Lust statt Frust - Keine Angst vor den Piraten
Lust statt Frust - Keine Angst vor den Piraten
09.05.2012
In einer tiefenpsychologischen Studie hat sich das rheingold Institut jetzt mit dem Phänomen der Piraten-Partei beschäftigt. Die Psychologen kommen zu dem Schluss, dass die neue Partei die resignative Wut der Bürger in eine kreative Veränderungs-Lust verwandelt. Die Frustrationen beflügeln die Piraten und ihre Anhänger zu einem produktiven Mitwirken in Sachen Politik. Ihnen wird viel mehr die Aufgabe zugewiesen, die Politik wachzurütteln. Von daher sind die Piraten eher systemstabilisierend als bedrohlich, so die Studie.

Studie des rheingold Instituts zeigt: Die neuen Freibeuter sind systemstabilisierend

Köln - In einer tiefenpsychologischen Studie hat sich das renommierte Kölner rheingold Institut jetzt mit dem Phänomen der Piraten-Partei beschäftigt. Die Psychologen kommen zu dem Schluss, dass die neue Partei die resignative Wut der Bürger in eine kreative Veränderungs-Lust verwandelt. Die Frustrationen über den Politikalltag und die Kaste der Berufspolitiker beflügeln die Piraten und ihre Anhänger zu einem produktiven Mitwirken in Sachen Politik. Regierungsbeteiligung sei für die Piraten dabei nicht zielführend. Ihnen wird viel mehr die Aufgabe zugewiesen, die Politik wachzurütteln, ihr auf die Finger zu schauen und kreative Denkansätze zu fördern. Von daher sind die Piraten eher systemstabilisierend als bedrohlich, so das Kölner rheingold institut.

1. Die Piraten-Partei stellt einen naiv-unbekümmerten Gegenentwurf zum erstarrten Polit-Establishment dar

Bereits der Name der Piraten-Partei weckt nonkonformistische Kindheitsträume von Freibeutern, die dem offiziellen System trotzen und sich oder anderen in Robin-Hood-Manier das zurückerobern, was ihnen vermeintlich zusteht. Die Piraten gelten zwar als „Sauhaufen“, der sich weder an die Etikette noch die ästhetischen Konventionen hält, aber das verströmt auch eine anarchisch anmutende Ungezwungen- und Lockerheit, die sich wohltuend von der nichtssagenden Korrektheit des Politbetriebs abhebt. Und sie versprechen eine unkonventionelle und neuartige Herangehensweise, die verheisst, Festgefahrenes aufzumischen und auch in Krisenzeiten zu neuen Ufern aufbrechen zu können. Denn das Vertrauen in die Politik ist angesichts von Rücktritten, Affären und Wendemanövern stark erschüttert.

Während die etablierten Parteien den Bürgern als erstarrt und in sich selbst gefangen erscheinen, entfachen die Piraten einen „frischen Wind“ und „belebenden Aufbruchsgeist“, der die resignative Schwere der Politik zugunsten eines lustvollen Mit- und Aufmischens vertreibt. Das wirkt zum Teil regelrecht ansteckend auf die Wähler. Auch weil mögliche Fehltritte, Unwissenheiten oder Peinlichkeiten hier nicht gnadenlos abgestraft werden, sondern als authentisch und ehrlich goutiert werden.

2. Die Kernwerte der Piraten-Partei sind (Gedanken-)Freiheit, Versorgungs-Gleichheit und mitgestaltende Brüderlichkeit

Die Piraten werden als eine neue freie und vor allem liberale Kraft wahrgenommen. In einer Zeit, die von dem Krisendiktum „alternativlos“ und vielen freiwillig auferlegten Denkverboten geprägt scheint, postulieren sie eine „Freiheits-Denke“, die alles allen zugänglich machen und überkommene Besitzstände überwinden will. Die uneingeschränkte Mobilität und Verfügbarkeit des Internets soll als Gleichheits-Standard auf die Gesellschaft übertragen werden: Ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ und die „freie Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln“ sollen eine radikale Grundversorgung ermöglichen, die man allenfalls noch aus Kindertagen kannte (als Mutti versorgte und Papa kutschierte). Die erlebte Entfremdung und Entmündigung vom Politik-Betrieb soll schließlich durch eine neue Brüderlichkeit oder „Schwarm-Demokratie“ ersetzt werden, die jedem die Chance zur mittelbaren Mitgestaltung eröffnet. So kann eine größtmögliche Nähe zu den Bürgern und ihren Problemen gewährleistet werden.

