Lenas Sieg – „die unbefleckte Empfängnis“
Lenas Sieg – „die unbefleckte Empfängnis“
01.06.2010
„Lenamania“ – anders kann man nicht ausdrücken, was seit ca. drei Wochen in Presse und Öffentlichkeit passiert. Aber woher kommt es, dass eine 19-jährige ganz Deutschland in Entzücken versetzt und Gedanken an das Sommermärchen von 2006 wach werden lässt?
Lena Meyer-Landrut ist in den Augen der Betrachter (und Fans) eine zerbrechliche, unschuldige Jungfrau – eine Art modernes Schneewittchen. Und wie die Gestalt im Grimm’schen Märchen verfügt auch Lena über zwei Seiten:

 

Auf der einen Seite verzückt sie die Menschen mit einer kindlich entwaffnenden Offenheit, quirligen Lebensfreude und erfrischenden Schönheit. Als unbeschwerter Unschuldsengel schafft sie einen herrlich positiven Gegenentwurf zu den „geklonten“ und im wahrsten Sinne des Wortes „fertigen“ Epigonen diverser Casting Shows – aber auch ein Kontrastprogramm zur aktuellen Politik- und Finanzkrise. Sie hat scheinbar weder Schuld noch Schulden.

 

Auf der anderen Seite strahlt sie aber auch eine liebenswerte Unbeholfenheit, Naivität und Zerbrechlichkeit aus. In ihrer trippelnden und tastenden Unfertigkeit markiert sie auf der Bühne den krassen Gegenentwurf zu den perfekt durchgestylten Sangesdiven und den teilweise bombastisch überzeichneten Shows der Konkurrenten.

 

Und genau darin – in dieser Zweiseitigkeit/Ambiguität  liegt das Geheimnis der Wirkung von Lena. Die Menschen geraten im Umgang mit Lena in eine gesteigerte Rührung und Mitbewegung. Sie wollen Lena schützen, behüten und geradezu „nach oben tragen“. Der Erfolg von Lena ist nicht allein in ihrer Schönheit oder Sangeskunst begründet, sondern Ausdruck eines massen-psychologischen Phänomens: Alle Zuschauer, alle Menschen machen sich freiwillig und voller Elan gewissermaßen zu  nationalen oder europäischen „Entwicklungshelfern“, die Lena zum Sieg tragen wollen. Damit hat jeder Einzelne aber auch seinen Anteil an ihrem Erfolg.

 

Interessant ist, dass die Menschen derzeit an diesem unbefleckten Bild von Lena unbedingt festhalten wollen. Insgeheim vermutet jeder zwar, dass einiges an der entwaffnenden „Offenheit“ und der Unbekümmertheit doch medial inszeniert sein könnte. Das wird jedoch sogleich wieder ausgeblendet. Man will den berauschenden Schein wahren und nicht wissen, was dahinter ist. Lena soll für immer unsere Lena bleiben.

 

Die Öffentlichkeit hängt so sehr an diesem Bild unschuldiger und zerbrechlicher Schönheit, dass sie Lena – wie im Märchen vom Schneewittchen – am liebsten in einen Glasssarg stecken will. Das Lena-Bild soll für immer bewahrt und für die Allgemeinheit behalten werden. Sie soll ewig auf dem Gipfel stehen – schön und bestaunenswert. Lena als Liebespartnerin, als Ehegattin, als Mutter oder als gereifte Frau mit Falten scheint unvorstellbar.

 

Und genau darin liegt die Gefahr für Lena und es stellt sich die Frage, wann sich „Unverbrauchbarkeit verbraucht“? Im öffentlichen Glassarg würde man Lena Meyer-Landrut ihrer Entwicklung berauben, aller Möglichkeiten, Chancen und auch Fehler, die vor einer jungen Frau liegen.

Wollen Sie's wissen? Dann beachten Sie auch das Interview mit Stephan Grünewald in der "Aktuellen Stunde" des WDR.


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