Machtspielchen
12.07.2005

com!online:
Was ist reizvoll daran, unbemerkt fremde Menschen zu beobachten?

Grüne:
Die Gottesperspektive. Eine Webcam vermittelt das Gefühl, wie ein Riese das Dach eines beliebigen Hauses wegzunehmen und hineinzuschauen. Der Alltag eines anderen ist ja nicht wirklich alltäglich, sondern neu und reizvoll. Deshalb sind Amateure manchmal interessanter als perfekt ausgeleuchtete Stars.


com!online:
Weil sie voyeristische Bedürfnisse befriedigen?

Grüne:
Hier spioniert ja nicht ein sabbernder Spanner ein Opfer aus. Es ist vielmehr ein seltsames Machtspielchen: "Du siehst mich nicht, ich dich aber" und umgekehrt: "Ich schaffe es, deine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen."


com!online:
Ist es auch ein Spiel, seine Privatsphäre aufzugeben?

Grüne:
Da können wir Psychologen tief nach Motiven graben. Man muss sich ja auch fragen: Wie lange macht das jemand? Und: Verdient er damit auch Geld? Wenn Sie sich die gesamte Landschaft im Internet anschauen, finden Sie dort eine ganz zugespitzte Form von Zeigelust. Das hängt auch mit der Möglichkeit zusammen, dass plötzlich jeder etwas veröffentlichen kann. Auch das Unperfekte, das Abweichende.


com!online:
Wird in ein paar Jahren eine Kamera in der eigenen Wohnung also tatsächlich keine Seltenheit mehr sein?

Grüne:
Webcams sind eine Randerscheinung in der Internet-Landschaft. Der Aha-Effekt wird dabei nur ein kurzfristiger sein, der Sensationsfaktor ist stehts ein endlicher. Und schließlich gibt es ja auch kamerascheue Leute. Das wird auch in Zukunft so bleiben.

Interview: Anja Schröder
erschienen in com!online 9/99 (Seite 47)

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