Märchenhafte Auszeit
Märchenhafte Auszeit
03.07.2014
Es ist wieder soweit: die WM beschert den Menschen eine märchenhafte Auszeit. Jeder, der sich nur ein wenig für Fußball interessiert, ist von den Mühen der täglichen Freizeitgestaltung weitgehend befreit. Der Alltag gewinnt einen neuen Rhythmus, geprägt von Vorfreude, Dramatik und kollektiver Leidenschaft.

Die Unüberschaubarkeit des Lebens mit seiner scheinbar unaufhörlich-unauflösbaren Abfolge von Finanz-, Krim- oder Europakrisen weicht einer klaren, alle vereinenden Vision: dem WM-Titelgewinn. Die Gesellschaft, die immer stärker zu zerfallen droht, wächst zu einer freudig fiebernden und feiernden Gemeinschaft zusammen, die einen unbeschwerten Partyotismus zelebriert.

Aber der Druck, dass sich die deutschen Hoffnungen dieses Mal tatsächlich erfüllen, ist höher als bei den letzten beiden Turnieren. Das zeigen paradoxerweise die vielen Unkenrufe, die der Mannschaft ein frühes Ausscheiden prophezeiten. Diese Skepsis ist als eine Art Enttäuschungs-Prophylaxe zu verstehen. Gerade, weil der Erwartungsdruck heute so übergroß ist, versucht man einem möglichen Ausscheiden die Schmerzlichkeit zu nehmen, indem man insgeheim ja schon damit gerechnet hat.

In der Tat besitzen Schweinsteiger, Podolski und Co. nicht mehr ihren Jugend-Kredit von 2006. Damals läuteten sie eine neue Fußballära ein, die Fußball-Deutschland aus der jahrelangen Stagnation führte. Die unbeschwerten „Klinsmannen“ begeisterten mit Leidenschaft und Spielfreude und avancierten so trotz des verpassten Finales zu „Weltmeistern der Herzen“. Heute stehen die deutschen Hoffnungsträger im Zenit ihres Könnens und müssen zeigen, dass sie zu gestandenen Männern gereift sind, die nicht nur brillieren, sondern auch finalisieren können. Zumal sich die Messlatte durch die Erfolgspermanenz des FC Bayern München verschoben hat. Da die Bayern es zumindest 2013 zur erfolgreichsten Mannschaft der Welt geschafft haben, wächst der Anspruch an die Nationalelf, es dem Vereinsteam gleich zu tun.

Auch angesichts der gesellschaftlichen Grundstimmung steigt die Sehnsucht nach rauschhaften und eruptiven Momenten. Gerade weil Deutschland die Finanzkrise bislang meisterhaft überstanden hat, ist Stabilität seit Jahren oberstes Gebot: nur keine Experimente, nur keine Risiken eingehen. Vor den Toren des Landes lauert doch die Krise. Uns geht es ja noch Gold. Und eigentlich kann es in der Zukunft nur schlimmer werden. Also soll am besten alles so bleiben wie es ist. Angela Merkel gewann die Wahl 2013, weil sie den Menschen eine permanente Gegenwart versprochen hat. Ein Zustand, der nicht durch politische Visionen oder Leidenschaften gefährdet werden sollte. Das ist für die Menschen zwar beruhigend, aber auch langweilig. Daher kommt ihnen die Aussicht auf einen kurzen, aber letztlich folgenlosen Ausbruch aus der Stabilitätsstarre gerade recht.

Die Begeisterung über die Wutrede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat jüngst gezeigt, wie sehr auch er damit jene Sehnsucht erfüllt hat, einmal auszubrechen und Druck abzulassen. Aber eben nur für einen kurzen Moment. Garantiert gewinnt einer wie Steinmeier sogleich die Fassung wieder und bleibt berechenbar. Als Meister der Diplomatie und Ausbund an Selbstbeherrschung steht er dafür, dass sein Ausbruch keine negativen Folgen haben wird. Sein Ausbruch ist ein reinigendes Gewitter, das die stabile deutsche Großwetterlage nicht gefährdet.

Aber führt die deutsche Sehnsucht nach einem kurzfristigen und zugleich folgenlosen Ausbruch die Nationalelf schon zur Weltmeisterschaft? Die Hoffnung ist jedenfalls groß. Bislang freilich ist Deutschland nur in Zeiten gesamtgesellschaftlicher Aufbruchsstimmung Weltmeister geworden. 1954, als die Wirtschaftswunder-Euphorie alle zu erfassen begann. 1972 (Europameisterschaft) und 1974, als sich in der Ära Brandt ein junges, selbstbewusstes Land entwickelt hatte, in dem Mief der 1960er Jahre endgültig weggeblasen zu sein schien. Und 1990, als das Land noch ganz vom plötzlichen Glück der Wiedervereinigung getragen war. Davon ist heute nichts zu spüren. Aber vielleicht kann die Nationalmannschaft neuen Mut zur Zukunft machen. Schön wäre es. Wenn nicht, bleibt der Trost, dass mit dem Fußball ein Ewigkeitsversprechen verbunden ist, das unser Leben sonst nicht bietet: Wir können immer wieder bei Null anfangen. Nach der WM ist vor der WM.
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