Jugendkultur Jugend-Cooltour
12.07.2005

Auf der einen Seite der sichere Rückhalt des Elternhauses, auf der anderen konsequenzlose Beliebigkeit: Die Jugend der 90er Jahre ist vielen ein Rätsel. Eine rheingold-studie zur Jugend bringt Licht in deren Cooltour.

Die Jugend der späten 90er Jahre bringt Jugendforscher und Marketingverantwortliche zum Verzweifeln. Sie wohnt brav bei den Eltern und schlägt sich doch ganze Wochenenden auf Techno-Raves um die Ohren. Sie ist kritisch, aber rebelliert nicht, sie zappt zwischen Heavy Metal und Grunge, zwischen Satan und Streetball. Sie hat ihre eigene Welt und arbeitet doch zielstrebig an Lehre und Karriere. Ist die Jugend heute konservativ oder revolutionär?

Die Jugend, so das Ergebnis einer rheingold-Studie zur Jugend-Cooltour, lebt eine Relativitätstheorie der Wirklichkeit. Alles ist relativ, und alles wird relativiert: die Haltung zu Moral und Grundwerten, zur Macht des Schicksals, zu Sinn und Unsinn. Die Jugend der späten 90er ergreift nicht Partei, sie steht über den Dingen und Standpunkten. Von einer souveränen Warte aus wird der verwelkte Enthusiasmus der Eltern milde belächelt.

Psychologisch betrachtet, entpuppt sich die Cooltour als folgerichtige Reaktion auf die leidvollen Erfahrungen der Eltern und Großeltern. Die Generation der Großeltern hat bis zur Selbstaufgabe auf die Allmachtsideale des Nationalsozialismus gesetzt, die 68er-Generation der Eltern auf die Erlösungsideale der APO, des real existierenden Sozialismus oder des Kapitalismus amerikanischer Prägung. All diese Kultur-Ideale sind zusammengebrochen, und die schmerzlichen psychologischen Folgen sind trotz aller Wohlstandsmaskierungen spürbar.

Die Jugend reagiert mit einer ungeheuren Angst vor Entschiedenheiten. Die Relativierung der Wirklichkeit und die panischen Bild- und Trendwechsel der Jugend sind Selbstschutz und unbewußte Schmerzvermeidungsstrategie. Der coole ästhetische Blick auf die Wirklichkeit soll verhindern, in schmerzliche und leidvolle Entwicklungen zu geraten. Die Jugend flüchtet in eine gespaltene Welt: auf der einen Seite der sichere Rückhalt des Partyservice Elternhaus, auf der anderen Seite das jugendliche Paralleluniversum - das virtuelle Reich konsequenzloser Beliebigkeit. Diese Light-Version des Lebens hat jedoch keine Zukunft. Schon die nächste Jugend-Generation - die heute Zehnjährigen - wird sich in neue Fundamentalismen stürzen.

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