Männerstudie 2015 - Mit Interview ''Nicht nur lieb und knuddelig''
Männerstudie 2015 - Mit Interview "Nicht nur lieb und knuddelig"
19.08.2015
Was ist heute mit den Männern los? Während der Fußball-WM werden sie als Helden umjubelt, aber ansonsten überwiegt seit Jahren der kritisch-fragende Blick auf die „Herren der Erschöpfung“. Die ZEIT titelte 2014 gar „Das geschwächte Geschlecht“ und beschwor die aktuelle „Not am Mann“: „Männer sind öfter krank als Frauen, trinken mehr Alkohol, werden eher arbeitslos – oder arbeiten sich zu Tode. Sie halten mit dem gesellschaftlichen Wandel nicht mehr Schritt.“

Spricht man wie jetzt in der rheingold-Männerstudie in den über 70 tiefenpsychologischen Interviews und 1000 Online-Befragungen mit Männern über ihr Mannsein, dann zeigen sich die meisten Männer sicher und selbstbewusst, wenn man über ihren Beruf und ihre Arbeit spricht. Die hier erlebte Funktions-Potenz, kippt jedoch in eine Art Privat-Insolvenz sobald man mit den Männern über ihr Beziehungsleben spricht.

Gerade gegenüber den Frauen zeigt sich seit Jahren eine männliche Inszenierungskrise, die immer seltsamere Formen annimmt. Die Männer wissen oft nicht mehr wie sich als Mann gegenüber Frauen positionieren und auftreten sollen. Denn das MannSein gehorcht heute zwei diametral entgegen gesetzten Bildern. Auf der einen Seite soll der Mann immer noch in traditioneller Manier der durchsetzungsstarke Bestimmer sein, der die Hosen anhat und in Machomanier auch bereit ist, auf den Tisch zu hauen. Aber auf der anderen Seite hat sich ein postmodernes Klischeebild von einem ebenso pflegeleichten wie pflegefreudigen Frauenversteher herausgebildet. Vor allem in Deutschland soll der Mann eben nicht mehr hart wie Kruppstahl sein, sondern weich, reflektiert, empfindsam und nachgiebig.

Im Alltag erzeugen diese unvereinbaren Regieanweisungen jedoch eine zunehmende Erosion des Männerbildes, die sich in einer wachsenden Rollenunsicherheit der Männer ausdrückt. Soll man denn heute hart, klar, entschieden und kompromisslos wie Putin sein oder doch lieber die friedensbewegte Putte, die für alles Verständnis hat und im Zweifelsfall klein beigibt? Bezeichnenderweise gibt es heute immer mehr Männer, die sich nicht ohne Stolz als „Mädchen für alles sein“ definieren. Da sich aber auch viele Frauen als „Mädchen für alles“ sehen, ist eine Rollen- und Verantwortungsdiffusion im Beziehungs- oder Familienleben vorprogrammiert, die ein ständiger Nährboden für Streitereien ist.

Die unterschiedlichen Männer-Typen:
Die rheingold Männerstudie 2015


In ihrer Ratlosigkeit orientieren sich heute viele Männer unbewusst am Blick der Frau. Sie versuchen zu antizipieren, was frau von ihnen erwartet und hoffen, dass sie die (mütterliche) Liebe ihrer Partnerin erhalten können, wenn sie ihrer Erwartung gerecht werden. Die Folge ist, dass Männer oft gar nicht ihre eigenen Wünsche und Ansprüche artikulieren, sondern in vorauseilendem Gehorsam auf ‚Lieb-Kind-machen‘. Sie passen sich brav an und zeigen sich verzagt und voller Selbstzweifel: „Vielleicht mache ich ja zu viel falsch, dass sie nie zufrieden ist.“ Das manifestiert sich auch darin, dass in der Männer-Typologie der „Schoßhund“ mit 27% der weitaus größte aller sieben Männer-Typen ist. Ein typisches Zitat: „Als Mann soll man heute die beste Freundin seiner Frau sein.“ Aber Männer, die sich nicht schuldig machen wollen, die ständig folgsam versuchen den Erwartungen ihrer Partnerin gerecht werden zu wollen und sich kompensatorisch in sporadischen Trotzanfällen oder kleinen Fluchten ergehen, wirken wenig authentisch und stoßen nicht auf die Gegenliebe der Frauen. Nicht wenige Männer erkennen daher heute desillusioniert, dass sie einen ungeheuren Aufwand betrieben haben, es ihren Partnerinnen recht zu machen, aber dann doch vor den Trümmern ihrer Partnerschaft stehen.

