Kunstwerk Seele - Interview mit Prof. Salber
Kunstwerk Seele - Interview mit Prof. Salber
12.07.2005

D.: Herr Professor Salber, Köln hat mit Salber einen besseren Ruf bekommen - keinen ganz unumstrittenen. Sie haben Verehrer und Abgeneigte. Was macht den Kern ihrer Sache aus?
S.: Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass ich das Seelische als eine Art Kunstwerk ansehe, und dieses Kunstwerk ist immer auf sinnliche und materiale Gegebenheiten bezogen. Es entwickelt sich in Werken und es will um jeden Preis irgendeine Art von Verwandlung durchsetzen. Damit werden die Leute schlecht fertig.


D.: Sie haben neue Kategorien in der Psychologie geschaffen. Sie schreiben selber: Eine unbequeme und andere Psychologie. Was ist daran anders?
S.: Anders ist, daß wir immer davon ausgehen, was wir wirklich beschreiben können, wenn wir eine Sache untersuchen. Erst dann machen wir eine Aussage. Die weicht von dem ab, was man sich so selber erzählt, nur vernünftig, oder wenn man nur logisch über die Sache nachdenkt.
D.: Ihre Gründlichkeit und der Vorsatz, in der Vorlesung, Zusammenhänge zu sehen, erfordert Geduld.
S.: Ja, das kann man wohl sagen. Ich würde das noch zuspitzen. Wir leben zur Zeit in einer Kultur, die man als „Auskuppel-Kultur“ bezeichnen kann. Wir wollen aus lauter Verwandlungsgier und auch aus Angst vor der Verwandlung immer von einem zum andern hüpfen, damit uns nichts gefangen nehmen kann und damit uns auch nichts wehtun kann. Geduld - das ist, das man im Grunde die Konsequenz in einer Sache austrägt. Es sind immer Sachen, bei denen wir einiges durchmachen müssen. Ich glaube, dieses Durchmachen, das haben die Leute gar nicht mehr gelernt, deshalb kommen sie auch an viele Seiten der Wirklichkeit gar nicht mehr heran.
D.: Sie sprechen viel von Produktionszusammenhang. Das klingt in der Psychologie sehr modern, sozusagen griffig. Was meinen Sie auf Ihrem Gebiet damit?
S: Also ich hab früher mal Latein und Griechisch gehabt und weiß, was producere heisst.
Das heisst: herausführen, etwas in Entwicklung bringen. Die Produktion heisst nicht, dass wir mit Maschienen etwas machen, sondern Seelisches... ich kann das mal so auf Kölsch formulieren: Is ständig am Gestalten, am Kramen un am Umkramen.
D.: All das Beobachtete muss in ein System kommen. So arbeitet die Wissenschaft. Alles will Verwandlung werden - aber wie schafft man da eine eingängige Übersicht, ein Prinzip?
S.: Ja. Diese eingängige Übersicht finden wir erstaunlicherweise bereits in den Märchen vorbereitet. Die von Grimm zeigen ungefähr drei Dutzend von Verwandlungsmöglichkeiten. Das ist ein System, welches nicht logisch und rational, nicht definitorisch - aber lebendig ist.
D. Sie sprechen von Alltagskultur: Wie einer beim Aufstehen, Frühstücken, Autofahren, Spielen, Telefonieren „mit sich zusammenhängt“...
S: Ja - der Mensch ist einer, der sich kultivieren muss, damit er überhaupt mit der Vielfalt seiner Möglichkeiten und mit der Behinderung des Menschen in der Welt fertig wird. In jedem Alltag wirkt etwas wie ein Bild der Kultur, mit der wir zurechtkommen müssen. Wenn man dieses Bild verwässert, dann wird auch der Alltag ein zerrissener, und ein peinlich-, ja gespannter Alltag.

D.: Sie sind nun 75 Jahre alt. Es gibt ja Menschen, die werden als Pensionisten geboren - und Sie werden wahrscheinlich nie dafür in Frage kommen. Den Alltag als Möglichkeit der Kultivierung zu sehen, erscheint das mir als Positives. Also Kultur in das bringen, was uns alle so ärgert! Wie haben Sie selber diesen Dreh gekriegt?
S.: Das ist etwas, was sich entwickelt hat. Vor über 50 Jahren wurde ich promoviert, seit dieser Zeit habe ich mich ununterbrochen mit diesem schönen Spiel des Seelischen beschäftigt. Ich denke, das ist ein unendliches Spiel. Dennoch kommen immer wieder diese Märchen raus - das macht mir Spaß. Die sind älter, als ich!

Das Interview führte Ingeborg Drews

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