Karneval - Die kontrollierte Revolte der Sehnsüchte
Karneval - Die kontrollierte Revolte der Sehnsüchte
12.07.2005

Karneval ist das Fest der Verwandlung. Bereits rein äußerlich betrachtet verwandelt sich unsere Wirklichkeit: Die Mitmenschen verkleiden sich, die Kneipen werden umdekoriert, auf den Straßen wandelt sich der Verkehr in ein buntes Treiben. Aber auch die Stimmung, die Atmosphäre und die gesamte Kultur wandeln sich: Die (Form-)Strenge des Alltags weicht dem ausgelassenen Überschwang. Bestehende Grenzen und Standesdünkel lösen sich auf und die Welt ''verbrüdert'' sich im Tanz und Rausch.

Psychologisch betrachtet zeigt der Karneval, daß das Seelische immer nach Verwandlung strebt. Die Verwandlung in alles denk- bzw. wünschbar Mögliche ist der eigentliche Sinn und Inhalt unseres Seelenlebens. Die Menschen haben daher in ihrem Alltag eine tiefe (Sehn-)Sucht nach Verwandlung. Aber auf der anderen Seite haben die Menschen auch eine ebenso tiefe Angst vor der Verwandlung und ihren Folgen. Verwandlung bedeutet immer die Auflösung und Zerstörung vertrauter Lebensformen, die uns bisher einen Sinn und eine Orientierung gaben. Diese Angst führt wiederum dazu, daß wir feste Verhaltens- und Lebensmuster aufbauen und kultivieren, die uns eine verläßliche Sicherheit und (Lebens-)Ordnung garantieren. Diese festen Lebensformen werden aber durch unsere Sehnsüchte immer wieder unbewußt durchbrochen. Der Karneval markiert dabei so etwas wie den ritualisierten und geplanten Durchbruch unserer Sehnsüchte. Denn in jedem Seelischen bleiben (unbefriedigte) Reste: Es gelingt keiner Lebensform, alle Verwandlungswünsche zu berücksichtigen und zu befriedigen. Der Karneval gibt jetzt diesen unvermeindlichen Resten eine einmalige und kurzfristige Chance, das Leben zu bestimmen und sich zu verwirklichen.

Von daher hat der Karneval den Charakter einer (begrenzten) Revolte (der Reste bzw. Sehnsüchte) gegenüber unseren eingespielten Lebensformen: Der bisherige Lebenssinn wird umgekehrt: Die Frauen bzw. das Volk ergreifen die Macht und beherrschen die Straße, die festen Lebenspartner werden verlassen auf der Suche nach der neuen Liebe und dem neuen Lebenssinn.

Interessant dabei ist, daß unsere Kultur gut daran tut, diese Revolte zuzulassen. Denn die unbewußten Verwandlungswünsche und Sehnsüchte, die latente Umtriebigkeit des Seelischen sind der Feind der Kultur: Die Kultur engt das unendliche Spektrum der Verwandlungsmöglichkeiten auf spezifische und (kultur-)typische Ausrichtungen ein. Das derart eingegrenzte Verwandlungsspektrum droht aber immer wieder die kulturellen Ordnungen zu sprengen oder aufzulösen. In dem ständigen Kampf zwischen unseren Verwandlungswünschen und den Rechten bzw. Aufgaben unserer Kultur bringt der Karneval eine Verlagerung, von der beide Seiten profitieren: Die Kultur eröffnet einen kontrollierten, d.h. streng umgrenzten Spielraum für Verwandlungen und garantiert so, daß die Verwandlungen keine dauerhaften Konsequenzen haben. Mehr noch: Der durch die Kultur eröffnete Spielraum erschöpft sich schließlich in einer wieder erwachten Sehnsucht nach unseren bewährten Alltagsformen.

Eine kulturelle Vor-Bedingung des Karnevals ist also, daß die Revolte unserer Verwandlungswünsche einen festen Rahmen bekommt, der eine Art Seelen-Selbstschutz darstellt: Nach sechs tollen Tagen ist das Spiel aus. Entwicklungen, die in den sechs Tagen betrieben worden sind, haben dann keine Geltung mehr getreu dem Motto "Von all meinen Küssen will sie nichts mehr wissen". Diese Reversibilität und die zeitliche Eingrenzung sind die Voraussetzung für ein konsequenzloses (und damit unbelastetes, im Sinne von angstfreies) Durchdrehen. Das deutet sich bereits in dem Wort Ausflippen an: Der Flipper springt nach dem kurzen Positionswechsel wieder in die Ausgangsstellung zurück: Die alte Ordnung des Alltags wird nach der kurzen Flipp-Phase wieder hergestellt. Anderes bedeutet das Wort Ausrasten. Hier wird der Seelenbetrieb dauerhaft gesprengt und das hat Konsequenzen, die man nicht ohne weiteres wieder rückgängig machen kann.

Die orgiastische Lebenssteigerung, die der Verwandlungstrubel des Karnevals mit sich bringt, kann man vor dem Hintergrund des Todes-Themas verstehen, das den Karneval insgeheim mitbestimmt. Der Karneval ist das Fest der letzten Stunde: Es beginnt am 11. 11. um 11 Uhr 11 und endet im Aschenkreuz, das die ''tote'' Fastenzeit einleitet. Über all dem sinnenfrohen Treiben des Karnevals liegt daher eine winterliche Melancholie, eine tief-traurige Einsicht in die Vergänglichkeit des irdischen Treibens, die auch in den wehmütigen Untertönen vieler Karnevalslieder anklingt. Der Karneval ist eine verzweifelte Lebenssteigerung angesichts des nahenden Winters bzw. Todes, ein einziger gigantischer Totentanz, der ein Vorbild in den Massenextasen zu Zeiten der Schwarzen Pest findet.

Ein tiefer Sinn der bunten karnevalesken Verwandlungen und des demonstrierten Lebensüberschusses ist es daher, die eigentlich gefürchtete Verwandlung, die endgültige Auflösung unserer Lebenformen - den Tod - zu verdrängen bzw. vergessen zu machen.

Psychologisch betrachtet spielt sich das, was sich während der sechstägigen Karnevalszeit ereignet, täglich ab. In unserem Lebensalltag ist mehrmals täglich Karneval - wenn auch nur für wenige Minuten. Wir schaffen uns tagtäglich kontrollierte Spielräume, in denen wir ausflippen und unsere Verwandlungswünsche ausleben können. Wir flippen in unsere Traum- und Tagtraumwelten, in denen wir ebenso wie vor dem Fernseher unermeßliche Verwandlungen durchleben. Wir schlüpfen abends in eine neue Rolle, indem wir uns mit dem Parfüm oder Rasierwasser ein markantes Duftkleid überstreifen. Beim Putzen führen wir häusliche Kleinkriege, in denen wir der Oberkommandierer über ganze Putzbatterien sind und die feindliche Schmutzopposition vernichten. Und ohne diesen befreienden täglichen Karneval können auch die erklärten Karnevalsmuffel ihren Alltag nicht bestreiten.

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