Bei jüngeren Männern zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Sie sind meist schon mit einer berufstätigen Mutter groß geworden und haben so schon früh gelernt für sich selbst zu sorgen und ihre eigenen Ansprüche offen zu artikulieren. Im Umgang mit ihren Partnern sind sie bestrebt pragmatisch und gemeinsam auszuhandeln, wer welche Aufgaben und Verantwortungen übernimmt und wie das Zusammenleben aussehen soll. Oft entwickelt sich dabei eine Partnerschaft auf Augenhöhe, die aber gerade aufgrund der großen gegenseitigen Anpassungsund Angleichungsbereitschaft Gefahr läuft in eine Brüderchern und Schwesterchen-Logik zu geraten. In einer solchen pragmatisch-geschwisterlichen Wohn- und Lebensgemeinschaft erstickt dann oft nach kurzer Zeit das Feuer der Leidenschaft und Liebe.

Hier die Zusammenfassung der Mänenrstudie als Movie:




Geliebt werden letztlich doch die markanten Gestalten, die einen eigenen und klaren Standpunkt beziehen, der sie im doppelten Sinne angreifbar macht. Es gibt letztlich keine Liebe ohne Schuld. Das bedeutet für den Mann allerdings nicht den Rückfall in die Zeiten des Patriarchats in denen der Mann rigide seine Machtansprüche durchsetzt. Die Emanzipation und damit die Freiheit einer flexiblen und selbstgewählten Rollenaufteilung und Beziehungsgestaltung ist eine unverzichtbare Kulturerrungenschaft, aber auch eine ständige Herausforderung für ein neues Mann-Sein. Diese Herausforderung lässt sich weder durch altväterliche Rigidität noch durch neubrave Anpassung meistern, sondern durch eine Bereitschaft sich wirklich mit sich und seinem Partner auseinanderzusetzen. Auseinandersetzung bedeutet als Mann aber zuerst einmal sich zu seinen eigenen Wünschen, Interessen und Ansprüchen offen zu bekennen. Und sich dann auf einen wechselvollen und zuweilen mühseligen Prozess mit dem Partner einzulassen, in dem Lösungen entwickelt, Vereinbarungen getroffen und gemeinsame Perspektiven ausgelotet werden. Diese Auseinandersetzungen dürfen und müssen auch kontrovers, aufreibend und hitzig sein. Denn diese Hitze braucht mann um produktive Lösungen zu schmieden und um das Feuer der Liebe wieder neu zu entfachen.

Schützenhilfe auf dem Weg zu einem neuen auseinandersetzungs-starken Männerbild erhoffen die Männer auch von der Werbung. Out sind die werblichen Macho- oder Softie-Klischees. Gesucht wird ein souveränes Mannsein, das auf Markanz und Substanz statt auf Anpassung setzt. Dabei zeigen die Männer aber auch durchaus ihre Berührbarkeit und Sensibilität. Man will den Männern wieder ansehen, dass sie auf ihrem Weg sind. Sie können dabei auch einmal fallen, aber sie und müssen nicht um jeden Preis gefallen. Die Zeiten glatter und makelloser Perfektion sind vorbei. Gesucht werden authentische Männer, denen man ihre Reife und ihre Entwicklung ansieht.


© 2015 rheingold