Banden und Clans werden zu straff organisierten kleinen Parallel-Gesellschaften mit zum Teil fundamentalistischen Zügen.

Die Träumer sind friedlicher. Aufgrund ihre Lebensangst und ihrer Ressentiments gegen Banden oder gegen Frauen haben sie sich weitgehend aus dem gesellschaftlichen Leben zurückgezogen. Sie leben isoliert in ihren virtuellen PlayStation-Welten. Das Internet ist ihr bevorzugtes Tor zur Wirklichkeit, hier versuchen sie, Karriere in ihrem second life zu machen.

Die Schläfer sind vereinzelte Jugendliche, die gewaltsam aus dieser autistischen Lebensführung ausbrechen. Die bisher im Konsumkoma oder in den künstlichen Paradiesen ruhig gestellte, eingekapselte Angst artikuliert sich in gewaltsamen Explosionen: In willkürlichen Gewaltakten, Straßenkämpfen, Randale an Schulen bis hin zu Anschlägen oder Amokläufen wird die erlebte Ohnmacht in Macht verwandelt.


Die optimistische Perspektive

Der Generationskonflikt als Motor gesellschaftlicher Entwicklung springt wieder an. Das gesellschaftliche Stillhalteabkommen wird durchbrochen, weil die Erwachsenen – Eltern, Lehrer und Politiker - ihre Haltung zur Jugend ändern. Sie beziehen klare Positionen und bieten daher der Jugend auch wieder Raum zum Widerspruch, Widerstand und zur Entwicklung einer eigenen Gegenposition.

Die Ewachsenen-Gesellschaft findet in dieser Auseinandersetzung mit der Jugend einen dritten Weg: Sie fällt weder in die autoritären Muster preußischen Kadavergehorsams und unbedingter Disziplin-Einforderung zurück. Noch lutscht sie das stets verständnisvolle und jugendbewegte Gegenmodell aus, in dem ein tolerantes Blanko-Verständnis jede wirkliche Auseinander-Setzung erspart. Sie setzt auf die fürsorgliche, aber kritische Begleitung der Jugend. Begleitung heißt, die Jugend aus der Ohnmacht führen, ihnen Aufträge, Ziele und eine vorbildliche Haltung vermitteln und sie dadurch zum Handeln bringen.

Die Jugend reagiert darauf, indem sie Reibung, Bestätigung und Erfüllung nicht in virtuellen oder radikalen Parallel-Gesellschaften sucht. Sie klinkt sich vehement wieder in den gesellschaftlich-politischen Prozess ein und findet hier ihre sinnstiftende und die Welt verändernde Kampfzone. Und sie bringt dabei ihre einzigartigen Potentiale ein: ihre soziale Meisterschaft, ihre Komplexitäts-Virtuosität und ihre Fähigkeit zum Teamgeist und Networking.

Text und Studie:
Dipl. Psychologe Stephan Grünewald
Dr. Daniel Salber




Pressekontakt:
Thomas Kirschmeier
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