3. Die Piraten können die Wähler nicht enttäuschen: Man billigt ihnen ihre Unwissenheit zu

Mit ihrer Sympathie für die Piraten-Partei wappnen sich viele Wähler auch vor den Enttäuschungen, die sie im Umgang mit der Politik immer wieder erfahren haben. Man fordert, dass die Piraten möglichst „gesichtslos“ bleiben und dass sich niemand zu stark aus der Mannschaft in den Vordergrund spielt. So kann man auch nicht enttäuscht werden, wenn z.B. eine führende Repräsentantin wie Marina Weisband zurücktritt. Man gestattet den Piraten aber auch ein eingeschränktes Blickfeld. Es wird ihnen beinahe sogar als Stärke ausgelegt, dass sie auf einem Auge blind sind und beispielsweise über keine Wirtschafskompetenz verfügen. Das wirkt allemal ehrlicher und authentischer. Denn der demonstrative Durchblick in allen Ressorts wird dem einzelnen Politiker heute schon lange nicht mehr zugetraut.

4. Die Piraten sollen keine politische Verantwortung übernehmen, sondern den Politikern Augen, Ohren und Beine machen

Eine Regierungsbeteiligung der Piraten wird von den Wählern nicht gewünscht. Man will vielmehr durch die Wahl der Piratenpartei ein „Zeichen setzen“. Die festgefahrenen Verhältnisse sollen gründlich aufgemischt werden. Allerdings nicht durch eine trotzige Oppositions-Politik. Die Piraten sollen eher als überparteilicher Katalysator oder als Entwicklungs-Ferment fungieren. Sie sollen den etablierten Parteien die Augen öffnen für die Belange der Bürger. Sie sollen ein Sprachrohr sein für all die nicht geäußerten und nicht gehörten Wünsche der Wähler. Und sie sollen den Politikern Beine machen, indem sie Druck erzeugen und die anderen Parteien quasi zum Handeln zwingen. Für die nächsten Jahre reicht den Wählern diese politische Vermittlungs- oder Mediations-Aufgabe der Piratenpartei. Sie wünschen sich, dass die Piraten in dieser Zeit wachsen, „politisch laufen lernen“ und vor allem ihre „Unschuld und Unabhängigkeit bewahren“.

5. Die Piraten sind revolutionär. Sie verwandeln resignative Wut in Veränderungs-Lust

Die Piraten sind revolutionär in ihrem Modus Politik zu betreiben. Sie bringen die angestammte Parteien- und Koalitionslandschaft ungehörig durcheinander, sind aber letztendlich doch systemstabilisierend. Denn sie kanalisieren das gesellschaftliche Unbehagen, die Wut und Enttäuschung, die sich bei Wutbürgern und Politikverdrossenen Bahn zu brechen droht. Ihre kollektiv-unkonventionelle Polit-Utopie heizt keine (klassen-)kämpferische Stimmung an. Sie baut keine Barrikaden, sondern weicht bestehende Verhärtungen und Erstarrungen auf. Sie weckt die Freude an einer ungenierten und naiv-experimentellen politischen Partizipation. Sie hilft, resignative Wut in Veränderungs-Lust zu verwandeln. Und sie suggeriert dabei einen Aufbruch, der unbedenklich ist und keine ernsthaften oder schmerzlichen Nebenwirkungen zeitigt.

Zur Studie:

Die rheingold-Interviews und Gruppendiskussionen wurden mit 30 unentschlossenen Wählern, die sich vorstellen können, erstmals die Piratenpartei zu wählen, im Mai 2012 durchgeführt. Autoren der Studie sind die Dipl.-Psychologen Stephan Grünewald, Judith Behmer und Heinz Grüne vom rheingold Institut in Köln.

Kontakt:          Thomas Kirschmeier, rheingold Institut

                        Tel. 0221 / 912 777 44

                        kirschmeier~AT~rheingold-online.de

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