Leicht, bekömmlich, transportabel
Leicht, bekömmlich, transportabel
12.07.2005

Die rheingold-Thesen zu den aktuellen Ernährungstrends:

1. Die Derythmisierung des Ernährungsverhaltens schreitet weiter fort.
Feste, rituelle Mahlzeiten lösen sich immer weiter auf. Ernährung wird immer stärker zum Nebenwerk und muss sich daher immer besser in situative Freizeit- und Arbeitskontexte einpassen. Damit sind psychologisch betrachtet drei übergreifende Konsequenzen verbunden.

a) Miniaturisierung von Food und Getränken
Klein, einfach und transportabel sollen sie sein und daher jederzeit einsetzbar.
b) Bagatalisierung von Food und Getränken, damit sie im Nebenbei konsumierbar sind. Das bedeutet: nur geringe, geschmackliche Intensität, Leichtigkeit und Bekömmlichkeit statt opulenter Sinnenfreude.
c) Ästhetisierung von Food und Getränken
Sie müssen optisch ansprechend und jederzeit vorzeigbar sein und sollen nicht nach Ernährung aussehen.

2. Im Zuge der Derythmisierung übernehmen Food und Getränke immer mehr psychische Funktionen.
Drei Food- und Getränketypen haben in Zukunft Konjunktur:

a) Food und Getränke als situatives Therapeutikum
Vor allem Snack-Produkte, aber auch Getränke und Spirituosen sollen eine bestimmte Stimmung beim Verwender erzeugen und ihn in eine bestimmte seelische Verfassung bringen.
b) Food und Getränke als ständige Wegbegleiter
Vor allem Mineralwasser, bevorzugt ohne Kohlensäure, wird zum Versorgungs-Talisman, den man jederzeit mit sich führt und rund um die Uhr nutzt.
c) Food und Getränke als Inszenierungsmittel
Vor allem bei Jugendlichen beobachtbar. Sie betreiben eine subtile Form von Konsumanarchie. Bei Food und Getränken suchen sie neue Ausdrucksformen und meiden daher die klassischen deutschen Standards wie Bier, Kaffee oder Sekt und suchen neue Spezialitäten mit internationalem Flair:
Prosecco statt Sekt, Latte Macchiato oder Corretti statt Kaffee und Rigo oder Smirnoff Ice statt Bier. Der Flair, die Profilierungsmöglichkeit, das Herstellungsverfahren und der Verzehrhabitus sind hier wichtig.

3. Bei den herkömmlichen Mahlzeiten verstärkte Wünsche nach Auswahlerleichterung und Orientierung im Sinne eines Menüplans und nach konvenienter Zubereitungserleichterung.

4. Lebensmittelskandale führen nur zu kurzfristigen Umstellungen des Ernährungsverhaltens.
Das periodische Aufsuchen von externen Sündenböcken beschwichtigt das eigene schlechte Ernährungsgewissen.

5. Das Kaufverhalten spaltet sich weiter auf.
Die Grundbedarfdeckung verlagert sich in Richtung Discount, daneben nimmt der demonstrative Einkauf von Frischware im Bioladen zu.

6. Viele klassische Food- und Getränkemarken haben ihre psychologische Stimmigkeit und ihr Kompetenzprofil durch ihre Aufsplitterung in zahllose Line Extender und Produktvarianten geschwächt.
Sie werden zudem in die Zange genommen von einerseits Handelsmarken, die zum Teil einfacher, basischer und alltagsnäher wirken, andererseits durch neue internationale Spezialmarken, die fokussierter, besonderer und profilierter auftreten.

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